Streiten, nicht schreien: Für eine bessere Debattenkultur im Netz

Lange Zeit wollten Medien möglichst viele Leserkommentare. Inzwischen sind sie zum Problem geworden: Zu oft wird geschossen, statt argumentiert. Doch Medien sind gegenüber der Kommentarflut nicht machtlos. Die Rezepte für einen besseren Leserdialog sind nicht einfach, aber es gibt sie.

Ein Mann mit Brille schaut mit geöffnetem Mund und grossen Augen in einen Monitor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pöbler und Trolle, wie lassen sie sich beruhigen? Getty Images

Weit unter dem Online-Artikel liegt das Tummelfeld der User. Dort wird mit harten Bandagen gekämpft: Leser kritisieren und beleidigen. Selten führen sie eine echte inhaltliche Debatte. «Die kommentieren nicht, die kotzen», schrieb Laura de Weck in ihrer Kolumne im «Tages-Anzeiger».

Die meisten Journalisten meiden diese «Kommentar-Hölle», fand eine aktuelle Studie heraus. Sie fühlen sich kaum verantwortlich, was unter ihrem Text diskutiert wird. Die User agieren anonym und unbeobachtet. Mit Folgen: Leser beschweren sich über andere Leser, sind frustriert und überlassen das Feld einer kleinen, aber lauten Minderheit: den Pöblern und Trollen.

«Einen Fehler im System»

Das Ansehen von Qualitätsblättern leidet, wenn in den Kommentarspalten gewütet wird. Jüngst brachte es Stefan Plöchinger auf den Punkt, Leiter der Online-Ausgabe der «Süddeutschen Zeitung» und Mitglied der Chefredaktion. «Wir haben einen Fehler im System. Nämlich in den Foren der Nachrichtenseiten. Es ist Zeit, das zuzugeben. Wir müssen den Leserdialog neu denken», schrieb er in einem beachtlichen Blogeintrag. Beachtlich auch deshalb, weil sich Journalisten selten so einsichtig zeigen.

Legendär deutliche Worte fand auch Markus Beckedahl bei «Netzpolitik»: «Es ist nicht mein Job, mir das alles anzutun, aber ich mache es jetzt seit acht Jahren. Ich habe in der Zeit rund 130’000 Kommentare gelesen und leider waren die meisten Zeitverschwendung.» Sein Text erntete 377 Kommentare.

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Buch: «Der unsichtbare Mensch»

«Wir erleben gerade eine entscheidende Phase des Internets, in der wir das soziale Miteinander online neu definieren», schreibt die österreichische Medienjournalistin Ingrid Brodnig in ihrem Buch «Der unsichtbare Mensch». Wieso sie diesbezüglich sehr optimistisch ist, lesen sie hier.

Gegen die Anonymität

Es muss sich was ändern – diese Einsicht ist gereift. Medien haben die Mittel, die Qualität der Debatten zu verbessern. Und der Journalismus gewinnt, wenn er mit Meinungen und Ideen von Lesern angereichert wird. Doch was tun?

Studien bestätigen, dass sich User anständiger verhalten, wenn sie mit ihrem echten Namen dazu stehen müssen. Viele Medien führen deshalb die Klarnamen-Pflicht ein. Kommentare sind also nur noch möglich, wenn man sich etwa mit seinem Facebook-Login anmeldet. Die «Huffington Post» ging diesen Weg, der «Tages-Anzeiger» folgt. Es ist der einfachste Weg, und er kann tatsächlich Besserung bringen.

Doch will man den Leserdialog langfristig und markant verbessern, die User erziehen und Trolle verbannen, reicht das nicht. Denn Anonymität ist nur ein Faktor, der zur Entgleisung der Debatten führt. «Wenn der Firnis der Zivilisiertheit reisst, dann egal, ob mit Klarnamen oder Pseudonymen – er reisst einfach immer, wenn der Pöbelbereite keine Angst vor sozialer Kontrolle hat», schreibt Plöchinger von der «Süddeutschen.de».

Moderation und Reduktion

Nötig sind harte Moderationen der Debatten. Und hier wird es für Redaktionen richtig aufwendig. «Zeit online» praktiziert das vorbildlich. Die Redaktion übernimmt Verantwortung für Leserkommentare, begreift sie als Teil des eigenen Journalismus und greift dementsprechend früh und rigoros ein. Sie löscht Kommentare, spricht User direkt an, leitet die Diskussion – aber jederzeit für alle transparent. Zu sehen kürzlich beim Artikel zum Tod von Robin Williams, zu dem es Kommentare unter jeder Würde gab. «Entfernt, da antisemitisch», steht da jetzt zum Beispiel anstelle eines gelöschten Kommentars.

Das führt zwangsläufig zu (absurden) Zensurvorwürfen. Halten wir es dazu mit Nick Denton, Gründer des amerikanischen Gossip-Blogs «Gawker»: «Es ist unsere Party und wir entscheiden, wer kommt.»

Leserclubs statt Kneipen

Eine Chance liegt auch in der Reduktion: Die «Süddeutsche Zeitung» wird dazu übergehen, Diskussionen auf wenige Themen pro Tag zu konzentrieren. Ziel: «Mehr Zeit für das Herausheben und Moderieren guter Argumente», so Plöchinger. Auch die «New York Times» handhabt das so und zeigt: Niveauvolle Debatten sind auch mit Pseudonymen möglich. Beim «Guardian» entscheidet sogar der Redakteur, ob er Kommentare zu seinem Artikel zulässt oder nicht. Zusätzlich gibt es immer bessere Software, die bei der Auswertung der Kommentare hilft, und auch die Community kann bei der Moderation helfen.

Letztlich geht es darum, «gutwillige Diskutanten vor böswilligen zu schützen», wie Plöchinger es ausdrückt. Er wünscht sich Leserclubs: «Keine Kneipen mit Schreikultur, sondern Salons mit Streitkultur.» Doch eine neue Form des Leserdialogs ist nur möglich, wenn beide Seiten mehr Verantwortung übernehmen: Redaktion wie Community.

Apropos «Kommentarhölle»: Die «New York Times» platziert wertvolle Kommentare prominent neben den Text statt darunter. Und belohnt sie so. Journalist und User auf Augenhöhe – es ist auch eine Frage der Darstellung.

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