Unsere täglichen News gib uns sofort: Pushen und kein Ende?

Die Echtzeit-Gesellschaft hatte noch nie so viele Mittel zur Verfügung wie heute. Push-Nachrichten sind der permanente Liveticker. Nichts entgeht uns. Das kann aber auch nerven. Die Medienhäuser kämpfen um Aufmerksamkeit und suchen gleichzeitig eine Balance zwischen Service und Eigenwerbung.

Bild von Soldaten in Nizza, darüber ein Smartphone mit der entsprechenden Push-Nachricht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ständig überall Terror? Echtzeit-Informationen über Push-Nachrichten können diesen Eindruck verstärken. Getty Images / Screenshot / Bildmontage

  • Push-Nachrichten sind seit etwa fünf Jahren weit verbreitet.
  • Längst werden sie auch für anderes als Breaking News verwendet: für Bildergalerien, Gif-Sammlungen, Wettermeldungen oder für den Tag der Katze.
  • Das kann nerven, aber: Ein guter Push steigert die Zugriffsrate auf einen Artikel um ein Vielfaches.
  • Viele Medienunternehmen suchen deshalb nach der perfekten Push-Formel.
  • Denn der Trend ist klar: Beim Kampf um die Aufmerksamkeit und Reichweite werden die Push-Nachrichten immer zentraler.

Wenn jeder «Hafechäs» gepusht wird

Wer auf seinem Handy eine Nachrichten-App installiert hat, kennt es: Ständig poppen Push-Meldungen auf. Das kann nerven. Eine Leserbefragung bei 20 Minuten, dem grössten Anbieter von Push-Mitteilungen in der Schweiz, ergab: Die Mehrheit der Teilnehmenden findet, es werde zu viel gepusht.

«Ein Viertel hat die Push-Funktion wieder deaktiviert, weil es ihnen zu viel war», sagt Gaudenz Looser, stellvertretender Chefredaktor von 20 Minuten. Beim Newsportal watson.ch klingt es ähnlich: «Wir haben Reklamationen, man solle nicht jeden ‹Hafechäs› pushen», sagt Chefredaktor Maurice Thiriet.

Trotzdem: Insgesamt werden die Push-Nachrichten gut angenommen. «Sie werden auch über einen längeren Zeitraum nicht abbestellt», sagt Thiriet. Und Gaudenz Looser von 20 Minuten glaubt: «Die Konsumenten haben sich an diesen ‹Nachrichtenticker› gewöhnt.»

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Breaking News? Das war einmal

Angefangen hat es 2009: Seit dann kann auf Apple-Geräten gepusht werden, auf Android seit 2010. Mit der Verbreitung von Smartphones und bezahlbarem mobilem Internet nahmen auch die Push-Nachrichten zu.

Screenshot mit einem Push zum Wetter, zu einem Tötungsdelikt und zur Leitzinssenkung in Grossbritannien. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Von Wetter bis Leitzins: die thematische Spannbreite bei Push-Nachrichten ist gross. SRF

In den Anfängen wurde zurückhaltend gepusht: bei wichtigen oder unerwarteten Ereignissen, den Breaking News.

Doch damit kann man sich heute schlecht von der Konkurrenz abheben: Wenn der Tennisspieler Novak Djokovic in Rio ausscheidet, pushen alle Portale praktisch gleichzeitig nahezu identische Mitteilungen.

Andere Themen, andere Tonalität

Deshalb sind viele Portale dazu übergegangen, auch Geschichten zu pushen, die wenig mit brennender Aktualität zu tun haben. Mit besonderen Eigenleistungen oder einer anderen Tonalität kann man sich besser von der Konkurrenz abheben. «19 Gewinner-GIFs zum Wochenende» oder «Hihi-hicks, heute ist der Tag des Bieres», heisst es dann.

Abstumpfung statt Aufmerksamkeit

Eine Folge dieser Entwicklungen: Die Zahl der Push-Nachrichten nimmt zu. Aber je mehr Nachrichten aufleuchten, desto weniger Gewicht hat die einzelne.

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Nerven Live-News heute mehr?

Früher gab es Zeitungen mit einer Morgen-, Mittags- und Abendausgabe. Das Radio ermöglicht schon seit Jahrzehnten Live-Erlebnisse. Fernsehsender wie CNN oder N24 berichten seit den 1980er-Jahren rund um die Uhr.

Allerdings: Einschalten musste man bisher immer selbst. Die Pushs heute kommen automatisch zu uns – bis aufs Klo und ins Schlafzimmer.

Statt zu mehr Aufmerksamkeit führt die Pusherei so zu Abstumpfung und Banalisierung.

Personalisieren statt banalisieren

Medienjournalist Nick Lüthi empfiehlt deshalb, die Pushs möglichst präzise einzustellen: «Die Nutzer können immer genauer auswählen, welche Art von Pushs sie erhalten möchten.»

Durch eine individuelle Auswahl nach Themen und Regionen würden Push-Nachrichten so zum personalisierten Newsfeed.

Die New York Times beispielsweise lotet diese Möglichkeiten der Personalisierung seit ein paar Monaten mit einem 11-köpfigen Team aus.

Die Suche nach dem perfekten Push

Was die perfekte Push-Formel ist, scheint in der Branche noch niemand so recht zu wissen. Einigkeit besteht nur darüber, dass die Bedeutung von Pushs zunehmen wird.

Denn das Smartphone wird als Nachrichtenquelle zentraler: Immer mehr Zugriffe auf News-Plattformen erfolgen von mobilen Geräten aus. Gemäss dem jüngsten «Digital News Report» von Reuters ist die Schweiz eines der ersten Länder, in denen mehr Nachrichten per Smartphone als am Desktop konsumiert werden.

Entwicklung der Push-Nachrichten

3:29 min, aus Kultur kompakt vom 08.08.2016

Push-Nachrichten sind entscheidend

Dazu kommt: Pushs funktionieren trotz Nervpotenzial sehr gut. Ein guter Push steigert die Zugriffsrate auf einen Artikel um ein Vielfaches.

Denn immer weniger User kommen von sich aus auf eine Nachrichtenseite oder eine App und schauen nach, was es Neues gibt. Viele klicken nur noch, wenn sie mit der Nase darauf gestossen – beziehungsweise gepusht – werden.

Für Medienmacher werden Pushs damit eine immer mächtigere Waffe im Kampf um Reichweite.