Web-Reportage sorgt für Begeisterungsstürme im Netz

Die Online-Reportage «Snow Fall» der New York Times löst im Netz Begeisterungsstürme aus, ihre Form wird sogar als zukunftsweisend beschrieben. Die Webseite ist unverkennbar gut aufgebaut, schön gestaltet und technisch hochgerüstet - doch umkrempeln wird sie den Online-Journalismus so schnell nicht.

Blick auf die verschneite Oberfläche des Bergs. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Animiertes Titelbild der Online-Reportage «Snow Fall» (Standbild). New York Times

Die Seite «Snow Fall» erzählt die wahre Geschichte von 16 professionellen Freeride-Fahrern, darunter auch Weltcup-Sieger, die sich treffen, um den Tunnel Creek, einer Region im Staat Washington, herunter zu fahren. Aus der geplanten Promo-Veranstaltung wird eine Höllenfahrt, denn einige der Teilnehmer lösen eine Lawine aus: vier werden von der Lawine mitgerissen, drei sterben und eine Person überlebt.

Animierte Route der überlebenden Fahrerin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Interaktives Geschichtenerzählen im Netz. New York Times

Die fünf Akte der Tragödie

Faszinierend an «Snow Fall» ist die Form und die Aufmachung der Reportage: Das Wechselspiel von Text, Audio, Video, imposanten Fotos und Animationen.

Anhand von Handy-Videos, Animationen, Fotos, Telefonmitschnitten wird die dramatische Geschichte der 16 Protagonisten in 5 Kapiteln nacherzählt, gleich den fünf Akten einer Tragödie: Das Ziel, die Anreise, die Abfahrt, der Abgang der Lawine  und schliesslich die Rettung beziehungsweise die Bergung.

Nicht nur die Dramaturgie von «Snow Fall» ist gut gewählt, sondern vor allem die Erzählweise. Text und Video greifen organisch ineinander oder sie fliessen sogar in einander über.

DIe Lawine rast den Berg hinunter Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Animation der Lawine in Echtzeit (Standbild). New York Times

Wenn Text und Animation verschmelzen

Im Kapitel «Blur of white» erfährt der Leser im Text, wie fünf der Freerider den Lawinenabgang kommen sehen. Die darauffolgende Animation startet  automatisch und zeichnet die Abwärtsbewegung der Lawine in Echtzeit nach. Die Animation ist nur leicht vom Text abgegrenzt und es entsteht der Eindruck beim Leser, die Webseite fliesse wie die dargestellte Lawine hinunter und führe zum nächsten Text.

Die weniger spektakulär dargestellten Kapitel überzeugen durch eine flüssige Durchmischung der Elemente Text, Video und Audio, die diese Höllenfahrt nachvollziehbar macht. Die Webseite «Snow Fall» ist gut erzählt, visuell reduziert und hoch ästhetisch - irgendwo zwischen Zeitungsartikel, Bildband und Film.

Nicht alltagstauglich, aber zukunftsweisend

Interaktive Geschichten sind im Web nicht neu. Unzählige Webdokus beweisen wie viel Kreativität im Netz zu finden ist.

Doch «Snow Fall» ist keine Webdoku, die Seite erinnert mehr an das reduzierte Layout einer Zeitung oder eines Online-Magazins. Die fliessende, multimediale Erzählweise ist sicher richtungsweisend, doch in diesem Projekt stecken monatelange Arbeit an Konzept, Animationen und technischen Ressourcen - und vor allem eines: viel Geld.

Die Seite ist unverkennbar ein Prestige-Projekt und nur durch sehr hohe Investitionen finanzierbar. Die Form ist also zukunftsweisend, doch nicht alltagstauglich.