Weshalb die Zeitschrift «Du» nicht «Ticktack» heisst

Alle Ausgaben des Kulturmagazins «Du» sind jetzt online verfügbar – ab der ersten Nummer aus dem Jahr 1941. Das Archiv ist eine richtige Schatzkiste – nicht nur für Historiker. So kann man anschaulich die Karriere der Zeitschrift, die eigentlich «Elan» oder «Ticktack» heissen sollte, mitverfolgen.

Das Internet ist um einen Kulturschatz reicher: Seit kurzem ist das gesamte Archiv des Kulturmagazins «Du» online verfügbar: Über retro.seals.ch sind alle Ausgaben seit der Ersterscheinung frei zugänglich. Man darf sich einfach nicht abschrecken lassen vom Design der Website (Listen über Listen) und von der Nutzerführung: Es braucht manchmal zwei Anläufe, bis man findet, was man sucht.

Jedes Heft kann online gelesen oder als PDF ausgedruckt werden – Werbung inklusive. Neue Ausgaben sind sechs Monate nach ihrer Veröffentlichung online abrufbar.

Du bist nicht allein!

Als die erste «Du»-Ausgabe am 1. März 1941 erscheint, ist die Schweiz eingeschlossen vom Krieg. Das Land ist gezeichnet von Städtealarm, Grenzdienst und Hilfsdienst, von Frauendienst, Ortswehr und Luftschutzdienst. Mitten in dieser angespannten Zeit gründet Chefredaktor Arnold Kübler im Auftrag seines Arbeitgebers, dem Verlag Conzett & Huber, eine neue «schweizerische Monatszeitschrift» als Nachfolgerin der «Zürcher Illustrierten», die verkauft wurde. Er nennt die Zeitschrift «Du». Doch der Titel trifft nicht überall auf Gegenliebe. Nur mit viel Überredungskunst kann Kübler ihn bei der Geschäftsleitung Durchsetzen, gegen Vorschläge wie «Impuls», «Terra», «Elan» oder «Imago» und «Ticktack».

«Du ist ein Programm. Wir leben in einer Zeit grösster Umwälzungen und Verschiebungen. Alle Tage rufen uns zu: Du bist nicht für dich allein da! Du hast Verantwortung und Aufgaben jenseits deiner persönlichen Neigungen und Abneigungen», begründet Kübler denn auch die Namenswahl im Impressum der ersten Ausgabe. «Etwas Naheliegenderes kann's ausser dem lieben Ich ja nicht geben.»

Ein Heftli für den Coiffeursalon

Titelblatt der Erstausgabe des «Du». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Seidenfabrikantserbin Maria Magdalena Schulthess (1772-1839) zierte das Titelblatt der Erstausgabe des «Du», 1941. Du/retro.seals.ch

Als Leser hat der Verlag jedermann im Visier. Gelesen werden soll das neue Monatsmagazin in den Warteräumen der Ärzte, denen das Magazin wärmstens ans Herz gelegt wird, wie man in den Abowerbungen sieht. Aber nicht nur: «Das Abonnement des Du-Heftes sollte für Sie, lieber Meister, keine Überlegenssache, sondern eine so notwendige Anschaffung wie Puder, Parfum und Schampoo sein», umwirbt die Zeitschrift in ganzseitigen Annoncen auch die Coiffeure.

Thematisch verspricht das neue Monatsmagazin Artikel über die schweizerische Gemeinschaft, Nachbarschaft, Kameradschaft, Ehe und den Staat. Es will berichten über die schweizerische Armee. Nicht über ihre Waffen, sondern über ihren Gemeinschaftsgeist. «Zwischen dem Ich und dem Du ist in unserer Zeit ein neues Leben aufgebrochen», erklärt Kübler die inhaltliche Ausrichtung in der ersten Zeitschrift.

Viel patriotischer Stoff

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Das Projekt

Im Rahmen des ETH-Projekts retro.seals.ch werden wissenschaftliche Zeitschriften retrodigitalisiert und über das Internet zugänglich gemacht. Die Durchführung erfolgt durch das Konsortium der Schweizer Hochschulbibliotheken sowie weiterer Institutionen aus dem Bibliotheksbereich, darunter auch die Schweizerische Nationalbibliothek.

Ein Versprechen, das er hält. Blättert man im Archiv online in der ersten Ausgabe, so sind das Leben in der kriegsumzingelten Schweiz, die Anbauschlacht und die Selbstversorgung die dominierenden Themen. Unter dem Titel «Der Hunger ist der beste Koch» kommen Ernährungswissenschaftler zu Wort und man ist sich einig: Der Krieg verändert das Essverhalten von Herrn und Frau Schweizer. Nicht unbedingt zum Schlechten: «Durch die Verknappung der Lebensmittel werden wir zwangsweise geheilt von der Fehlernährung, die sich in weitesten Kreisen eingebürgert hat», erklärt etwa der Professor Dr. W. von Gonzenbach aus Zürich. Kartoffeln sollen den Reis- und Teigwarengerichten vorgezogen werden. «Kochpersonal und Hausfrauen haben auf diesem Gebiete noch viel zu lernen», wird die damalige Präsidentin des Schweizer Verband Volksdienst Else Züblin-Spiller aus Kilchberg zitiert.

Viel patriotischer Stoff also, umrahmt von eindrücklichen Fotostrecken, die die Anbauschlacht verbildlichen. Über den Krieg wird in der ersten Ausgabe von «Du» nicht geschrieben. Auch nicht in den folgenden Ausgaben der Zeitschrift. Ein Entscheid, der erst unter Chefredaktor Dieter Bachmann in den 90er Jahren revidiert wird.

Monothematik und Kunstfotografie

Fotografien sollen auch in den weiteren Ausgaben von «Du» eine immer stärkere Rolle spielen und den Journalisten, Zeichner und Schriftsteller Kübler zu neuen Formen verleiten. So inspirieren ihn die Aufnahmen der Luzerner Totentanz-Bilder, gemalt von Jakob von Wyl, zum ersten monothematischen «Du» zum Thema «Tod», Heft 9, das bereits im November 1941 erscheint. Den Totentanz-Fotos widmet Kübler die Seiten 4 bis 19, darunter fünf ganzseitige Abbildungen.

Cover des Magazins Du Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das erste monothematische «Du» erschien im November 1941 zum Thema «Tod». Du/retro.seals.ch

Und im Januar 1942 publiziert er drei künstlerische Fotografien von Werner Bischof, obwohl er diese «reichlich graphisch und lebensfern» findet. Wie man im Online-Archiv sieht, zeigen die Fotos Schneckenhäuser, Ahornblätter und einen Ahornbaum: Es ist klar Fotokunst und nicht dokumentarische Fotografie wie bis anhin. Damit wird «Du» definitiv zum Magazin der neuen Möglichkeiten – und bekannt für seine Fotoreportagen.

Schweizer Kultur der letzten 70 Jahren

Die Beispiele zeigen: Das Stöbern im Du-Archiv lohnt sich. Es zeigt die Schweizer Kultur der letzten 70 Jahre auf, ihre Entwicklung und Konzeption, ihre Verknüpfung mit Politik und Gesellschaft und nicht zuletzt auch die Entwicklung der Schweiz selbst.

Und man kann Ausgabe für Ausgabe mitverfolgen, wie sich eine «Zeitschrift», die für die Kundschaft im Coiffeursalon gedacht war, zu einem international renommierten Kulturmagazin entwickelt hat.