«Women Film Pioneers» – wie Frauen Filmgeschichte schrieben

Frauen scheinen in der Filmgeschichte keine grosse Rolle gespielt zu haben. Dass dies eben nur so scheint, beweist das Web-Projekt «Women Film Pioneers» der amerikanischen Columbia-University.

Historische Aufnahme von Blanche Sewell. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Blanche Sewell gehörte zu den vielen Cutterinnen der Stummfilmzeit in Hollywood. Sie arbeitete bis 1949 bei MGM. Women Film Pioneers

Frauen in der frühen Filmgeschichte – und zwar nicht vor der Kamera, sondern dahinter? Da gab es nicht allzu viele: Namen wie Mary Pickford (Stummfilm-Schauspielerin und Mitbegründerin von United Artists) oder Thea von Harbou (schrieb das Drehbuch von «Metropolis») kennt man – und das auch nur vielleicht. Das war es dann auch an berühmten Damen.

Fritz Lang und seine Ehefrau Thea von Harbou. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fritz Lang und seine Ehefrau Thea von Harbou in ihrer Wohnung in Berlin-Schmargendorf, um 1923. Wikimedia

Die Filmindustrie war schon damals fest in der Hand des männlichen Geschlechts. Frauen durften hübsch aussehen – zu sagen hatten sie in der Stummfilmära auch vor der Kamera nichts.

Die Filmindustrie als Tummelplatz für Frauen

Falsch. Es haben nie so viele Frauen in der Filmindustrie gearbeitet, wie in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Damals waren die Frauen nicht nur in erwartbaren Sparten wie Kostümdesign zu finden. Es gab Kamerafrauen, Cutterinnen, Kino-Besitzerinnen oder Produzentinnen. In der Ära des Stummfilms war die Geschlechterverteilung sehr ausgeglichen: Ob Fiktion oder Dokumentarfilme, überall waren Frauen in führenden Positionen. Heute ist das kaum jemandem bewusst.

Das Web-Projekt «Women Film Pioneers» der Columbia University will das ändern. Das sehr umfangreiche Archiv über die in Vergessenheit geratene Pionierarbeit der Frauen wurde vor kurzem online geschaltet.

Zusatzinhalt überspringen

Kurze Website-Kritik

Kurze Website-Kritik

So spannend der Inhalt von «Women Film Pioneers» ist, so unspektakulär mutet die Aufmachung an: Text, Text, Text – gelegentlich unterbrochen von schwarz-weiss Fotos. Es gibt erstaunlicherweise kein Filmmaterial, was man bei so einem Thema doch erwarten würde. Deshalb gilt hier: Mit viel Verve festbeissen, Durchhaltevermögen wird belohnt.

«Die hohe Frauenrate war nicht nur auf die USA, also Hollywood, limitiert. Es war ein globales Phänomen», schreiben die Autoren der Website. «Unser Projekt fing als Suche nach weiblichen Filmpionierinnen in der Stummfilmzeit an. Wir wollten das etablierte Bild der männlichen Filmpioniere auf die Probe stellen. Die Forscher haben weitaus mehr Frauen gefunden, als irgendjemand erwartet hätte. Also wurde schnell nach folgendem Prinzip gearbeitet: Wovon wir annahmen, dass es nie existierte, ist das, was wir beständig finden.»

Phase 1 des «Women Film Pioneers»-Projekts

Die Fülle an Material auf der Website ist jetzt schon überwältigend – wobei noch nicht annähernd alles online ist. Zu Beginn haben die Macher den Schwerpunkt auf Kanada, Nord- und Südamerika gelegt. In mehreren Phasen soll die frühe Filmgeschichte in Europa, Asien und der Sowjetunion aufgearbeitet werden. In Phase zwei stehen unter anderem Australien, Deutschland und Italien im Fokus, so die Ankündigung.

Faszinierende Lebensläufe

Ein Schwerpunkt bildet neben (sehr ausführlichen) Essays mit Titeln wie «Cutting Women: Margaret Booth and Hollywood’s Pioneering Female Film Editors» die Porträt-Sammlung «Pioneers». Die Namen der über 150 Damen kennt man (bis auf oben genannte Ausnahmen) nicht. Aber hinter den schwarz-weiss Fotografien verstecken sich zum Teil faszinierende Biographien, wie die der «amerikanische Abenteurerin» (Wikipedia) Osa Johnson.

Historische Aufnahme von Dokumentarfilmerin Osa Johnson. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Selbst war die Frau schon damals: Osa Johnson mit erlegtem Nashorn auf einer ihrer vielen Film-Safaris. Women Film Pioneers

Als pflichtbewusste Ehefrau begleitete sie ihren Mann und Dokumentarfilmer Martin Johnson bei seinen Expeditionen nach Afrika. Sie spielte ihre Rolle als tapferes Frauchen gut: «Natürlich hatte ich immer mein Schminktäschchen dabei, auch im tiefsten Dschungel – jeder weiss doch, was amerikanische Ehemänner von einer glänzenden Nase halten», sagte sie dem Magazin Photoplay. Jedoch war sie für die Expeditionen und Dokumentarfilme unersetzlich. Obwohl «Mrs. Martin Johnson» nie im Abspann der Filme auftauchte, war sie zu gleichen Teilen an Produktion, Kameraführung und Schnitt der Filme beteiligt gewesen wie ihr Mann.

Als 1937 Martin Johnson bei einem Flugzeugabsturz starb, trat Osa selbstbewusster auf. Bald stellte sie in der «New York Times» klar: «Ich kann eine Kamera so gut wie irgendein Mann bedienen». Auf sich alleine gestellt unternahm Osa Johnson weitere Expeditionen, drehte als Regisseurin und Produzentin fünf Dokumentarfilme über die Tierwelt Afrikas, schrieb Bücher, entwarf eine Outdoor-Kleiderlinie für Frauen und produzierte naturgetreue Stofftiere für Kinder.

Warum verschwanden die Frauen?

Szene am Set mit Regisseur Cecil B. DeMille Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Anne Bauchens (2. v. l. mit Hut) war Cutterin. Regisseur Cecil B. DeMille (ganz links) arbeitete ausnahmslos mit ihr. Brigham Young University

Doch schon in den 1930-er Jahren wurde der Film eine fast reine Männerdomäne. Die Stars kennt man auch heute noch: Ernst Lubitsch, Fritz Lang, Sergei Eisenstein. Die Frauen durften sich gerne vor der Kamera in Szene setzen, dahinter traf man sie vor allem als Kostümschneiderinnen an.

Warum die Frauen aus der Filmindustrie verschwanden, darauf hat das «Women Film Pioneers»-Projekt eine Erklärung: «Das Verschwinden der Frauen ging mit der Entwicklung des Studiosystems Ende der 1920-er Jahre einher».

Das Studiosystem war also schuld. Vor allem in Hollywood entwickelten sich die grossen Studios zu einem entscheidenden Faktor im Filmgeschäft und sie wurden alle von Männern geleitet. Erst im 21. Jahrhundert wurde der erste Oscar für die Regie an eine Frau verliehen: Kathryn Bigelow bekam für ihren Film «The Hurt Locker» 2010 die Trophäe.