Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Der grosse Schweizer Atomunfall abspielen. Laufzeit 07:15 Minuten.
07:15 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 19.01.2019.
Inhalt

50. Jahrestag Als die Schweiz knapp einer Atomkatastrophe entging

Am 21. Januar 1969 explodierte im Kanton Waadt ein AKW-Reaktor. Ein schwerwiegender Atomunfall, der kaum Beachtung fand.

In Lucens, einem 4000-Seelen-Dorf im Waadtland, stand einst das erste stromproduzierende Atomkraftwerk der Schweiz.

In den 1960er-Jahren wurde hier ein Versuchs-AKW gebaut – mit dem Ziel, einen eigenen Schweizer Reaktortypen zu entwickeln. Aus Sicherheitsgründen war das AKW in Felskavernen untergebracht und nur durch einen Tunnel mit der Aussenwelt verbunden.

Schweizer Atomreaktor Marke Eigenbau

Der Reaktor funktionierte mit Natur-Uran. Angereichertes Uran, wie es in heutigen AKWs verwendet wird, konnte man damals nur in den USA erwerben. Die Schweiz wollte zur Zeit des Kalten Krieges aber unabhängig sein und setzte auf ihr eigenes System.

Legende: Video Aus dem Archiv: Begeisterung über Schweizer Atomreaktor (1963) abspielen. Laufzeit 00:27 Minuten.
Aus News-Clip vom 17.11.2010.

Die Schweizer Industrie hoffte, künftig Atomkraftwerke nach dem Muster des Reaktors von Lucens zu bauen und Reaktorteile in alle Welt zu exportieren. Atomkraft galt in den 1950er- und 1960er-Jahren als Energie der Zukunft.

Eine krasse Fehleinschätzung

Wilhelm Bänninger von der Arbeitsgemeinschaft, die das AKW in Lucens baute, betonte damals: «Die Atomenergie für friedliche Zwecke ist nicht zu vergleichen mit einer Atombombe. In einem Atomkraftwerk kann nichts explodieren.»

Schwarzweiss-Foto von Männern in Anzügen und weissen Kitteln vor einem Schaltpult
Legende: Die Schaltzentrale des Versuchsatomkraftwerks Lucens vor dem Unfall. Keystone

Eine Fehleinschätzung: Das AKW hatte zwar einige Monate testweise ein wenig Strom erzeugt. Nach Pannen und einer Revision sollte es am 21. Januar 1969 für den definitiven Betrieb hochgefahren werden.

Da geschah es, wie Historiker Michael Fischer erzählt: «Es kam plötzlich zu einer automatischen Schnellabschaltung.» Kurz darauf hätten die Operateure im Kontrollraum eine Explosion gehört.

Legende: Video Aus dem Archiv: Atomarer Unfall im Versuchs-AKW Lucens abspielen. Laufzeit 00:30 Minuten.
Aus News-Clip vom 17.11.2010.

Weil das Kühlsystem versagt hatte, erhitzten sich die Brennstäbe und fingen Feuer. Es kam zu einer Teil-Kernschmelze. Schliesslich explodierte der Reaktor. Radioaktives Material wurde durch die Kaverne geschleudert und gelangte durch undichte Stellen bis in den Kontrollraum.

Laut Michael Fischer haben die AKW-Mitarbeiter rechtzeitig das Notabluftsystem eingeschaltet. Auch die Sicherheitsschleusen funktionierten. Es gelangte kaum Radioaktivität nach draussen, niemand wurde verstrahlt.

Legende: Video Buclin: «Die Automatik hat alles tipptopp geregelt» abspielen. Laufzeit 00:13 Minuten.
Aus News-Clip vom 21.01.2019.

Doch der Reaktor war zerstört, das AKW im Berg stark verstrahlt. Der damalige AKW-Direktor Jean-Paul Buclin sagte 2003 in einem Dokumentarfilm, dass man unter dem Reaktor 2000 Röntgen pro Stunde gemessen habe. Zugelassen waren fünf Röntgen pro Jahr.

Der Atomunfall von Lucens gilt als einer der schwereren weltweit. Auf der INES-Skala zur Bewertung von nuklearen Ereignissen wird er auf Stufe 5 von 7 angesiedelt und als «ernster Unfall» bewertet.

Schwarzweiss-Bild von Männern, die dabei sind, durchschichtige Überzüge anzuziehen
Legende: Nach der Reaktorexplosion war das Versuchs-AKW verstrahlt und konnte nur noch in Schutzkleidung betreten werden. Keystone

Trotzdem warf der Vorfall in Lucens vor 50 Jahren kaum Wellen. Nicht einmal die Anwohner protestierten, nachdem sie einen Tag danach aus dem Radio davon erfahren hatten.

Bald war der Unfall vergessen. Das liegt laut Historiker Michael Fischer daran, dass die Atomenergie damals noch nicht hinterfragt wurde.

Spuren des Vorfalls bis heute messbar

Heute ist das Versuchs-AKW von Lucens längst dekontaminiert und zum Teil zubetoniert. Nachweisen lässt sich der Atomunfall aber noch immer.

«Wir können im Drainagewasser, das direkt aus der Kaverne kommt, noch Spuren von Tritium messen», erklärt Philipp Steinmann vom Bundesamt für Gesundheit. «Das ist radioaktiver Wasserstoff aus dem ehemaligen Kühlwasser.» Der Wert liege aber weit unter den Grenzwerten.

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    ....und weiter tickt die auf ewig "tod-sichere" Uhr der Atom-Energie und unterirdischen radioaktiven Abfall-Deponien!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ueli Steinemann  (Captainlonestarr)
    Dieser "Schuss vor den Bug" hat der Schweiz gut getan. Es war ein riesen Glück, dass nicht mehr passiert war. War nicht an der ETH unter dem Maschinengebäude nicht auch einmal eine Forschungsanlage angedacht?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Manfred Peter  (Geronimo)
    Man dachte damals : "Es ist für unsere Wissenschaft und Technik entscheidend, dass die Schweiz den Anschluss nicht verpasst!"
    Der Satz kommt mir doch bekannt vor, aus der Gentechnik, Der Kybernetik, oder zum Beispiel in der G5-Netz Debatte.
    Wetten es gab damals schon Studien, die dann schon bewiesen haben, was gerade recht war....
    Ablehnen den Kommentar ablehnen