Zum Inhalt springen

Header

Video
Arbeiten im Homeoffice – Stress oder Segen?
Aus Kultur Webvideos vom 03.05.2020.
abspielen
Inhalt

Homeoffice in Corona-Zeiten «Viele vermissen die Wertschätzung der Vorgesetzten»

Von wegen gemütlich auf dem Sofa lesen: Viele arbeiten in Corona-Zeiten von zu Hause aus. Wie gut das klappt, untersucht eine grosse Schweizer Studie. Ein Gespräch mit dem Arbeitspsychologen Martin Kleinmann.

Arbeiten im Homeoffice kann kompliziert sein. Das erlebte Arbeitspsychologe Martin Kleinmann auch selbst in der Zusammenarbeit mit seinem Team.

So entwickelten sie während einer Telefonkonferenz die Idee, die Schweiz in der neuen Arbeitssituation zu begleiten. Das kam an: Schon nach fünf Wochen haben sich über 1000 Menschen bei der Studie angemeldet – 60 Prozent von ihnen arbeiten von zu Hause aus.

Martin Kleinmann

Martin Kleinmann

Psychologe

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Martin Kleinmann forscht und lehrt seit 2003 an der Universität Zürich in der Arbeits- und Organisationspsychologie und hat einige Bücher über Zeitmanagement und Personalpsychologie herausgegeben.

SRF: Wie geht es den Schweizerinnen und Schweizern im Homeoffice?

Martin Kleinmann: Sie sind zwar zufrieden mit ihrer Arbeit, aber deutlich unzufriedener als in der Zeit vor Corona. Ich erwarte, dass die Zufriedenheit weiter zurückgeht, weil es den Menschen im Homeoffice irgendwann zu viel wird. Sie geben an, zudem erschöpfter und gestresster zu sein.

Video
Der Lockdown: Das Virus und sein Impact
Aus Einstein vom 30.04.2020.
abspielen

Homeoffice erlaubt also nicht mehr Zeit im Pyjama auf dem Sofa, sondern bedeutet tatsächlich mehr Arbeit?

Darüber weiss ich nur begrenzt etwas: Für manche Leute ist es ein Problem, dass der Weg zum Zug oder der Nachhauseweg wegfällt. Sie können sich weniger vom Privaten abgrenzen und arbeiten eher pausenlos und länger.

Auf der anderen Seite können manche deutlich weniger gut ihre Ziele erreichen. Das kann damit zu tun haben, dass sie sich weniger motivieren können, liegt aber auch an Störungen durch Kinder oder den Partner.

Die Menschen schätzen es, flexibler zu sein. Das würden sich die Schweizerinnen und Schweizer auch für die Zeit nach Corona wünschen.
Autor: Martin KleinmannPsychologe

Gibt es auch etwas, was von daheim aus besser geht?

Ja. Die Menschen schätzen es, flexibler zu sein. Dass sie wählen können, von wo sie arbeiten und auch mehr am Haushalt teilhaben können. Die Partner, die in den Familien sonst weniger zu Hause sind, geniessen die Zeit mit den Kindern. Diese Wahlfreiheit würden sich die Schweizerinnen und Schweizer auch für die Zeit nach Corona wünschen.

Wie sehr fehlt der Kaffee mit den Kolleginnen und Kollegen?

Was ich häufig höre, ist, dass sie jetzt eine virtuelle Kaffeepause machen. Man trifft sich digital, jeder mit einem eigenen Kaffee und schwatzt eine Viertelstunde. Das ist ein Indikator dafür, dass die gemeinsamen Pausen fehlen.

Studie: Wie gut klappt das Homeoffice?

Box aufklappenBox zuklappen

Zu Beginn der Studie haben Martin Kleinmann und sein Team die Schweizerinnen und Schweizer gefragt, wie ihr Arbeitsalltag eigentlich vor Corona war. Seit Ende März sprechen sie jeden Freitag über die Woche: Wie haben sie die Arbeit erlebt? Die Studie der Universität Zürich, Link öffnet in einem neuen Fenster soll weiterlaufen, bis wieder Normalität im Alltag einkehrt, solange die 1000 Studienteilnehmenden nicht müde werden, aus ihrem Leben zu berichten.

Übrigens vermissen viele auch die Wertschätzung der Vorgesetzten. Online-Meetings sind sehr funktional. Es geht direkt los, man lacht aber weniger. Die Anerkennung fehlt den Menschen und sie fühlen sich einsamer, isoliert.

Wie wird es sein, wenn wir wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren?

Es wird zunächst ungewöhnlich sein, weil wir nicht wie gewohnt in der Mensa sitzen werden, sondern mit zwei Meter Abstand.

Abhängig von der Art, was für einen Kontakt wir wählen, haben wir ein Gespür, wie wir uns platzieren: Wann geht man auf jemanden zu? Wann hält man Abstand? Das wird unpersönlicher sein.

Vorgesetzte haben durch Corona gelernt, dass sie ihren Mitarbeitenden vertrauen können – auch im Homeoffice.
Autor: Martin KleinmannPsychologe

Wird sich die Arbeitswelt verändern durch die Corona-Zeit?

Ich empfinde die Schweiz als Pendler-Nation: Ich glaube und hoffe, dass man versucht, aus der Situation zu lernen und Arbeit flexibler gestaltet. Dass man sich überlegt, ob man tatsächlich eine Stunde zu einer Besprechung hinfährt oder einfach digital dazukommt. Vorgesetzte haben durch Corona gelernt, dass sie ihren Mitarbeitenden vertrauen können – auch im Homeoffice.

Ich wünsche mir auch, dass es zu einer Entzerrung beim Verkehr führt, zu einer besseren Übereinstimmung von Beruf und Privatleben. Man kann auch über neue Konzepte nachdenken wie «Nomadenbüros»: Warum sollte jeder ein eigenes Büro haben, das dann oft leer steht, wenn man es auch teilen kann?

Auch Sie arbeiten im Homeoffice. Was sind ihre Tipps fürs Arbeiten von zu Hause?

Neben Routinen ist es hilfreich, wenn man sich morgens hinsetzt und sich fragt: «Was sind meine Ziele heute?» Nicht einfach loslegen, sondern das aufschreiben. Ziele motivieren!

Nur schlafen und am Schreibtisch sitzen macht nur begrenzt Spass. Also sollte man sich auch überlegen, was für ein Bedürfnis nach Erholung man hat: Ganz egal, ob man joggt, spazieren geht, ein Spiel spielt, kocht. Wir brauchen den Ausgleich.

Das Gespräch führte Ramona Drosner.

SRF 1, «Einstein», 30.04.2020, 21:05 Uhr;

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Henri Jendly  (Henri Jendly)
    Es besteht eben ein wesentlicher Unterschied zwischen «Boss» und «Leader». Ein Boss steckt sein Gärtchen ab und unterdrückt die Kreativität seiner Anvertrauten, ein Leader geht voran, sucht und findet Lösungen und arbeitet mit dem Team. Man vertraut seinen Leuten nur soweit als man sich selber zutraut (Hosenträger und Gürtel gleichzeitig)! Der CEO von Adesso hat übrigens festgestellt, dass seine Mitarbeitenden während der Krise im Homeoffice wesentlich effizienter arbeiteten.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      Boss und Leader sind nur Umschreibungen der gleichen Person.
  • Kommentar von Frankie Otero  (Nick Name)
    Ich kann nur immer wieder staunen... Sind denn viele dermassen unselbständig, dass sie es nicht schaffen, selber abzugrenzen zwischen Arbeit und Privatem? Es ist doch ein Witz, dass wir dann wieder zu den Vor-Corona-Zeiten zurückkehren und erneutTausende sinnlos pendeln, obwohl sie den Job auch von zuhause erledigen könnten, bloss weil sie ihren Tag nicht selbst strukturieren können. Ach ja, und von wegen Erkenntnis der Chefs bzgl. Vertrauensvorschuss: Bei uns ist davon nichts zu spüren.
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Marianne Känzig  (Marianne Känzig)
      Bei mir steht der Arbeitsplatz im Wohnzimmer. Deshalb ist die Arbeit noch da, obwohl ich Feierabend habe. Es geht sicher auch nicht darum, dass sich die Leute nicht strukturieren können. Es fehlt ganz einfach das geschäftliche Gegenüber, das auch nicht mehr so leicht erreichbar ist.