Lasst uns Menschen (anders) machen

Der menschliche Körper wird immer mehr optimiert - durch Schönheitsoperationen, Pillen oder Technologie. Dagegen regt sich Kritik aus theologischer Sicht. Denn die wichtigste Frage gehe dabei oft vergessen: Wem dient diese Verbesserung eigentlich?

Sitzende Frau in eng anliegender blauer Kleidung. Über ihrem linken Auge sind technische Implantate zu sehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der perfektionierte Frauenkörper: Die Figur «Seven of Nine» aus der Serie Star Trek Voyager. Reuters

Im Schöpfungsbericht der Bibel endet jeder einzelne Schöpfungsakt mit dem Satz: «Und Gott sah, dass es gut war.» Das lesen jüdische und christliche Traditionen als Lob der Schöpfung und Geschöpfe, die erst einmal gut sind, so wie sie sind. Dass Gott seine Liebe seinen Geschöpfen bedingungslos und ohne Gegenleistung erweist, folgt daraus. Die evangelische Theologie hat diesen Gedanken besonders eingeschärft.

Darum werden theologische Ethikerinnen und Ethiker hellhörig, wenn von einer so genannten Optimierung des Menschen, vom Eingriff in die menschliche Erbmasse oder Veränderungen am menschlichen Körper die Rede ist. Ihre kritische Gegenfrage lautet meistens: Dienen solche Eingriffe am Menschen wirklich dem Leben oder sind sie den Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft geschuldet? Feministische Ethikerinnen verweisen zudem auf die Tatsache, dass es meist Frauenkörper sind, die als defizitär und korrekturbedürftig angesehen werden.

Der Mann ist Geist die Frau ist Körper

Der Androide Data sticht mit seinem sehr weissen Gesicht heraus aus einer Gruppe von vier Leuten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Data, der Androide aus Star Trek - The Next Generation, besticht durch seinen Geist - weniger durch sein Aussehen. Reuters

Dazu ein Beispiel aus der Science-Fiction: Die TV-Serie «Star Trek» hat «Androiden» ja bereits erfunden. Der etwas tollpatschige, bleichgesichtige «Data» wurde mit seinem übertriebenen Ehrgeiz, menschlicher zu werden, und wegen der Situationskomik, die daraus resultierte, rasch zu einer beliebten TV-Figur.

Später kam eine weitere Mensch-Maschine ins «Star Trek»- Universum: die Borg (eine Art Cyborg) Seven of Nine. Im Unterschied zu Data ist Seven of Nine äusserst attraktiv: blond, grosse Oberweite, schmale Taille. So hat eine perfektionierte Frau also auszusehen! Bei der Produktion des männlichen Androiden Data ging es um dessen übermenschliches, ja unglaublich grosses Wissen, hingegen kaum um körperlich-ästhetische Vorzüge.

«Der» Mensch ist ein Mann

Die Sicht auf den Frauenkörper als etwas Defizitäres reicht weit in Antike und Mittelalter zurück, da der Mann als «der» Mensch galt. Bis heute begründet der Vatikan, dass Frauen nicht Priesterinnen werden könnten, mit ihrem Frausein, womit sie dem als Priester verstandenen Jesus zu unähnlich blieben.

Dieser Patriarchalismus ist aber auch gesamtgesellschaftlich noch lange nicht überwunden. Unübertrefflich fasste das die deutsche Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun zusammen: Das eine Patriarchat verhüllt die Frauen, zieht sie an, - das andere, unser Patriarchat, zieht die Frauen aus.

Längst zeigt sich das also auch in unserem Alltag: Magersucht befällt überwiegend Mädchen und Frauen, Schönheitsoperationen werden vor allem an Frauen durchgeführt, abgetrieben werden mehrheitlich weibliche Föten. In Schönheitskliniken ist es vor allem der Frauenkörper, der als korrekturbedürftig verarztet werden muss. Da werden Ersatzteile in Brüste eingefügt, Nasen verkürzt, Haare verlängert. Was weg muss, sind jedoch meist die ganz normalen Alterserscheinungen.

«Das ist mein Leib» – alternative Körperbilder

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Buchhinweis

Ilse Falk, Kerstin Möller, Brunhilde Raiser und Eske Wollrad (Hrsg.): «Das ist mein Leib. Alter, Krankheit und Behinderung – feministisch-theologische Anstösse». Herausgegeben im Auftrag der Evangelischen Frauen in Deutschland. Gütersloher Verlagshaus 2012.

Eine deutschsprachige Neupublikation zum Thema sei hier erwähnt, und zwar der Sammelband: «Das ist mein Leib». Er widmet sich unter anderem auch so genannt «behinderten» Frauen und deren Selbstverständnis von «Schönsein» oder «Heilsein».

Die feministischen Theologinnen wehren sich gegen die Ansprüche der kapitalistischen Leistungsgesellschaft, die Menschen nur als funktionierende und noch besser funktionierende Leistungsträger wünscht.

Denn wer kann schon wirklich der heute vertretenen «Norm» von fit, jung, leistungsfähig entsprechen? Altern, Krankheit und Behinderung passen nicht zu den Imperativen Gesundheit und ständige Leistungsfähigkeit.

Der Mensch soll keine Maschine werden

So verstehen die Theologinnen das Gesundheitspostulat als nicht wirklich im Dienst des Menschen stehend, sondern als Forderung des kapitalistischen Effizienzsystems, in das nun angeblich dysfunktionale Körper wie die von Alten und Versehrten nicht hineinpassen.

Die Theologinnen halten dem das biblische Menschenbild entgegen. In Jesus, dem Lehrer und Heiler, erkennen sie einen, der gerade die nicht perfekten Menschen an seinen Tisch holte, ihnen sogar die besten Plätze in seiner Gesellschaft zuwies.

Die theologische Kritik an Veränderungen von Menschenkörpern wird also vor allem dann laut, wenn solche Eingriffe und Einbauten in Wahrheit nicht dem Wohl des Menschen, der Förderung eines erfüllten Lebens, sondern den Interessen von Marktwirtschaft und Industrie geschuldet sind. Der Mensch ist aber keine Maschine und soll auch keine werden.