Mensch und Maschine: Eine gefährliche Liebschaft

Die Datenbrille «Google Glass» verspricht «augmented reality», erweiterte Realität. Ist sie ein erster Schritt in Richtung des Robo-Menschen?

Frau mit Google-Brille Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Blick in eine zwiespältige Zukunft: Wohin führt uns die immer enger werdende Verknüpfung von Mensch und Maschine? Google

Soforthilfe aus dem Datenuniversum, in jeder Lebenslage, an jedem Ort: manch einer träumt davon. Permanent verfügbare Zusatzinformation, direkt vor Augen und im Ohr, ohne dass man erst mühsam das Smartphone oder das Tablet hervorklauben muss. Genau das verspricht die Datenbrille «Google Glass», die gegenwärtig in den USA von ein paar Tausend Testern im Alltagsgebrauch geprüft wird und 2014 die Welt beglücken soll.

Die Schnittstelle am Kopf

Blick durch ein Google Glass: Eine Strasse mit Radfahrer, in der oberen rechten Ecke wird eine Strassenkarte eingeblendet Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Google Glass» verspricht aktuelle Information mit freien Händen. YouTube

«Augmented reality» lautet die Verheissung, angereicherte Realität. Die Fähigkeiten der Sinne und des Verstands eines Individuums werden gesteigert durch Informationen und Rechenkapazitäten aus der globalen Computersphäre.

Googles Datenbrille bringt das Interface, die Schnittstelle zwischen Mensch und Computer, näher an den Körper. Eine Tastatur entfällt, die Eingaben laufen über Sprachbefehle. Der Bildschirm schrumpft auf ein kleines Prisma am Brillenrand, über welches Bilder und Text direkt in das Gesichtsfeld des Trägers eingeblendet werden. Töne übermitteln sich über den Schädelknochen direkt in den Kopf. Dadurch behält der Benutzer seine Hände frei für das, was er gerade tut.

Mann mit Google Glass Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Thad Starner «Google Glass» mitentwickelt. SRF

«Der Gebrauch des neuen Gadgets unterbricht den ‹flow of life› nicht mehr», sagt Thad Starner, Mitentwickler der Googlebrille und seit 20 Jahren Professor für «wearable computers», am Körper tragbare Rechner. «Die Informationen erscheinen direkt vor dir, scheinbar im Abstand von zwei Metern.»

Der Computer dockt am Hirn an

Wer etwas weiter blickt, in die Zukunft, dem muss das Schaudern kommen. Denn es ist absehbar, wohin die Entwicklung führt. Computerforscher weltweit arbeiten daran, den Rechner direkt mit dem Körper zu verbinden. Bereits sind Augenlinsen mit eingelegtem Chip in Entwicklung. Diese könnten dereinst Daten sowohl aufnehmen wie auch direkt auf die Netzhaut abgeben.

Das Ziel: die grösstmögliche Symbiose von Mensch und Maschine. Der Traum: ein Übermensch, ein Halbgott mit schier unbegrenzten Fähigkeiten. Der Albtraum: die totale Versklavung unter der Herrschaft einer kalten Computersphäre.

Der ferngesteuerte Mensch

Ein Mann sitzt an einem Tisch, er trägt eine verkabelte, schwarze Mütze. Er schaut auf eine kleine, fliegende Drohne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei einem Versuch der University of Minnesota gelang es, eine Drohne mit Gedankenkraft zu steuern. YouTube

Klar, es ist faszinierend zu sehen, wie ein Mensch durch pure Gedankenkraft eine Drohne pilotiert, indem ein Computer über Kopfsensoren seine Gehirnströme misst, interpretiert und als Steuerbefehle an das Fluggerät funkt.

Doch dieses Zusammenspiel von Mensch und Maschine, von Neuronen und Prozessoren, hat Tücken, denn es ist keine Einbahnstrasse. Es ist illusorisch zu glauben, dass wir jederzeit die Kontrolle über die Computer behalten und diese nach unserem Willen steuern können.

Die Einflussnahme funktioniert ebenso in der Gegenrichtung, und wird zum Teil auch explizit gewünscht, wie bei modernen Herzschrittmachern oder der tiefen Hirnstimulation zur Bekämpfung von Parkinsonsymptomen. Das Tor für Manipulationen steht offen. Auf Youtube finden sich Filme über Ratten, die durch direkte elektronische Hirnstimulation in ihrer Laufrichtung ferngesteuert werden können. Das ist auch beim Menschen denkbar.

Wenn die Computer zu denken anfangen

Fieberhaft wird weltweit an der künstlichen Intelligenz gearbeitet: Computer lernen, Informationen selbständig zu analysieren, zu gewichten und zu kombinieren. Sie lernen, autonome Entscheidungen zu treffen und diese auf ihre Auswirkungen zu überprüfen, um sich laufend zu verbessern.

So werden schon heute täglich Millionen von Wertpapiertransaktionen an den Börsen dieser Welt automatisch von Computern getätigt. Getrimmt auf die Jagd nach schnellem Profit verschieben sie Milliardenbeträge im Sekundentakt. Doch ihre einprogrammierte Selbstkontrolle ist nicht unfehlbar, auch wenn sie laufend dazu lernen. Schon mehrfach kam es zu apokalyptischen Kettenreaktionen mit aberwitzigen Folgen und schweren Schäden in der Finanzwirtschaft.

Der Countdown läuft

Zwei Männer im Cockpit eines Raumschiffs mit Computern Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Computer übernimmt das Steuer: Szene aus Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey». Warner Bros.

Computer sind längst schneller und präziser als der Mensch, bald werden sie sich auch für klüger halten. Irgendwann kommt es zum Machtkampf. Das prophezeite 1968 schon Stanley Kubrick in seinem Film «2001 – A Space Odyssey».

Der Zeitpunkt könnte kommen, da die Maschinen uns das Heft aus der Hand nehmen. Dass es soweit nie kommen wird: wer kann das schon garantieren? Google bestimmt nicht – und auch sonst niemand.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Google Glass verspricht die digital erweiterte Pupille

    Aus Kulturplatz vom 16.10.2013

    «Augmented Reality» heisst das Zauberwort. Die erweiterte Realität, welche die Datenbrille Google Glass den Menschen in Aussicht stellt, ist nichts anderes als ein pausenloser Blick auf Informationen und zusätzliche Wahrnehmungsebenen aus dem Web. Ist sie ein weiterer Schritt zum Cybermenschen, der seine körperlichen Grenzen dank Robotik sprengt? «Kulturplatz» trifft Thad Starner, einen der geistigen Väter von «Google Glass». «Kulturplatz» zeigt den Beitrag im Rahmen des SRF-Themenschwerpunktes «Roboter wie wir».

    Pascal Derungs