Wie von Geisterhand: Der Rollstuhl mit Gedankensteuerung

Forscher an der ETH Lausanne haben einen besonderen Rollstuhl entwickelt. Der Fahrer benötigt nicht mehr die Kraft seiner Arme, sondern die seiner Gedanken. Nichts für sprunghafte Denker.

Forscher mit Steuerungskappe im Rollstuhl. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Forscher führt den Rollstuhl vor. Den roten Notknopf hat er immer in der Hand. Keystone

Alex Zhang und sein Rollstuhl bilden ein ganz besonderes Gespann: Will Zhang nach rechts fahren, muss er sich nur vorstellen, er bewege die rechte Hand. Wie von Geisterhand dreht der motorisierte Stuhl in die gewünschte Richtung. Nach links funktioniert die Sache analog.

Alex Zhang versucht mit dem Rollstuhl zu fahren. Der Forscher steht dahinter. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Noch tief in der Testphase: Forscher Carlson begleitet die Demo-Fahrt von Alex Zhang. SRF/ Thomas Häusler

Das Gehirn gibt zu schwache Signale

Mit Zauberei hat das Kunststück aber nichts zu tun, sondern mit Forschung. Auf Zhangs Kopf sitzt eine Stoffkappe, die über 16 Elektroden seine Gehirnströme registriert und daraus die Steuerbefehle für den Rollstuhl herausliest. Keine einfache Angelegenheit, weil die Signale des Gehirns sehr schwach sind. «Darum können wir gegenwärtig auch nur zwei Signale unterscheiden», erklärt Tom Carlson, ein Forscher der ETH Lausanne, der mit Alex Zhang und anderen ETHL-Forschern den gedankengesteuerten Rollstuhl entwickelt.

Fahrer und Rollstuhl nicht immer einer Meinung

Carlson begleitet die Demo-Fahrt von Alex Zhang; er geht hinter dem Rollstuhl her, in der Hand einen grossen, roten Notfallknopf zum Stoppen, falls es Probleme geben sollte. Noch befindet sich der Rollstuhl tief in der Forschungsphase.
Das Gefährt ruckelt nur langsam um die Tische des Labors. Ab und zu nimmt er eine andere Richtung, als Alex Zhang vorschwebt. Die Gedankensteuerung ist auch für geübte Fahrer eine Herausforderung. Wie gut es klappt, hängt von der Tagesform ab.

Als Alex Zhang direkt auf eine Tasche zusteuert, die auf dem Boden liegt, verweigert der Rollstuhl den Befehl und weicht aus. Das ermöglichen ihm Kameras und Sonarsensoren an Bord und eine Software, die Hindernisse erkennt: Mensch und Maschine teilen sich das Kommando. Dies empfindet Alex Zhang als Hilfe, nicht als Bevormundung: «Ich vertraue dem Rollstuhl und seiner Steuerung.»

Wer ist Schuld bei einem Unfall?

Im geschützten Labor mag das angebracht sein, draussen im hektischen Alltag aber noch nicht. Für die freie Wildbahn muss das Gefährt sicherer werden. Ungeklärt sind auch noch rechtliche Fragen: Wer ist schuld, wenn es zu einem Unfall kommt? Der Rollstuhl oder der Fahrer? - man teilt sich ja das Kommando.

Trotz dieser offenen Fragen beginnen nun die ersten Studien mit gelähmten Menschen, die den Rollstuhl in geschützter Umgebung testen.

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