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Geht's auch ohne Plastik? Ein Experte im Interview
Aus Wissenschaftsmagazin vom 21.03.2020.
abspielen. Laufzeit 04:07 Minuten.
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Schädliche Chemikalien Und noch eine Portion Plastik, bitte

Durch plastikverpackte Lebensmittel essen und trinken wir täglich etwas Plastik mit. Das ist für die Gesundheit problematischer als viele glauben.

Die gute Nachricht: Das verschluckte Mikroplastik ist für unseren Körper weit weniger gesundheitsschädlich als etwa Rauchen oder übermässiger Alkoholkonsum. Darüber sind sich Fachleute einig.

Doch Biologe Martin Wagner von der norwegischen Universität Trondheim sagt auch klar: «Wir verwenden heute Chemikalien in Plastikverpackungen, die nicht gut sind für unsere Gesundheit».

Negative Effekte auf die Fruchtbarkeit

Die Plastikpartikel selbst werden mit der Verdauung wieder ausgeschieden. Problematisch ist jedoch, was manchen Kunststoffen beigefügt ist: Giftige Chemikalien können aus dem Plastik ins Blut und in die Organe gelangen.

Eine Reihe von plastikverpackten Gemüsesorten.
Legende: Plastic fantastic? Wohl kaum. Aber der Kunststoff ist als Verpackungsmaterial gerade bei Lebensmitteln allgegenwärtig. Reuters / Lisi Niesner

Was sie dort bewirken, sei zum Beispiel für Bisphenol A und die Phthalate, also Weichmacher, sehr gut untersucht, sagt Forscher Martin Wagner.

«Grosse epidemiologische Studien zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen diesen Substanzen und Problemen wie reduzierte Fruchtbarkeit, Fettleibigkeit, Brustkrebs oder Entwicklungsstörungen».

Bisphenol A kam früher in Babymilchflaschen vor. Das ist heute verboten. Allgemein finde man Bisphenol A heute kaum mehr im Plastik, sagt Martin Wagner.

80 Prozent der Plastikchemikalien bleiben unbekannt

Auch gesundheitsschädliche Weichmacher sind weiterhin in vielen Plastikprodukten drin. Hinzu kommt: Plastik-Alltagsgegenstände enthalten bis zu 1200 unterschiedliche Chemikalien, wie Martin Wagner mit Kolleginnen und Kollegen nachgewiesen hat.

«Doch nur rund 20 Prozent dieser Chemikalien konnten wir zuordnen», sagt Wagner. 80 Prozent bleiben also unbekannt: «Für den Gesundheitsschutz ist das problematisch. Denn was man nicht kennt, kann man punkto Risiko auch nicht beurteilen.»

Eine Menge verdruckter Pet-Flaschen, fertig zum recyclen.
Legende: Es gibt Plastik und Plastik: PET-Flaschen schneiden laut Studien gut ab, was das Material betrifft. Reuters / Arnd Wiegmann

Die Wahl der Qual

Eine weitere Studie der Norweger Plastikforscher illustriert: Von vier unterschiedlichen Joghurtbechern, alle aus dem Material Polystyrol, enthielten zwei Becher toxische Substanzen, zwei waren unbedenklich.

«Die Konsumentin steht also im Laden vor vier Joghurtbechern und hat keine Ahnung, welche Verpackung sicher ist», so Martin Wagner. Wenig bekannt ist auch über schädliche Stoffe etwa in Körperpflegeprodukten, beziehungsweise darüber, wie sie sich auswirken.

Wer also gesundheitsbewusst einkaufen will, hat es bei der Wahl von Plastikverpacktem schwer.

Kein PVC und nicht die Nummer 7

Doch es gibt ein paar verallgemeinerbare Regeln: Pet etwa schneidet in Studien relativ gut ab, Getränke aus dem geläufigen Material scheinen die Gesundheit nicht zu beeinträchtigen. Möglichst vermeiden sollte man dagegen Polyvinylchlorid (PVC).

Denn dieser Kunststoff enthält schädliche Weichmacher, die in Fussböden ausgasen und über die Atemwege in den Körper gelangen können. In PVC-Frischhaltefolien – wo sie noch im Einsatz sind – können die Weichmacher besonders in nicht gekühlte fetthaltige Lebensmittel wie Käse eindringen.

Zu vermeiden sind auch Kunststoffprodukte, die am Boden die Nummer 7 aufgedruckt haben, denn deren Material ist unbekannt.

Last but not least: «Weniger ist mehr», sagt Martin Wagner. «Wer versucht, den Kontakt mit Kunststoffverpackungen zu minimieren, minimiert auch den Kontakt mit unterschiedlichsten Chemikalien.»

Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 21.3.2020, 12:40 Uhr

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