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Besuch bei der Biotech-Firma Molecular Partners
Aus Echo der Zeit vom 20.08.2020.
abspielen. Laufzeit 04:53 Minuten.
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Wettlauf um Covid-19-Wirkstoff Auf diese Biotech-Firma baut der Bund im Kampf gegen Corona

Die Firma Molecular Partners erhält Millionen für ein Medikament gegen Covid-19, das noch gar nicht existiert. Ein Laborbesuch.

Bei der Zürcher Biotech-Firma Molecular Partners ist gerade vieles anders als sonst. Das zeigt schon ein Schreiben, das an der Eingangstür des Unternehmens in Schlieren hängt. Das Schreiben ist vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO: eine Bewilligung für Wochenendarbeit und Schichtbetrieb.

Letzte Woche gab der Bund bekannt, dass er Molecular Partners einen einstelligen Millionenbetrag zahlt, um sich 200'000 Dosen eines Medikaments gegen Covid-19 zu sichern.

Es gebe gerade eine «Extra-Dimension Zeitdruck» bei der Entwicklung, sagt Geschäftsführer Patrick Amstutz: «Wir sind in einem internationalen Rennen gegen ein Virus, das nicht schläft, täglich Leute infiziert und unseren Alltag inhibiert.»

Von der Krebstherapie zur Virenbekämpfung

Natürlich rührt dieser Zeitdruck auch daher, dass die erste Firma mit einem wirksamen Medikament gegen Covid-19 mit riesigen Umsätzen rechnen kann. Bisher gibt es nur einige Arzneien, die beschränkt wirken.

Molecular Partners ist eigentlich auf Krebstherapien spezialisiert. Dies änderte sich, als das Coronavirus Anfang März immer näher kam. Gleich mehrere Mitarbeitende der Firma seien auf Patrick Amstutz zugekommen und hätten gefragt: «Können wir da nicht was machen?»

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Steuergelder für Corona-Impfstoff
Aus 10 vor 10 vom 11.08.2020.
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Von Krebs zu Infektionskrankheiten ist in der Pharmabranche ein Riesenschritt. Für Molecular Partners war er etwas kleiner, weil die Technologie des Unternehmens beides bekämpfen kann: Tumore und Viren.

Den menschlichen Körper kopiert

Um nun einen Wirkstoff gegen das Virus zu entdecken, haben die Forschenden, vereinfacht gesagt, einen Teil des menschlichen Immunsystems nachgebaut.

Denn der menschliche Körper besitzt einen genialen Abwehrmechanismus: Er stellt unzählige verschiedene Antikörper nach dem Zufallsprinzip her. Dringt ein Virus in den Körper ein, gibt es dank dieses Systems fast immer einige Antikörper, die es erkennen, binden und unschädlich machen.

Ein Mann mit Mundschutz steht in einem Labor.
Legende: Setzt alles auf die Karte künstliche Antikörper: Projektleiter Marcel Walser im Labor. Keystone / Alexandra Wey

Molecular Partners hat dieses System kopiert und im Labor einen eigenen Zufallsmechanismus kreiert. Mit einem speziellen Verfahren lassen sich daraus stark vereinfachte, künstliche Antikörper – sogenannte Darpins – herstellen, wie Projektleiter Marcel Walser erklärt.

Millionen künstlicher Antikörper

Im Tiefkühler lagert nun eine riesige Bibliothek solcher Darpins in flüssiger Form. Die Forscher haben diese Bibliothek mit einem Eiweiss des Sars-CoV-2-Virus zusammengebracht, das das Virus braucht, um in die menschlichen Zellen einzudringen.

«So können wir aus Millionen verschiedener Darpin-Moleküle die herausfischen und isolieren, die dieses virale Oberflächen-Protein binden», erklärt Projektleiter Marcel Walser. Die Firma hat damit künstliche Antikörper in der Hand, die das Coronavirus unschädlich machen.

Mehrfach abgesichert

Aber damit nicht genug: Die Forscher koppeln drei verschiedene Darpins zusammen, die an unterschiedlichen Stellen ans Viren-Eiweiss binden.

Das ergebe einen besseren Wirkstoff, erklärt CEO Patrick Amstutz: «Man kann sich das vorstellen, wie wenn man etwas festhalten muss: Zwei Hände halten besser als eine.»

Zwei Gummihandschuhe halten ein Gefäss, im Hintergrund Laborgeräte.
Legende: In Lichtgeschwindigkeit zum Wirkstoff: eine Mitarbeiterin mit einer Bakterienkultur. Keystone / Alexandra Wey

Die Suche nach den besten Darpins, die Tests im Labor und an Tieren: All das sei im Schichtbetrieb passiert, sagt Projektleiter Marcel Walser. In wenigen Wochen war alles erledigt, was sonst drei bis sechs Monate dauere: «Das war quasi Lichtgeschwindigkeit.»

«Die Wahrheit liegt in klinischen Studien»

In zwei bis drei Monaten sollen die Tests im Menschen beginnen. Dass bereits früher Krebsmedikamente auf Darpin-Basis in solchen Tests einige Hürden genommen haben, ist ein positives Zeichen.

Trotzdem könnten ernste Nebenwirkungen auftreten, sagt Alexander Eggel von der Universität Bern, der seit Jahren mit Darpins arbeitet: «Klar kann man sie optimieren, sodass das Risiko gering gehalten wird. Aber die Wahrheit liegt am Ende in den klinischen Studien.»

Ein Mann in weissem Kittel mit einer Pinzette und Schalen im Labor.
Legende: Noch steht der grosse Test bevor: Erst klinische Studien zeigen, ob ein Medikament wirkt. Keystone / Alexandra Wey

Der Bund geht mit seinem einstelligen Millioneninvestment in Molecular Partners also durchaus Risiken ein. Auch, weil einige Wirkstoffe anderer Firmen bereits in klinischen Tests sind und schneller auf den Markt kommen könnten.

Internationale Investoren

Und trotz der Geldspritze des Bundes ist unklar, ob die klinischen Studien in der Schweiz stattfinden werden, sagt Geschäftsführer Patrick Amstutz: «Wenn, wie wir hoffen, die Patienten-Fallzahlen in der Schweiz tief sind, geht man vielleicht anderswo hin, wo es mehr Fälle gibt und man Studienteilnehmer schneller rekrutieren kann.»

Internationale Investoren haben sogar 80 Millionen Franken zum Darpin-Projekt beigesteuert. Es sei möglich, dass seine Firma das Medikament nur mithilfe eines grossen, vielleicht ausländischen Pharmakonzerns auf den Markt werde bringen können, sagt Patrick Amstutz.

Ein Mann im weissen Hemd.
Legende: CEO Patrick Amstutz will allenfalls auch mit internationalen Pharmafirmen zusammenspannen. Keystone / Alexandra Wey

Die Zahlung des Bundes sei ein Kniff, um der Schweiz den Zugriff auf ein potenzielles Medikament zu sichern: «Falls wir das Produkt weiter lizenzieren, können wir das Anrecht für die Schweiz trotzdem behalten.»

In ungewöhnlichen Zeiten geht auch der Bund offensichtlich Arrangements ein, die ungewöhnlich sind.

Sendung: Radio SRF 4 News, Echo der Zeit, 20.08.20, 18 Uhr

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Mike Baumgartner  (Mike47)
    Naja, ob diese Fleissaufgabe schlussendlich funktioniert sei dahingestellt, wird sich in den klinischen Studien zeigen. Es hängt wohl davon ab, ob man überhaupt das richtige Protein für eine Antikörpersuche eingesetzt hat. Und ob es nicht zu mehr Nebenwirkungen kommt, wenn man drei Antikörper aneinander koppelt. Bin da ehrlich gesagt weniger optimistisch als der Bund.
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    1. Antwort von Gregor Müller  (Gregor Müller)
      Denken Sie eine High Tech Bio Firma hat ihre angesprochenen Punkte nicht im Blickfeld? Ist ja wie wenn ich dem Maurer sage "jaja aber gell die Mauer muss dann halten"
    2. Antwort von Mike Baumgartner  (Mike47)
      @Müller: Allein diese Aussage zeigt, dass Sie von Biotech keine Ahnung haben. Was genau ist denn auch «High Tech»? Diese Firma wendet ein ziemlich altbekanntes Verfahren an. Wie gesagt, auch wenn es in der präklinischen Forschung funktioniert. Dass das Produkt die klinischen Phasen übersteht, dafür ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering. Hätte aber natürlich nichts dagegen ;-)
    3. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      Herr Baumgartner, ein altbekanntes Verfahren? Ich denke nicht, dass Darpins zuvor zur Virenbekämfung benutzt worden sind. Das sind ja eben nicht normale Antikörper, sondern künstlich modifizierte Proteine.
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Ein hartnäckiges Virus, welches die Welt der Menschen hartnäckig beherrscht.....neben der Intensiven Forschung, sollte sich die Menschheit sinnvollerweise Überlegungen machen, warum es dieses Virus gibt, respektive welches die Ursachen/Verursachungen dafür sein könnten...??
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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    ...und es geht einmal mehr um Geld, sehr, sehr viel GELD, ein weiteres profitables Riesengeschäft der Pharma-Lobby....
    Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
    1. Antwort von Röschu Hafner  (Röschu74)
      Was sähen Sie denn lieber: dass die Pharma-Industrie gar nichts macht - oder dass sie Produkte ohne Gewinnmarge verkauft? Jede Industrie ist nun mal marktwirtschaftlich "veranlagt".
      Seien Sie doch froh dass geforscht wird (was einfach mal kostet - ohne sichere Aussicht auf späteren Gewinn) und vielleicht, ja nur vielleicht, eine erfolgreiche Therapie auf den Markt kommt. Analog Krebs- oder Herz/Kreislauf-Medikamenten.