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Rafaela Hillerbrand – Ethik des Risikos
Aus Sternstunde Philosophie vom 07.03.2021.
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Wie weiter mit Kernenergie? Ethikerin: «Wir müssen lernen, zu verzichten»

Die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 hat die Welt erschüttert. Die Technikethikerin Rafaela Hillerbrand erklärt, wie wir mit den Risiken der Kernenergie umgehen – und weshalb das Problem der Energieversorgung nichts mit der Technik zu tun hat.

Rafaela Hillerbrand

Rafaela Hillerbrand

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Rafaela Hillerbrand ist promovierte Physikerin und Professorin für Technikethik und Wissenschaftstheorie am Karlsruher Institut für Technologie.

SRF: Am 11. März 2011 kam es zur Katastrophe von Fukushima. Was hat die Welt daraus gelernt?

Rafaela Hillerbrand: In Deutschland war eine Folge von Fukushima der Ausstieg aus der Kernenergie. Weltweit sieht der Trend zwar etwas anders aus, aber die ganze Haltung zur Energiepolitik hat sich geändert.

Die Energieethik als Fach und Notwendigkeit wurde entdeckt. Seither ist die Energietechnik nicht mehr einfach schwarz-weiss, sondern gehört – ethisch gesehen – in den Graubereich.

Wie sollen wir in Zukunft bezüglich Kernenergie vorgehen?

Wir laufen momentan mit der Klimaerwärmung auf den Abgrund zu. Ich glaube, wir sollten viel in die erneuerbaren Energien investieren. Aber ganz löst das das Problem auch nicht, denn die erneuerbaren Energien sind zu wenig stabil.

Der Individualverkehr ist viel zu energieintensiv: Autos müssen verschwinden, egal ob mit Benzin oder Strom.
Autor: Rafaela Hillerbrand Risikoethikerin

Wir müssten uns also fragen: Wollen wir ein schlechtes Netz (erneuerbare Energien) oder eine wacklige Brücke (Kernenergien)?

Worin liegt genau das Grundproblem?

Das grundlegende Problem bei der Energieversorgung ist kein technisches. Wir können einfach unseren westlichen Lebensstandard nicht weltweit halten. Wir müssen diesen Standard überdenken und uns fragen: Worin besteht Lebensqualität und Wohlergehen?

Der Individualverkehr beispielsweise ist viel zu energieintensiv: Autos müssen verschwinden, egal ob mit Benzin oder Strom. Wir müssen lernen, zu verzichten.

Wie beurteilt man aus risikoethischer Sicht die Kernkraft? Neben dem Unfallrisiko gibt es ja auch das Problem der Endlagerung.

Entweder geht man den Weg der Risikominimierung oder den des Vorsorgeprinzips. Bei ersterem schaut man sich die Gefahren an und versucht, im Schnitt möglichst risikoarm zu handeln.

Bei letzterem fokussiert man sich auf den schlecht möglichsten Ausgang und versucht, diesen zu vermeiden.

Welcher Weg ist der bessere?

Der Philosoph Hans Jonas spricht sich für das Vorsorgeprinzip aus: Dabei muss man das Worst-Case-Szenario unbedingt vermeiden. Hans Jonas spricht hierbei auch von der Heuristik der Furcht: «Der schlechten Prognose den Vorrang geben gegenüber der guten ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen.»

Trotzdem muss man auch die negativen Effekte von erneuerbaren Energien bedenken – wie etwa Stauseen oder Windparks.

Gute Wissenschaft geht transparent mit Unsicherheiten um.
Autor: Rafaela Hillerbrand Professorin für Wissenschaftsphilosophie und Technikethik

Sie beschäftigen sich schon seit Jahren mit Risikoethik. Hat Sie das eher risikoscheu gemacht oder risikofreudig?

Von Natur aus bin ich wohl eher risikoscheu. Aber das Wichtigste finde ich, dass ich über Risiken aufgeklärt werde. Ich gehe lieber mit ungewissen Situationen um, als dass ich weiss, ich wurde nicht genügend informiert. Gute Wissenschaft geht transparent mit Unsicherheiten um.

Das Bauchgefühl soll handlungsleitend sein. Wir sollen es ernst nehmen, aber nachher wissenschaftlich darauf aufbauen.
Autor: Rafaela Hillerbrand Technikethikerin

Wie steht es um das Bauchgefühl?

Das Bauchgefühl ist wichtig als erster Indikator. Wenn man aber Zeit hat, sich genügend mit einer Frage auseinanderzusetzen, sollte das Bauchgefühl nicht der Grund sein, sich für oder gegen etwas zu entscheiden.

Das Bauchgefühl soll handlungsleitend sein. Wir sollen es ernst nehmen, aber nachher wissenschaftlich darauf aufbauen.

Das Gespräch führte Yves Bossart.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 7.3.3021, 11:00 Uhr;

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107 Kommentare

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  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    Verzicht ist nicht absolut. Ich fahre Auto, ich esse Fleisch, ich kaufe Dinge die unnötig verpackt sind etc. ... aber immer weniger.
    Meine Autokilometer (-60%), Fleischkonsum (-50%), Abfallmenge (-75%) und andere Aspekte meines Lebens entwickeln sich seit 4-5 Jahren positiv. Wenn mehr Leute das Gleiche machen, dann wird das Problem lösbar.
    5 Tage Fleisch, 3-4x pro Jahr Ferien, Versandhandel ... es gibt fast immer gute Alternativen. Sich informieren und bewusst sein steht am Anfang.
  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    Wir sind zu viele Menschen, die zu viele Ressourcen verbrauchen. Dazu kommt die Gier, immer mehr zu wollen - wir kennen kein Limit. Wir hören nicht an dem Punkt auf wo wir genug haben, sondern bilden an diesem Punkt noch Reserven usw.

    Unser Denken beruht auf ständigem und im Idealfall leicht grösser werdenden Wachstum. So werden wir erzogen und so funktioniert die Wirtschaft ... bisher noch, einigermassen.

    Das ist eine sehr simple Erkenntnis - viele wollen sie leider nicht hören.
  • Kommentar von Patrik Christmann  (Politik für die Schweizer)
    Der Mensch die selbsternannte Krönung der Schöpfung weiss immer genau,wenn in der Tier-&Pflanzenwelt etwas aus dem Ruder läuft und greift korrigierend ein. Nur bei sich selbst ist der Mensch nicht in der Lage zu erkennen, dass die Anzahl der Gattung Mensch für diesen Planeten zu viel ist. Der Mensch weigert sich standhaft die Anzahl seiner Spezies auf vernünftige Art & Weise zu begrenzen. Die Kommentare zu diesem Thema zeigen was sich der Mensch alles einredet & verdrängt. Der Mensch ist krank.