Arktis: Nördliche Goldgrube oder Waterloo des 21. Jahrhunderts?

Das schmelzende Eis in der Arktis eröffnet völlig neue wirtschaftliche Perspektiven. Plötzlich können Bodenschätze erschlossen werden, die bis vor Kurzem noch als unerreichbar gegolten hatten, und es öffnen sich neue Handelsrouten. Die Anrainer haben sich bereits in Stellung gebracht.

Weil die Eisfläche im nördlichen Eismeer immer kleiner und auch immer dünner wird, geht die Jagd auf die natürlichen Ressourcen dieser unwirtlichen Gegend los.

Über weite Teile der Strecke steht die Trans-Alaska-Pipeline auf Stützen. So kann verhindert werden, dass sie in den Permafrost einsinkt. die Sützen sind isoliert, so dass keine Wärme in den Boden geleitet wird. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pipeline Trans-Alaska-Pipeline in der Nähe von Fairbanks. Im Permafrostboden steht die Pipeline auf Stützen. FB

Gewaltige Bodenschätze

Unter dem arktischen Eismeer werden grosse Erdöl- und Erdgasvorkommen vermutet. Weiter geht man davon aus, dass man unter der Meeresoberfläche Zink, Nickel, Eisen, Kupfer, Kohle, Uran und Gold findet. Mit der weiteren Erwärmung und dem zunehmend schwindenden Meereis können diese Bodenschätze nicht nur einfacher, sondern vor allem auch günstiger erschlossen werden. In küstennahen Gebieten hat der Abbau der Bodenschätze längst begonnen. In der Schweiz nahm man von diesem Abbau vor allem nach einer Greenpeace-Aktion 2013 Kenntnis, in deren Folge ein Schweizer Umweltaktivist in Russland inhaftiert wurde. Mit der weiteren Erwärmung wird der Abbau beschleunigt weitergehen. Primär machen die fünf Anrainerstaaten ihre Ansprüche geltend, nämlich Russland, Kanada, Dänemark (dank dem Verbund mit Grönland), die USA und Norwegen.

Russische Titanfahne auf dem Meeresgrund am Nordpol. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nordpol Russland erhebt Anspruch auf den Nordpol. Keystone

Wem gehört die Arktis?

Die Frage nach den Besitzansprüchen in der Arktis ist nicht eindeutig geklärt. Grundsätzlich gilt das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen aus dem Jahre 1982. In diesem wurde die sogenannte 200 Seemeilen-Regel festgelegt. Damit gilt ein Küstenstreifen von 200 Seemeilen ebenfalls noch zur Wirtschaftszone eines Anrainerstaates. Der Nordpol und seine Umgebung gehören hingegen nach derzeitigem Recht keinem Staat. Allerdings können die Anrainerstaaten auf eine Ausweitung der Grenze pochen, wenn weiter entfernte Gebiete dem Kontinentalschelf zugeordnet werden können. Auf diesem Argumentarium basierend setzte Russland 2007 eine Titanflagge auf den Meeresboden am Nordpol. Gemäss russischem Verständnis liegt der Nordpol auf dem sogenannten Lomonossow-Rücken und sei daher dem Schelfgebiet zuzurechnen. Vor allem China, das nicht Anrainer ist, sieht die Lage völlig anders und meldet Ansprüche auf die internationalen Gebiete ausserhalb der Seerechtszone an. Der Kampf um die riesigen Bodenschätze scheint schon voll entbrannt zu sein.

Eisbär auf einer Eisscholle Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fauna Mit dem schmelzenden Eis ist die Fauna bedroht, namentlich die Eisbär-Population. Keystone

Grosse Umweltrisiken

Wie bereits erwähnt, wehren sich Umweltorganisationen gegen den Abbau der Bodenschätze in der Arktis. Nicht ohne Grund! Abbauprogramme in der Arktis unterliegen besonders hohen Umweltrisiken, herrschen doch in diesem Gebiet teilweise extreme Temperaturschwankungen, und es muss mit Starkwind gerechnet werden. Dazu sind Bohrungen in Permafrostgebieten, in den angrenzenden Festlandgebieten, immer besonders heikel. Die Arktis gehört überdies zu den extrem sensiblen Ökosystemen der Erde. Da sich im kalten Klima die polare Fauna nur sehr schlecht regenerieren kann, zeigen Umweltschäden längerfristige Folgen oder sind zum Teil komplett irreparabel. Einer grossen Öffentlichkeit wurde dies im Jahre 1989 mit dem Unfall des Öltankers Exxon Valdez an der Küste von Alaska dramatisch vor Auge geführt.

Neue Seewege

Mit dem schmelzenden Meereis eröffnen sich auch neue Handelswege. In den Sommermonaten kann neuerdings sowohl der amerikanische Kontinent, wie auch der asiatische Kontinent nördlich umfahren werden. Bereits seit einigen Jahren ist die Nordwestpassage nördlich von Kanada und Alaska schiffbar. Sie scheint aber längerfristig weniger attraktiv zu sein, da im westlichen Teil der Arktis das Eis noch dichter ist und da, mit dem eben erst ausgebauten Panamakanal, eine wirtschaftlich potente Alternative zur Verfügung steht.

Jubel in Paris nach dem politischen Durchbruch beim Klimaabkommen im Dezember 2015. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Klimakonferenz Nur wenn die Ziele des Pariser Abkommens umgesetzt werden, besteht in der Arktis Grund zur Freude. Keystone

Option Nordostpassage

In jüngster Zeit ist der Fokus aber viel mehr auf die Nordostpassage gerichtet, also die Seeroute von Murmansk nach Osten Richtung Strasse von Behring. Mit dieser Route wird der Weg zwischen den Atlantikhäfen in Europa und den Handelszentren in Ostasien rund 5000 Kilometer kürzer, im Vergleich zur Suezroute. Kommt dazu, dass diese Route durch politisch instabile Länder führt und am Horn von Afrika immer wieder mit Überfällen durch Seeräuber gerechnet werden muss. Obwohl die Nordostpassage im Sommer mehrere Wochen meist eisfrei ist, kann sie noch nicht problemlos befahren werden. Abgesprengte Eisflächen, die unkontrolliert durch die Passage treiben, erschweren nach wie vor den Schiffsverkehr. In der Regel werden heute Schiffskonvois gebildet, die von Eisbrechern begleitet werden.

Militärs sind interessiert

Für Russland bietet aber eine eisfreie Nordostpassage noch eine ganz andere Option. In den Sommermonaten können die Schiffe der Atlantikflotte in Murmansk mit den Schiffen der Pazifikflotte in Wladiwostok auf eigenem Hoheitsgebiet ausgetauscht werden. Entsprechend sind die Russen sehr daran interessiert, diese Wasserstrasse so lange wie möglich offen zu halten. Kurz um: Das Rennen um die Arktis ist eröffnet. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob dieses Rennen in einer Goldgrube, zumindest für die direkten Anrainer, oder in einem Waterloo endet.