Bei den Sami am Eismeer

Das klimatische und wirtschaftliche Tauwetter in der Arktis hat weitreichende Folgen – auch für die Urvölker rund um den Nordpol. Sei lebten über Jahrtausende von und mit der Natur. Nun stehen sie vor enormen Herausforderungen, wie die Reportage von Nordeuropa-Korrespondent Bruno Kaufmann zeigt.

Das Urvolk der Sami in Nordnorwegen

5:37 min, aus Rendez-vous vom 31.12.2013

Es ist klirrend kalt, mitten am Nachmittag. Hoch am Himmel leuchtet der Vollmond über der gut 80 Quadratkilometer grossen Insel Rebbensøya, 400 Kilometer nördlich des Polarkreises in Norwegen.

Rebbensøya gehört zur Stadt Tromsö, hier leben noch gut 60 Menschen, es gibt eine kleine Schule und ein Postamt. Die Insel ist die Heimat des 40 Jahre alten Jonny Berg, der an diesem Nachmittag mit einem Renntierschlitten über die schneebedeckten Felder zu seiner gut 400 Tiere umfassenden Herde jagt.

«Früher, als es noch viele Wölfe gab, dann haben wir einen samischen Jodel gesungen, um die Renntiere zu beruhigen», erzählt Jonny Berg.

Auf mehreren Beinen aufgestellt

Jonny Berg, der seine Rentierhalterlizenz für Rebbensøya von einer seiner 15 Tanten erbte, gehört zum Volk der Sami, eines von gut 40 indigenen Völkern in der Arktis. Die Sami leben in den weiten Regionen nördlich des Polarkreises in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland.

«Hier in Tromsö sind wir nur eine kleine Minderheit, aber weiter innen im Land, etwa in Kautokeino sind die Sami bis heute in der Mehrheit», erzählt Berg. Neben seinem traditionellen Job als Renntierhalter nimmt er im Winter Touristen zu Polarlichtexkursionen mit und arbeitet im Sommer bei einer Baufirma in der Stadt:

«Ein Sami muss heute auf mehreren Beinen stehen können», betont der zweifache Familienvater, dem später im Zelt bei der Herde beim Gedanken an seine Kinder gleich noch ein weiterer Jodel, hier Jojk genannt, über die Lippen kommt.

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«Aufbruch in die Arktis»

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Tiefe Wunden

Immer wieder ist es in der Vergangenheit am Nordrand Europas zu Konflikten zwischen den Sami und der norwegischen Mehrheitsbevölkerung gekommen. Vor vierzig Jahren löste der Widerstand gegen ein riesiges Wasserkraftwerk nordöstlich von Tromsö einen wochenlangen Hungerstreik aus – und führte schliesslich zur Schaffung eines eigenständigen samischen Parlamentes.

Doch die Unterdrückung der Sami wie auch anderer indigener Völker in der Arktis hat tiefe Wunden hinterlassen, wie der Bürgermeister von Tromsö, Jens Johan Hjort einräumt: «Wir hatten hier vor in paar Jahren eine sehr kritische Situation. An den Schulen wurden samische Kinder verprügelt und in Internetforen kam es zu schweren Verunglimpfungen von Mitgliedern der indigenen Bevölkerung.»

Die Ursache der Spannungen geht laut Hjort auf die Antisamipolitik im letzten Jahrhundert zurück, als zum Beispiel der Gebrauch der samischen Sprache schlicht verboten war:

An allen Schulen Sami

Es war denn auch die Sprachenfrage, an der sich der jüngste Konflikt in Tromsö entzündete. Dieser löste laut Hjort auf beiden Seiten einen wichtigen Lernprozess aus und führte kurz vor Weihnachten zu einem Abkommen über die Stellung der Sami in Tromsö mündete, das die Gemüter weitgehend besänftigt hat.

Tromsös Bürgermeister Jens Johan Hjort präsentiert das historische Abkommen mit den Sami. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tromsös Bürgermeister Jens Johan Hjort präsentiert das historische Abkommen mit den Sami. SRF

«Wir haben uns darauf verständigt, der samischen Sprache viel grösseren Raum in unserer Stadt zu geben», betont der aus dem südnorwegischen Oslo stammende Bürgermeister und weist darauf hin, dass Tromsö als Sitz des Arktischen Rates – einer Art EU der Nordpolanrainer – eine besondere Verantwortung für die Urvölker am nördlichen Eismeer trägt.

Das wachsende internationale Interesse an den Rohstoffen der Arktis hat die Aufmerksamkeit vieler Sami für die eigene politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation geschärft. Allerdings stösst dieses europäische Urvolk dies- und jenseits der skandinavisch-russischen Grenze auf zunehmend unterschiedliche Rahmenbedingungen.

Keine Stimme in Russland

Während die Sami im Norden Norwegens, Schwedens und Finnlands ihre Autonomie zurückgewinnen konnten, fällt es den Sami in Russland zunehmend schwer, sich Gehör zu verschaffen. «Unter Präsident Putin haben es eigenständige politische Kräfte sehr schwer», sagt Rune Rafaelsen, der Leiter des grenzüberschreitenden Barentssekretariates.

Im nordnowegischen Kautokeino hingegen, wo die Sami die Mehrheit der Bevölkerung stellen, hat das Gemeindeparlament in der Woche vor Weihnachten auch das dritte Gesuch eines schwedischen Unternehmens abgelehnt, eine lukrative Goldmine zu eröffnen. Sie setzte damit ein Zeichen, dass die Sami auch in Zukunft mit ihren Rentieren die weiten Landstriche des hohen Nordens besiedeln können.