Streit um die Arktis – und kein Ende in Sicht

Bricht im hohen Norden bald Krieg aus? SRF-Korrespondent Fredy Gsteiger hält diese Befürchtung für übertrieben. Sicher sei: Der Streit um die Rohstoffe hat eben erst begonnen – und er könnte sich noch erheblich zuspitzen.

Erdgas, Gold und seltene Erden. Die Arktis beherbergt riesige Mengen an wertvollen Rohstoffen. Diese blieben bisher weitgehend unberührt – dank einer riesigen Eisdecke. Nun schmilzt das Eis, und die Gier der Nationen erwacht. Droht bald ein Krieg um die Arktis?

SRF-Korrespondent Fredy Gsteiger hält die Sorge für übertrieben. «Die Länder sind sich bewusst: Ein arktischer Krieg könnte sehr gefährlich werden.» Mit den USA und Russland wären zwei grosse hochbewaffnete Länder involviert. Doch militärische Drohgebärden seien omnipräsent. «Russland erweitert seine Flotte und führt militärische Patrouillenflüge durch. Kanada baut neue Militärhäfen. Die USA wollen in eine modernere Eisbrecher-Flotte investieren. Das ist schon ein ziemlich lautes Säbelrasseln», sagt Gsteiger.

Den Anrainern geht es in erster Linie um wirtschaftliche Ziele, aber auch um Prestige. «Vor sechs Jahren hat Russland plötzlich seine Flagge im Nordpol in den Tiefseeboden gerammt», erzählt Gsteiger über die russische Prestige-Aktion. Damals machte der Kreml seine Gebietsansprüche mit einer Flagge 4000 Meter unter den Meeresspiegel geltend.

Anrainer melden Ansprüche

Doch wem gehört die Arktis wirklich? Gemäss dem Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) gibt es eine 200-Seemeilen-Wirtschaftszone. Diese gilt auch für die Arktis-Anrainer USA, Kanada, Norwegen, Dänemark und Russland. «Darüber hinaus haben die Länder die Möglichkeit, weitere Gebiete zu beanspruchen, wo der Kontinentalsockel über diese Grenze hinausrecht», erklärt der Korrespondent. «Einige der Anrainer haben diesen Anspruch bereits angemeldet.»

Wie die UNO über diese Ansprüche entscheiden werde, wisse man nicht. Stimme sie der Erweiterung zu, sei politischer Streit prognostiziert. «Dann wären alle anderen Länder plötzlich vom Zugang zum internationalen arktischen Meer ausgeschlossen. Deshalb versuchen diese Länder nun, im Arktischen Rat als Beobachter oder gar als Mitglieder zugelassen zu werden.»

30 Prozent der Erdgasreserven

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Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Bei der Arktis geht es um viel. Laut einer US-Studie liegen 13 Prozent der bislang ungenutzten globalen Erdölreserven und sogar 30 Prozent der Erdgasreserven in der Arktis. Hinzu kommen weitere Rohstoffe wie Nickel, Mangan, Kupfer, Gold, Kobalt und seltene Erden. Auch grosse Fischbestände locken. «Dies ist umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass zahlreiche Meere überfischt sind», sagt Gsteiger.

Hinzu kommen wichtige Handelswege wie die Nordwestpassage und die Nordostpassage. «Bisher war die Gegend kaum durchfahrbar, auch im Sommer nicht. Nun hat es jedes Jahr etliche Dutzend Schiffe.» Die neuen Wege könnten Panama- und Suezkanal Konkurrenz machen.

Es gehe um handfeste Wirtschaftsinteressen, sagt Gsteiger. «All das zeigt: Der Streit um die Arktis hat eben erst begonnen und wird noch ziemlich andauern – und sich möglicherweise weiter verschärfen.»