Hitzeperioden und anhaltende Trockenheit setzen vielen Regionen Europas zunehmend zu. Besonders im Süden Europas wird Wasser im Sommer immer knapper. Das Département Vendée an der Atlantikküste hat deshalb einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen: Es bereitet gereinigtes Abwasser zu Trinkwasser auf.
Der Geschmack ist nicht anders.
In der Küstenstadt Les Sables-d’Olonne trinken die Menschen bereits Wasser, das zuvor durch Duschen, Waschmaschinen oder Toiletten geflossen ist. Die meisten merken nichts davon.
«Wir füllen jeden Tag etwa 30 Karaffen mit diesem Leitungswasser», sagt die Betreiberin einer Brasserie am Meer. Gäste reagieren erstaunt, wenn sie erfahren, woher das Wasser stammt. «Der Geschmack ist nicht anders», meint ein Gast.
Wasser für 150'000 Menschen
Bis vor Kurzem wurde das Abwasser in der Region in Kläranlagen gereinigt und anschliessend ins Meer geleitet. Seit einem Jahr wird ein Teil davon zurückbehalten und in mehreren Schritten weiter gereinigt. Anschliessend wird es in einer Trinkwasseranlage aufbereitet und ins Leitungsnetz eingespeist.
Hier erfolgt eine Filtration, die bis zu einer Million Mal feiner ist als ein menschliches Haar.
Das Herzstück des Projekts ist eine hochpräzise Filtration. «Hier erfolgt eine Filtration, die bis zu einer Million Mal feiner ist als ein menschliches Haar», erklärt Denis Guilbert, Generaldirektor des Wasserverbands Vendée Eau.
Auch natürliche Prozesse spielen eine Rolle. Gestein und Pflanzen helfen dabei, das Wasser zusätzlich zu filtern. Das Projekt kostete rund 28 Millionen Euro.
Eng überwachte Wasserqualität
Für die Verantwortlichen ist das gut investiertes Geld. Nach Berechnungen der Region könnten in den kommenden Jahren jährlich rund acht Millionen Kubikmeter Wasser fehlen – das entspricht dem Verbrauch von etwa 150'000 Menschen.
Bisher gibt es keinerlei Anzeichen für wesentliche Veränderungen im Ökosystem.
Die Wasserqualität wird eng überwacht. Monatlich werden Hunderte Analysen durchgeführt. Untersucht werden unter anderem Rückstände von Pestiziden, Medikamenten und sogenannten PFAS-Chemikalien.
«Bisher gibt es keinerlei Anzeichen für wesentliche Veränderungen im Ökosystem. Alles ist in Ordnung», sagt die Projektverantwortliche Elisabeth Macé.
«Technisch möglich, aber aufwendig»
Der ETH-Professor Eberhard Morgenroth kennt sich aus mit Abwasserrecycling, er ist spezialisiert auf Verfahrenstechnik in der urbanen Wasserwirtschaft. Und sagt, dieses Konzept sei bei Wasserknappheit sinnvoll:
Solange genügend natürliche Wasserressourcen vorhanden sind, ist ein solches Vorgehen ökonomisch und ökologisch nicht sinnvoll.
«Die Aufbereitung von gereinigtem Abwasser ist technisch möglich, kostet aber Geld und Energie», sagt Morgenroth. Solange genügend natürliche Wasserressourcen vorhanden seien, sei ein solches Vorgehen ökonomisch und ökologisch nicht sinnvoll. In Regionen mit Wassermangel könne es jedoch eine verlässliche zusätzliche Wasserquelle sein. In Singapur und Teilen der USA ist dies bereits seit Jahren Standard.
Noch kein Thema für die Schweiz – aber vielleicht in Zukunft
In der Schweiz sei die Versorgung mit Trinkwasser derzeit nicht gefährdet. Dennoch könnte das Thema in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Morgenroth plädiert dafür, sich bereits heute mit den rechtlichen und technischen Grundlagen zu beschäftigen.
«Es ist hilfreich, wenn man heute schon die Rahmenbedingungen und Anforderungen definiert, damit man morgen die Möglichkeit hat, Wasser sicher wiederzuverwenden», sagt er.
Auch in Frankreich gab es rechtliche Hürden. Für die Umsetzung brauchte das Projekt eine Sondergenehmigung des Staates. Die Anlage in der Vendée gilt deshalb als Pionierprojekt in Europa.