Mit der griechischen Insel Kreta verbinden viele Ferien: Traumstrände, türkisblaues Meer, Moussaka und vielleicht ein Raki als Absacker. Doch die Insel hat auch eine dunkle Seite. Kreta gilt als der Wilde Westen Griechenlands.
In den Dörfern in den Bergen gehören Waffengewalt, organisiertes Verbrechen und Blutrache zum Alltag. Die griechische Regierung entsendet zwar Sondereinheiten der Polizei und will hart durchgreifen, möchte aber auf der anderen Seite das Recht auf Waffenbesitz nicht beschneiden.
Gewalt und Gegengewalt
Oft entzündet sich die Gewalt unter verfeindeten Familien. Auslöser können Bagatellen wie Viehdiebstahl oder eine Beleidigung sein: «Jemand fühlt sich in seiner Ehre verletzt und zieht die Waffe», schildert die freie Journalistin Rodothea Seralidou aus Griechenland.
Aus solchen Auseinandersetzungen kann eine Spirale der Gewalt zwischen Familien entstehen, die sich über Generationen hinzieht. «Bis eine der Familien den Ort verlässt oder sie es schaffen, Frieden zu schliessen», sagt Seralidou.
Mehr Waffen als Menschen
Solche Streitbeilegungen abseits der Justiz haben jahrhundertelange Tradition. Eigentlich sind sie heute illegal, in abgelegenen Ortschaften in den Bergen kommen sie aber noch immer vor. Ebenso wie die Vendetta, die Wiederherstellung der Familienehre durch Gewalt.
Hinzu kommt: Auf der Insel, die 620'000 Menschen beheimatet, soll es eine Million Schusswaffen geben. Allerdings weiss laut Seralidou nicht einmal der Staat, wie viele illegale Waffen auf Kreta im Umlauf sind.
Die Gewalt betrifft Touristinnen und Touristen kaum. Im Gegenteil: Gerade in den entlegensten Dörfern sind die Einheimischen den Fremden gegenüber am freundlichsten.
Gezogen werden Schusswaffen auch auf festlichen Anlässen wie Hochzeiten, wo munter in die Luft geschossen wird. Dass Schusswaffen auf der Insel derart verbreitet sind, hat auch historische Gründe. Immer wieder gab es auf Kreta Revolten und Widerstandsbewegungen gegen äussere Einflussnahme und Unterwerfungsversuche.
«Im Zweiten Weltkrieg kämpfte die Zivilbevölkerung Kretas mit ihren alten Waffen gegen die Eliteeinheiten Hitlers», erinnert Seralidou. Das Nazi-Regime reagierte mit blutigen Vergeltungsmassnahmen: Ganze Dörfer wurden zerstört und die männliche Bevölkerung hingerichtet. Auch die Ereignisse von damals hätten den Waffenbesitz in den Köpfen vieler Menschen auf Kreta legitimiert – und das bis heute.
Herausforderung für Regierung in Athen
Im November 2025 war das Dorf Vorizia Schauplatz einer Familienfehde, die mit Sturmgewehren ausgetragen wurde. Zwei Menschen starben, mehrere wurden verletzt. Die Regierung in Athen kündigte daraufhin an, durchgreifen zu wollen, und stationierte eine Spezialeinheit der Polizei auf Kreta. Auch wurden die Menschen aufgerufen, ihre illegalen Waffen abzugeben.
Journalistin Seralidou stellt infrage, ob die Regierung wirklich gegen althergebrachte Traditionen ankämpfen möchte. Denn: Die grösste Insel Griechenlands ist auch die Heimat von Premierminister Kyriakos Mitsotakis. Und die Regierung dürfte kaum ein Interesse daran haben, die Sympathien der kretischen Wählerschaft aufs Spiel zu setzen.
Abschliessend hält Seralidou fest: «Die Gewalt betrifft Touristinnen und Touristen kaum. Im Gegenteil: Gerade in den entlegensten Dörfern sind die Einheimischen den Fremden gegenüber am freundlichsten.» So könne es auf der Insel der Gegensätze auch vorkommen, dass man in der Taverne zum Raki eingeladen wird – während am Gemäuer Einschlusslöcher zu sehen sind.