Die rassistischen Aussagen des ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy über die französische Nationalmannschaft schlagen hohe Wellen: Im Team spiele kein Franzose, behauptet er. Während die spanische Regierung um Schadensbegrenzung bemüht ist, sorgt die Affäre insbesondere in Frankreich für Empörung. Dort werden Rajoys Äusserungen nicht nur als persönliche Entgleisung verstanden, sondern als Wiederaufnahme eines Narrativs, das die französische Nationalmannschaft seit Jahrzehnten begleitet.
Möge der Beste gewinnen und der Rassismus verlieren»
Aus Sicht der Auslandredaktorin Karina Rierola hat Rajoys Kommentar die politische Debatte in Spanien weit über den Fussball hinaus geprägt. Und: «Die Verteidigung aus Rajoys Umfeld hat die Situation zusätzlich verschärft». Der Sprecher der konservativen Volkspartei erklärte, der Kommentar sei «sarkastisch» gemeint gewesen und habe «keine böse Absicht» verfolgt. Laut Rierola machte diese Erklärung die Sache jedoch nicht besser. Im Gegenteil: Die Affäre entwickelte sich zu einem diplomatischen Supergau kurz vor dem WM-Halbfinal.
Wie Rierola weiter ausführt, erinnerten verschiedene Radio-Stationen und auch andere Fussballer daran, dass Spanien seinen EM-Titel vor zwei Jahren auch Fussballern wie Lamine Yamal und Nico Williams verdankt – Spielern mit familiären Wurzeln in Marokko, Äquatorialguinea und Ghana. Auch Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez und dessen Aussenminister sahen sich gezwungen, öffentlich einzugreifen. Entsprechend habe Sánchez den Wunsch formuliert, «möge der Beste gewinnen und der Rassismus verlieren».
Auch in Frankreich werden Rajoys Aussagen kritisch aufgenommen. Frankreich-Korrespondentin Mirjam Mathis erklärt, die Provokation treffe dort einen Nerv. Seit den 1990er-Jahren werde die ethnische Vielfalt der Équipe de France regelmässig von rechten und rechtsextremen Stimmen kritisiert. «Jean-Marie Le Pen sprach damals von einer künstlichen Nationalmannschaft», sagt Mathis. Zwar äussere sich das Rassemblement National heute deutlich vorsichtiger, weil die Nationalmannschaft in der französischen Bevölkerung äusserst populär sei. Dennoch seien die alten Debatten nicht verschwunden.
Besonders brisant sei aus französischer Sicht, dass nun ein ausländischer Spitzenpolitiker dieses Narrativ aufgreife. Das sorge zusätzlich für Empörung, erklärt Mathis. Neben der Kritik an der Aussage selbst werde in Frankreich auch mit Unverständnis darauf reagiert, dass ein ehemaliger Regierungschef eines Nachbarlandes die Zusammensetzung und Identität der französischen Nationalmannschaft infrage stelle. Entsprechend deutlich falle die öffentliche Reaktion aus.
Für Mbappé ist es nicht die erste rassistische Anfeindung an dieser WM: Bereits zuvor hatte eine paraguayische Senatorin mit diskriminierenden Aussagen gegen den französischen Nationalspieler für Kritik gesorgt. Sie stellte seine Zugehörigkeit zu Frankreich infrage und spottete über die ethnische Vielfalt der Équipe Tricolore. Mbappé reagierte gelassen und betonte, die Vielfalt des Teams sei eine Stärke Frankreichs. Für seine besonnene Antwort erhielt der Weltmeister viel Zuspruch.