In Marokko ist vor einigen Tagen der marokkanisch-französische Rapper «Mehdi Black Wind» verhaftet worden. Noch ist vieles unklar, sein Umfeld vermutet aber, dass er wegen seiner politischen Texte und Social-Media-Posts festgesetzt wurde. Reiner Wandler ist freier Journalist in Spanien und berichtet oft auch aus den Maghreb-Staaten.
SRF News: Wie häufig nimmt die marokkanische Polizei Kunstschaffende fest?
Reiner Wandler: Es gibt eine Repression gegen Künstler, gegen kritische Aktivistinnen und gegen kritische Stimmen im Journalismus. Es ist kein freies Land, auch wenn es im Norden Afrikas sicherlich das freieste Land ist. Es passiert schon relativ häufig, dass Kunstschaffende und Blogger festgenommen werden, wenn sie rote Linien überschreiten.
Was sind diese roten Linien?
Es gibt drei Hauptthemen. Erstens: Man darf sich auf keinen Fall mit der Religion anlegen. So sitzt etwa die feministisch-lesbische Aktivistin Ibtissam Lachgar für 30 Monate in Haft, weil sie ein Selfie aufgenommen hat, auf dem stand: «Allah ist Lesbe». Das wurde als Verletzung der Religion und als ein Anschlag auf heilige Symbole gewertet.
Es ist nicht so, dass in Marokko Friedhofsstimmung herrscht. Das wäre keine Analyse, die dem Land gerecht wird.
Weitere rote Linie ist der König. Der König ist Staatschef und er ist laut Verfassung der Chef aller Gläubigen. Das gibt ihm eine Art Heiligenstatus. Es gab Blogger, die festgenommen wurden, weil sie soziale Missstände aufzeigten und sagten, Regierung und Königshaus würden nichts unternehmen. Das dritte Thema ist die nationale Einheit. Wer anzweifelt, dass die von Marokko seit den 70er Jahren besetzte Westsahara Marokko ist, der bekommt es auch ganz schnell mit dem Richter zu tun, vor allem in den besetzten Gebieten selbst.
Wie reagieren die Menschen in Marokko auf solche Festnahmen?
Im Falle des Rappers «Mehdi Black Wind» gibt es eine Solidaritätsbewegung. Er ist natürlich auch eine bekannte Person mit Fans und Followern auf den sozialen Netzwerken. Aber es gibt auch eine relativ gut aufgestellte Menschenrechts- und Bürgerrechtsbewegung in Marokko, seit jeher. Es ist nicht so, dass in Marokko Friedhofsstimmung herrscht. Das wäre keine Analyse, die dem Land gerecht wird.
Ist Marokko eher auf einem Weg hin zu einer Öffnung oder wird das Land immer repressiver?
In den letzten zwei, drei Jahrzehnten war in Marokko schon eine Öffnung zu sehen. Unter Hassan II. war das Land wesentlich härter, wesentlich repressiver, als es heute ist. Auch wenn die Tradition und der König noch immer schwer wiegen. Das Land ist auf dem Weg zur langsamen, aber anhaltenden Besserung. Marokko wird in vier Jahren zusammen mit Spanien und Portugal die Weltmeisterschaft im Fussball austragen. Ich verspreche mir davon eine weitere Öffnung. Denn da möchte sich Marokko als das moderne Land der Arabischen Welt und das moderne Land auf dem afrikanischen Kontinent – nach Südafrika – präsentieren. Und Repressionswellen wären da nicht der richtige Weg.
Das Gespräch führte Katrin Hiss.