Der 22. Juli 2011, 15.26 Uhr. Im Osloer Regierungsviertel detoniert eine 950 Kilogramm schwere Autobombe. Acht Menschen sterben. Am 17 Stockwerke hohen Hauptsitz der norwegischen Regierung zersplittern sämtliche Fensterscheiben, mehrere angrenzende Ministerien werden beschädigt.
Während die Bilder aus Oslo um die Welt gehen, steuert der 32-jährige Norweger Anders Behring Breivik sein nächstes Ziel an: die vierzig Kilometer entfernte Insel Utøya, wo das Sommerlager der sozialdemokratischen Arbeiterpartei stattfindet.
Menschenjagd auf Ferieninsel
In Polizeipullover und kugelsicherer Weste betritt Breivik die Insel und spricht mit Jugendlichen. Er gibt vor, über den Anschlag in Oslo informieren zu wollen. Kurz nach 17 Uhr eröffnet er das Feuer.
In 72 Minuten tötet der Rechtsextremist 69 Menschen, die meisten von ihnen Jugendliche und junge Erwachsene. Weitere 99 Menschen werden schwer verletzt. Erst um 18.25 Uhr erreicht ein Sondereinsatzkommando die Insel – Breivik ergibt sich sofort.
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Bild 1 von 5. Wo warst du, als es passiert ist? In den USA haben alle, die den 11. September 2001 erlebten, eine Antwort auf diese Frage. Ins kollektive Bewusstsein Norwegens hat sich ein anderes Datum eingebrannt: der 22. Juli 2011. Bildquelle: Keystone / EPA / JÖRG CARSTENSEN.
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Bild 2 von 5. Zunächst zündete der Rechtsterrorist eine Autobombe im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt – acht Menschen starben. Bildquelle: Keystone / AP / NY / Fartein Rudjord.
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Bild 3 von 5. Danach fuhr er auf die Insel Utøya, wo er Dutzende Menschen erschoss. Die Anschläge gelten als die schlimmsten Gewalttaten der norwegischen Nachkriegszeit. Bildquelle: Keystone / AP / Darko Bandic.
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Bild 4 von 5. Ein Jahr nach der Tat wurde Breivik vor Gericht für voll schuldfähig erklärt. Das Urteil: 21 Jahre Haft mit anschliessender Verwahrung – die Höchststrafe nach norwegischem Recht. Bildquelle: Keystone / EPA / Heiko Junge.
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Bild 5 von 5. Der Massenmörder dürfte den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Breivik befindet sich in Isolationshaft, Kontakt zu anderen Insassen hat er nicht. Im Gefängnis stehen ihm mehrere Räume mit Kraft- und Sportgeräten zur Verfügung. Breiviks komfortable Unterbringung stiess wiederholt auf Kritik. Bildquelle: Keystone / EPA / NTB / OLE BERG-RUSTEN.
Vor seiner Tat veröffentlicht Breivik ein krudes, 1500 Seiten langes Manifest. Darin wähnt er sich auf einem Kreuzzug zur Rettung des Christentums, schreibt gegen «Feminisierung», «Kulturmarxismus» und die «Islamisierung» Europas an. Eine Sprache und Gedankenwelt, die heute Widerhall in extremen Teilen der «Manosphere» und Incel-Community findet. Hier münden Frauen- und Fremdenhass in Gewaltfantasien. Breivik gilt vielen als Held.
Ein Land im Schockzustand
Die Terrorserie trifft das wohlhabende, prosperierende Land ins Mark. Umso mehr, als der Täter «einer von uns» ist, wie die Journalistin Åsne Seierstad ihr Buch über Breivik betitelt: Es ist das Psychogramm eines ruhmsüchtigen Aussenseiters, der sich in Internetforen selbst radikalisiert – und zum Massenmörder wird.
Einer von uns? Eine erschütternde Einsicht, die bis heute für viele Menschen in Norwegen nur schwer zu ertragen ist. «Wie konnte das geschehen?», fragte etwa der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård in der «Welt».
Breiviks Tat […] geschah nicht in einer Gesellschaft im Kriegszustand, in der alle Normen und Regeln aufgehoben sind und alle Institutionen sich aufgelöst haben. Im Gegenteil, sie geschah in einem kleinen, harmonischen, gut funktionierenden und reichen Land in Friedenszeiten.
«Es wird ein Norwegen vor und nach dem 22. Juli geben», sagte Jens Stoltenberg nach Breiviks Massenmord. Heute, auf den Tag genau 15 Jahre später, wurde in Oslo ein Denkmal enthüllt: Es trägt den Namen «En opprettholdelse» (deutsch: «eine Aufrechterhaltung»). Sie soll Symbol dafür sein, dass sich das Land nicht unterkriegen lässt.
Trauer und Polarisierung
SRF-Korrespondent Bruno Kaufmann weilte an der Gedenkveranstaltung in Oslo. Im neuen Regierungsviertel wurden die Namen der 77 Opfer der Anschläge verlesen. «Das war sehr berührend. Man merkt, dass die seelischen Narben in der norwegischen Gesellschaft noch immer präsent sind.»
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Bild 1 von 3. Die Zeremonie fand im wiederaufgebauten Regierungsviertel von Oslo statt: Fünfzehn Jahre nach dem Anschlag kehren sechs Ministerien und das Büro des Ministerpräsidenten zurück. Bildquelle: Keystone / AP / NTB / Frederik Ringnes.
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Bild 2 von 3. Das Denkmal «En opprettholdelse» besteht aus 300'000 Mosaiksteinen und wird von einer Stahlkonstruktion gestützt. «Ein Symbol dafür, dass Freiheit und Demokratie Unterstützung und aktives Zutun brauchen», so SRF-Korrespondent Bruno Kaufmann. Bildquelle: Keystone / AP / NTB / JAN LANGHAUG.
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Bild 3 von 3. «Die brutale Geschichte dieses politisch motivierten Massenmords muss erzählt und erklärt werden – auch angesichts von Lügen und Verschwörungserzählungen, wie der Behauptung, die Anschläge seien inszeniert gewesen», sagte Gaute Børstad Skjervø, der Vorsitzende der Jugendorganisation der Sozialdemokraten. Bildquelle: Keystone / AP / NTB / JAN LANGHAUG.
Doch die Aufarbeitung des Terrors spaltet das Land auch. «Im Netz kursieren Verschwörungstheorien, wonach die Sozialdemokraten die Attentate für ihren Machterhalt missbrauchen», sagt Kaufmann. Gleichzeitig sei es ein Stresstest für die norwegische Demokratie, dass Breivik immer wieder seine Freilassung beantrage und die Öffentlichkeit suche.
Umso wichtiger ist das gemeinsame Gedenken. Gerade nach den jüngsten Skandalen um das Königshaus, von den Verwicklungen von Kronprinzessin Mette-Marit mit Jeffrey Epstein bis hin zur Verurteilung ihres Sohns wegen Vergewaltigung. «Auch das hat dazu geführt, dass das Misstrauen und die Polarisierung im Land zugenommen haben», schliesst der Korrespondent.