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Terroranschläge vor 15 Jahren «Einer von uns»: Der Massenmörder und das norwegische Trauma

Vor fünfzehn Jahren tötete der Rechtsextremist Anders Behring Breivik 77 Menschen in Oslo und auf Utøya. Die Narben sind noch nicht verheilt.

Der 22. Juli 2011, 15.26 Uhr. Im Osloer Regierungsviertel detoniert eine 950 Kilogramm schwere Autobombe. Acht Menschen sterben. Am 17 Stockwerke hohen Hauptsitz der norwegischen Regierung zersplittern sämtliche Fensterscheiben, mehrere angrenzende Ministerien werden beschädigt.

Während die Bilder aus Oslo um die Welt gehen, steuert der 32-jährige Norweger Anders Behring Breivik sein nächstes Ziel an: die vierzig Kilometer entfernte Insel Utøya, wo das Sommerlager der sozialdemokratischen Arbeiterpartei stattfindet.

Menschenjagd auf Ferieninsel

In Polizeipullover und kugelsicherer Weste betritt Breivik die Insel und spricht mit Jugendlichen. Er gibt vor, über den Anschlag in Oslo informieren zu wollen. Kurz nach 17 Uhr eröffnet er das Feuer.

In 72 Minuten tötet der Rechtsextremist 69 Menschen, die meisten von ihnen Jugendliche und junge Erwachsene. Weitere 99 Menschen werden schwer verletzt. Erst um 18.25 Uhr erreicht ein Sondereinsatzkommando die Insel – Breivik ergibt sich sofort.

Vor seiner Tat veröffentlicht Breivik ein krudes, 1500 Seiten langes Manifest. Darin wähnt er sich auf einem Kreuzzug zur Rettung des Christentums, schreibt gegen «Feminisierung», «Kulturmarxismus» und die «Islamisierung» Europas an. Eine Sprache und Gedankenwelt, die heute Widerhall in extremen Teilen der «Manosphere» und Incel-Community findet. Hier münden Frauen- und Fremdenhass in Gewaltfantasien. Breivik gilt vielen als Held.

Ein Land im Schockzustand

Die Terrorserie trifft das wohlhabende, prosperierende Land ins Mark. Umso mehr, als der Täter «einer von uns» ist, wie die Journalistin Åsne Seierstad ihr Buch über Breivik betitelt: Es ist das Psychogramm eines ruhmsüchtigen Aussenseiters, der sich in Internetforen selbst radikalisiert – und zum Massenmörder wird.

Ein Mann und eine Frau mit Rosen in einer Menschenmenge bei einer Veranstaltung im Freien.
Legende: Der Buchtitel bezieht sich auf eine Aussage des damaligen norwegischen Premierministers Jens Stoltenberg: «Was uns am 22. Juli traf, war ein Angriff auf die norwegische Gesellschaft: Der Täter war einer von uns.» Keystone / DPA / Jörg Carstensen

Einer von uns? Eine erschütternde Einsicht, die bis heute für viele Menschen in Norwegen nur schwer zu ertragen ist. «Wie konnte das geschehen?», fragte etwa der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård in der «Welt».

Breiviks Tat […] geschah nicht in einer Gesellschaft im Kriegszustand, in der alle Normen und Regeln aufgehoben sind und alle Institutionen sich aufgelöst haben. Im Gegenteil, sie geschah in einem kleinen, harmonischen, gut funktionierenden und reichen Land in Friedenszeiten.
Autor: Karl Ove Knausgård Norwegischer Schriftsteller

«Es wird ein Norwegen vor und nach dem 22. Juli geben», sagte Jens Stoltenberg nach Breiviks Massenmord. Heute, auf den Tag genau 15 Jahre später, wurde in Oslo ein Denkmal enthüllt: Es trägt den Namen «En opprettholdelse» (deutsch: «eine Aufrechterhaltung»). Sie soll Symbol dafür sein, dass sich das Land nicht unterkriegen lässt.

Trauer und Polarisierung

SRF-Korrespondent Bruno Kaufmann weilte an der Gedenkveranstaltung in Oslo. Im neuen Regierungsviertel wurden die Namen der 77 Opfer der Anschläge verlesen. «Das war sehr berührend. Man merkt, dass die seelischen Narben in der norwegischen Gesellschaft noch immer präsent sind.»

Doch die Aufarbeitung des Terrors spaltet das Land auch. «Im Netz kursieren Verschwörungstheorien, wonach die Sozialdemokraten die Attentate für ihren Machterhalt missbrauchen», sagt Kaufmann. Gleichzeitig sei es ein Stresstest für die norwegische Demokratie, dass Breivik immer wieder seine Freilassung beantrage und die Öffentlichkeit suche.

Umso wichtiger ist das gemeinsame Gedenken. Gerade nach den jüngsten Skandalen um das Königshaus, von den Verwicklungen von Kronprinzessin Mette-Marit mit Jeffrey Epstein bis hin zur Verurteilung ihres Sohns wegen Vergewaltigung. «Auch das hat dazu geführt, dass das Misstrauen und die Polarisierung im Land zugenommen haben», schliesst der Korrespondent.

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Rendez-vous, 22.7.2026, 12:30 Uhr; wilh

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