Mit einer neuen Tochtergesellschaft will die Fifa private Investoren an WM-Turnieren beteiligen. Fifa-Präsident Gianni Infantino spricht von einer «Demokratisierung des Fussballs», Kritiker hingegen von einem Ausverkauf des Sports. Sportjournalist Ronny Blaschke ordnet ein.
SRF News: Infantino sagt, die Auslagerung solle zusätzliche Einnahmen schaffen, die den Mitgliedsverbänden zugutekommen. Ist diese Weiterentwicklung, gerade für kleinere Länder, berechtigt?
Ronny Blaschke: Klar, dem Argument, den Fussball zu demokratisieren und breiter zu fördern, kann man sicherlich etwas abgewinnen. Aber die wahren Player in Infantinos Fifa-Welt sind Länder wie die USA, Saudi-Arabien oder Katar. Hinter den vermeintlich wohltätigen und grosszügigen Plänen von Infantino stehen immer auch andere Profiteure. Und diese finden sich meist in Staaten, die entweder nicht demokratisch regiert werden oder denen es wirtschaftlich ohnehin schon sehr gut geht.
Wie viel haben die Pläne der Fifa denn tatsächlich mit Demokratie zu tun?
Es ist oft Infantino, der im Hintergrund die Fäden zieht. Die 211 Mitgliedsverbände sind da gar nicht richtig daran beteiligt. Wichtig in diesen neuen Umstrukturierungsplänen sind die USA: Die Grossbank J.P. Morgan soll nach geeigneten Geldgebern suchen. Es gibt bereits Interessierte wie die Investmentholding Thrive Eternal. Diese wird dem Milliardär Joshua Kushner zugerechnet, dem Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner.
Infantinos Machtbasis liegt in Afrika, in Nord- und Mittelamerika, in Asien.
Das Vorgehen der Fifa ist wenig transparent, es gibt keine Beteiligung, nicht mal der grossen Fussballverbände. In den kommenden Tagen dürfte die Kritik, vor allem aus Europa, weiter wachsen. Aber ich bezweifle, dass das reichen wird, um Infantino ernsthaft in Bedrängnis zu bringen.
Diese Kritik ist bereits da, unter anderem von der Uefa. Was sind ihre Befürchtungen?
Uefa-Präsident Aleksander Čeferin sagt, dass jetzt eine rote Linie überschritten sei. Gleichzeitig habe ich aber von den grossen europäischen Klubs nicht viel gehört. Vielleicht sind sie im Urlaub, vielleicht halten sie sich auch zurück, weil die USA der lukrativste Wachstumsmarkt für die europäischen Ligen sind. Ich glaube, dass man sich genau überlegt, ob man sich mit diesem wirtschaftlich-politischen Netzwerk in den USA anlegt.
Die Fifa verwaltet zwar ein Spiel, möchte aber auch Milliardengewinne erzielen.
Zudem: Die Uefa stellt nicht mal ein Viertel aller Fifa-Mitgliedsverbände. Infantinos Machtbasis liegt in Afrika, in Nord- und Mittelamerika, in Asien. Im kommenden Jahr will er in Marokko erneut zum Fifa-Präsidenten gewählt werden. Marokko ist ein wichtiges Land, einer der Gastgeber der WM 2030. Dort kann Infantino sicher sein, dass er unterstützt wird. Und mit dem Argument, die Kleinen etwas reicher zu machen, da kommt er oft durch – vielleicht auch dieses Mal.
Kann man sagen, dass immer offensichtlicher wird, dass Infantino den Fussball verkaufen will?
Diese Frage suggeriert, dass wir den Fussball anders bewerten als andere Branchen. Einem Autokonzern oder einem anderen profitorientierten Unternehmen würde man eine solche Frage kaum stellen.
Doch der Fussball ist längst eine Industrie: Die Fifa verwaltet zwar ein Spiel, möchte aber auch Milliardengewinne erzielen. Deswegen: Ja, Infantino verkauft den Fussball. Das hat er immer schon gemacht, das haben seine Vorgänger gemacht. Aber es gibt auch sehr, sehr viele, die diesen Fussball genau so kaufen, wie er präsentiert wird, weswegen dieses System noch lange funktionieren wird.
Das Gespräch führte Dominik Rolli.