Ausgelagertes Bahnleitsystem Der virtuelle Stationsvorstand in der Wolke

Die Gornergratbahn hat als erste Bahnbetreiberin kritische Computersysteme in ein Datencenter ausgelagert. Das spart Geld. Doch wie sicher ist der Bahnbetrieb?

Lokomotivführer im Führerstand, im Hintergrund das Matterhorn. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ferngesteuert: Der Lokomotivführer ist vor Ort, Rechner in Wallisellen steuern und kontrollieren Weichen und Signale. Keystone

Wenn in Zermatt ein Zug Richtung Gornergrat losfährt, gibt der Stationsvorstand dem Lokführer ein Signal und informiert gleichzeitig das Bahnleitsystem. Ab nun kümmert sich der Computer um alles: Er kennt den Fahrplan und weiss, wo die Züge sind; er stellt Weichen und Signale.

Nur bei Verspätungen oder Pannen greifen noch Menschen ein und entscheiden, was zu tun ist. In diesem Fall hilft der Computer, die optimale Lösung zu finden. Solche Leitsysteme gehören schon lange zum Schweizer Bahnalltag, nicht nur bei der Gornergratbahn. Bei der SBB ist seit Jahren das gleiche Produkt im Einsatz.

Die Walliser gehen nun aber noch einen Schritt weiter. Als erstes Bahnunternehmen verlegte die Gornergratbahn das Bahnleitsystems in ein Datenzentrum der Firma Siemens in der Näher von Zürich. Seit dem 1. Januar werden die Züge zwischen Zermatt und dem Gornergrat aus dem rund 170 Kilometer entfernte Wallisellen überwacht und dirigiert.

Sicherheit garantiert

Die Verbindung wird über ein Netzwerk sichergestellt. Informatiker bezeichnen solche Netze auch als «Cloud», auf Deutsch: Wolke. Erstmals hat ein Bahnunternehmen kritische Infrastruktur in die «Cloud» verlegt. Dazu war eine Einwilligung des Bundesamtes für Verkehr notwendig.

Damit nichts schief gehen kann, haben die Spezialisten bei Siemens verschiedene Sicherheitsmassnahmen getroffen: Die Verbindung zwischen Wallisellen und Zermatt wird über zwei unabhängige Datenleitungen gewährleistet, die die Swisscom zur Verfügung stellt. Fällt eine aus, so übernimmt automatisch die zweite Leitung.

Um sich vor Angriffen durch Hacker zu schützen, werden alle Daten in einem speziellen Gerät verschlüsselt. Das erhöht die Sicherheit zusätzlich, denn eine Manipulation durch Hacker ist so praktisch ausgeschlossen.

Georges Lauber an einem Pult mit mehreren Bildschirmen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für George Lauber, Teamleiter der Stationen, macht es keinen Unterschied, wo das Bahnleitsystem steht. Jürg Tschirren/SRF

Nicht nur die Datenleitungen sind doppelt geführt, im Rechenzentrum in Wallisellen sorgen gleich mehrere Computer dafür, dass der virtuelle Stationsvorstand in der «Cloud» immer verfügbar ist. Fällt ein Rechner aus, so übernimmt ein anderer die Aufgabe. Und sollten alle Stricke reissen, so steht in Zermatt ein Notfall-Rechner zur Verfügung.

Ähnlich einem Flugzeug werden alle Aufgaben, die sicherheitsrelevant sind, von mehreren Rechnern überprüft. Muss der Disponent in Zermatt etwa eine Strecke für die Schneeräumung sperren, so kann er sich ganz auf das Bahnleitsystem verlassen: Die Sperrung wurde mehrfach geprüft.

Dass die Rechner nun nicht mehr im Bahnhof Zermatt stehen, davon merkt George Lauber, Teamleiter der Stationen, nichts. Für ihn hat sich mit der Verschiebung in die «Cloud» nichts verändert.

Schweiz als Standortvorteil

ILTIS (Integrales Leit- und Informationssystem) heisst dieses System, das von Siemens in der Schweiz während rund drei Jahrzehnten entwickelt wurde.

«Im internationalen Vergleich sind Schweizer Bahnstrecken dicht befahren», sagt Oliver Kaiser, Product Manager bei Siemens Schweiz. Der Bahnhof Zürich und das Limmatthal gehörten zu den meistbefahrenen Strecken Europas, wenn nicht der Welt, so der Spezialist. Es verkehren täglich so viele Züge, dass ein Stationsvorstand alter Schule diesen Verkehr nicht mehr steuern könnte, er wäre hoffnungslos überfordert.

Es ist kein Zufall, dass Siemens das Leitsystem ILTIS im Eisenbahnland Schweiz entwickelt. Die Ingenieure sind auf Partner wie die Gornegratbahn angewiesen, denn sie brauchen den Bezug zur Praxis.

Von der Verschiebung der Infrastruktur in ein Datencenter profitieren beide Seiten: Anstelle einer grossen Investition zu Beginn des Projektes bezahlt das kleine Bahnunternehmen jährliche Beiträge. Und die Bähnler brauchen sich nicht um die Wartung des Computersystems zu kümmern. Spezialisten im entfernten Wallisellen übernehmen diese Aufgabe.

Know-How Export

Siemens Schweiz andererseits kann durch solche Projekt wertvolles Know-How aufbauen, das in die Steuerungssoftware ILTIS einfliesst. Das Produkt ist auch bei der SBB im Einsatz und wurde mehrmals ins Ausland verkauft, etwa nach Österreich, Ungarn oder Malaysia.

Das schafft Arbeitsplätze in der Schweiz. Alleine 120 Programmierer arbeiten bei Siemens in Wallisellen an der Entwicklung der Software. Dazu kommen noch Ingenieure und Projektleiter, weitere 300 Arbeitsplätze.