Facebook – der Spiegel unserer Kommunikation

In zehn Jahren hat sich Facebook zum Social-Media-Giganten gemausert: für einige das Betthupferl, für andere die Bürounterhaltung – bis hin zur Ersatzfamilie. Doch wie genau wirkt sich Facebook auf unser Leben aus? Die Medienwissenschaftlerin Sarah Genner gibt Auskunft.

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Bildlegende: Wer was wann wo? Facebook funktioniert, weil es ein grundsätzliches Bedürfnis in uns anspricht: die Beziehungspflege. Reuters

Reden wir über das Phänomen Facebook in unseren Breitengraden. Wie viele Leute nutzen tatsächlich aktiv diese soziale Plattform?

Rund 40 Prozent der Schweizer Gesamtbevölkerung haben ein Facebook-Profil. Bei den 12- bis 19-Jährigen sind es rund 75 Prozent. Wie aktiv die Profile jedoch genutzt werden, ist sehr unterschiedlich. Einige loggen sich mehrmals täglich ein, andere viel seltener. Neue Zahlen zeigen, Jugendliche nutzen ihre Facebook-Profile etwas weniger aktiv als auch schon.

Fokussieren wir auf die Jungen. Warum wandern diese ab?

Von einer Abwanderung kann noch nicht die Rede sein. Jugendliche nutzen Facebook neben anderen Online-Diensten wie WhatsApp oder Instagram. Da immer mehr Eltern und Lehrpersonen auf Facebook sind, möchten viele Jugendliche eine bessere Kontrolle darüber, wer mitliest. Dies geht bei Messengern wie WhatsApp besser.

Die Jungen überhäufen sich auf Facebook oft mit Komplimenten und Superlativen. Man liest häufig Sätze wie «You’re my best friend forever» oder «Ich liebe dich, du bist mein Schatzi». Gleicht Facebook den Umgangston in den Beziehungen weltweit demjenigen in den USA an?

Ich glaube nicht, dass im Beziehungsverhalten wegen Facebook eine allgemeine Angleichung an die amerikanische Kultur stattfindet. Dass die USA und die englische Sprache auch in der Schweiz populär sind, hat eindeutig mehr mit Filmen und TV-Serien zu tun als mit Facebook. Studien zeigen zudem, für Kinder bis 12 Jahre spielt das Fernsehen eine zentrale Rolle. Erst nachher werden Computer und Handy wichtig.

Vor allem Mädchen pflegen auf Facebook eine sexualisierte Sprache. Sie reden von «Schatzi ficken» und «my sweet little bitch» oder «oh du meine pussy». Auch stellen sie sich oft mit erotischen Bildern dar. Befördert Facebook die Sexualisierung der Jungen?

So reden wohl einige Jugendliche untereinander. Selber habe ich jedoch noch nie so etwas auf Facebook gesehen, wohl aber unterwegs schon in Gesprächen aufgeschnappt. Die Online-Kommunikation nähert sich häufig der mündlichen Sprache an und so werden etwa über Facebook Gesprächskulturen schriftlich sichtbar. Dies hat auch schon Politikern ihre Karriere gekostet, weil ihre Aussagen, die am analogen Stammtisch noch durchgehen, online plötzlich schriftlich nachvollziehbar werden und ein klarer Beweis für eine Verleumdung vorliegt.

Mittlerweile dürfte auch einigen Jungen der Öffentlichkeitscharakter von Facebook mehr oder weniger bewusst sein. Ist Facebook bei den meisten nicht vielmehr ein Mittel, sich gegenüber den andern darzustellen, und hat wenig mit eigentlicher Beziehungspflege zu tun?

Das Facebook-Profil als eine Art Werbefläche der eigenen Person, spielt bei einigen sicher eine Rolle. Die populäre These der selbstdarstellenden und narzisstischen «Generation Internet» ist viel zu allgemein. Jede Generation hat ihre Narzissten. Die Frage, wie man sich auf Facebook gibt, ist vor allem eine Frage der Persönlichkeit und ein Spiegel des eigenen Kommunikationsverhaltens. So geben sich extravertierte Personen auf Facebook anders als introvertierte Persönlichkeiten.

Facebook ist ein Beschleuniger von Beziehungen? Menschen, die sich oft auf der Online-Plattform bewegen, verbinden und trennen sich schneller?

Facebook ermöglicht schnellen und gleichzeitigen Kontakt zu vielen. Dass Beziehungen dadurch beschleunigt werden, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Zentral ist die Qualität einer Beziehung. Und diese Qualität ist zunächst mal unabhängig davon, ob sie eher offline oder online gepflegt wird. Es geht um die Vertrauensbasis. Ist diese geschwächt, können einzelne Facebook-Einträge einen Einfluss haben, weil unter Umständen schneller sichtbar ist, wer mit wem in Kontakt ist. Zudem entstehen online eher Missverständnisse, weil die nonverbalen Signale fehlen.

Facebook ist also nichts weiter als der verlängerte digitale Arm unserer Beziehungspflege. Wirklich passieren tun die Sachen aber immer noch in der Realität.

In den meisten Fällen. Es hat zum Beispiel den Fall gegeben, dass eine junge Frau die Lehrstelle verloren hat, weil sie über ihre Lehrerin auf Facebook gelästert hat. Jemand ihrer 700 Facebook-Freunde hat sie verpfiffen. Darauf wurde der Lehrvertrag aufgelöst. Nun kann man Facebook für den Verlust ihrer Lehrstelle verantwortlich machen. Man kann aber auch sagen: die junge Frau muss allgemein ihr Kommunikationsverhalten überdenken. Facebook hat dies nur sichtbar gemacht.

Verpassen die Jungen ihre reale Umgebung, weil sie ständig auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken unterwegs sind?

Der Umgang mit Smartphones betrifft nicht nur Jugendliche. Wir müssen als ganze Gesellschaft lernen, wie wir mit der Möglichkeit, immer online zu sein, umgehen wollen. Wegen Ablenkungen durch Smartphones gibt es leider auch mehr Verkehrsunfälle. Wichtig scheint mir, dass wir Jugendlichen beibringen, dass die real anwesenden Personen erst mal die wichtigsten sind. Die Kampagne «Stop Phubbing» ist auf grosse Resonanz gestossen. Sie fordert, dass man das Gegenüber nicht ignorieren soll, indem man auf dem Smartphone herumtippt.

«Facebook gibt es auch in 10 Jahren noch»

4:40 min, aus SRF 4 News aktuell vom 03.02.2014

Werden die Jungen, die heute auf Facebook aktiv sind, vermutlich auch später als Erwachsene gleich aktiv sein?

Im Moment ist kein Ende von Facebook in Sicht. Niemand kann aber voraussagen, ob in drei Jahren noch jemand Facebook nutzt. Es hat mich erstaunt, dass der NSA-Abhörskandal das Verhalten der Menschen auf Facebook kaum verändert hat. Das Phänomen der sozialen Netzwerke wird nicht mehr verschwinden. Wie sich junge Facebook-Nutzer von heute als Erwachsene verhalten werden, ist nicht voraussehbar.

Interview: Christa Gall

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