Von Rebellen, Holländern und der Demokratie des Jassens

Jassen verbindet, trennt – und provozierte, damals. Der Kulturhistoriker Peter F. Kopp blickt zurück auf die bewegte Vergangenheit eines schweizerischen Volksguts. Und erklärt, warum das Spiel mit den Karten zugleich demokratisch, rebellisch – und unschweizerisch war.

Nicht erst seit dem «Samschtig-Jass» ist es ein Stück Schweizer Kulturgeschichte. Längst hat das Jassen seinen Platz im Erbgut der Nation, irgendwo zwischen Toblerone und dem Matterhorn, gefunden. Doch das Land ist geteilt: hier die Jass-Kenner, dort die Abstinenzler. Dazwischen gibt es – nichts. Der Graben ist diffus. Er zieht sich durch die Grossstadt wie durchs Hinterland. Jassen ist weder links noch rechts. Es überschreitet Sprachgrenzen, fasziniert die einen, langweilt die anderen. Und liegt auch im digitalen Zeitalter im Trend.

Am Anfang war das Spiel

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Jahrhundertelange Tradition

Die ältesten überlieferten Schweizer Spielkarten stammen aus Basel und lassen sich zwischen 1450-60 datieren. Es handelt sich um nichtkolorierte Karten mit weisser Rückseite. Die vier «Farben» sind Rose, Eichel, Schelle und der Schild mit einer Lilie oder einem durchgehenden Kreuz, wie man sie heute noch auf den Deutschschweizer Jasskarten sieht.

Jassen und die Schweiz: eine Liaison, die bis in graue Vorzeit zurückreicht? Tatsächlich ist das scheinbar ur-helvetische Kartenspiel erst rund «jugendliche» 200 Jahre alt. Und hat seither einen spektakulären Aufstieg ins Herz der Schweizer Volkskultur hinter sich. Das Erfolgsrezept von «Buur, Nell und Trumpf»? «Schon in der Steinzeit hat man mit Knochen gewürfelt», holt Kopp aus. Zum reinen Glücksspiel seien schliesslich andere Formen gekommen, bei denen auch «Köpfchen» gefragt war – etwa Brettspiele wie Schach. Kartenspiele hätten den Faktor «Glück» mit Spielintelligenz gepaart. Ein Brückenschlag mit durchschlagendem Erfolg.

Durchschlagend war auch die Reaktion der Obrigkeit: «Besonders in der Kirche gab es Leute, die das Kartenspiel überhaupt nicht mochten. Gleichzeitig spielten aber auch Geistliche – man hat Spielkarten in Klöstern, ja sogar in Chorgestühlen gefunden.» Während die Behörden «Auswüchse» wie Betrügerbanden und Spielsucht bekämpften, bemühte die Geistlichkeit den moralischen Bannstrahl: «Sauertöpfische Leute, die jede Lustbarkeit ablehnten», verdammten das Spiel als sündig, anrüchig. Die Verbotskultur lockerte sich erst im 18. Jahrhundert.

«  Zwar gibt es eine klare Hierarchie [...] Dann kommt aber das aufrührerische Element – und das heisst ‚Trumpf‘, der sticht die höhere Karte. Das ist ein sehr demokratischer Vorgang. »

Peter F. Kopp
Kulturhistoriker

«Ein sehr demokratischer Vorgang»

Doch nicht nur die geistliche, auch die weltliche Obrigkeit wurde vom Kartenspiel, zumindest spielerisch, herausgefordert. Verantwortlich dafür: das aufrührerische Element im Regelwerk. «Zwar gibt es eine klare Hierarchie, schon in den ältesten Beschreibungen: König, Ober, Dame, Bube. Auch in den Zahlen. Dann kommt aber das aufrührerische Element – und das heisst ‚Trumpf‘, der sticht die höhere Karte. Das ist ein sehr demokratischer Vorgang.»

«  Früher hat man gesagt: ‚Wenn einer nicht raucht, dann lernt er’s im Militär.‘ Auch wer nicht jasste, hat sich selber ins Abseits gestellt. »

Peter F. Kopp
Kulturhistoriker

Jassen als ur-schweizerisches «Demokratie-Labor»? Mitnichten. Tatsächlich gelangte das Spiel, wie wir es heute kennen, aus dem Ausland in die Eidgenossenschaft. «Nell und Bauer kommen aus Holland – genau wie der Name ‚Jassen‘ - dort gibt es immer noch ein Spiel, das so heisst». Vermutlich gelangte es über Schweizer Söldner in holländischen Diensten ins Land. „Aktenkundig“ wurde es erstmals in Schaffhausen um das Jahr 1796.

Jassen: Ein Musterschüler der Integration

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Peter F. Kopp

Peter F. Kopp (geboren 1938) studierte Kulturgeschichte, Kunstgeschichte und Archäologie in Zürich und Neuenburg. 1969 schloss er seine Dissertation über schweizerische Ratsaltertümer ab. Kopp amtete als Museumskonservator in Basel und Solothurn und ist Autor zahlreicher Publikationen, hauptsächlich zur Schweizer Kulturgeschichte.

Warum es sich von diesem «kleinen, abseitigen Kanton» wie ein Lauffeuer über die Schweiz ausbreitete, kann auch Kopp nicht sagen. Warum es aber kulturelle, ja sogar sprachliche Gräben überwand, dafür hat der pensionierte Kulturhistoriker eine ebenso einfache wie einleuchtende Theorie: «Ich nehme an, das hat sich vor allem im Militärdienst übertragen. Früher hat man gesagt: ‚Wenn einer nicht raucht, dann lernt er’s im Militär.‘ Auch wer nicht jasste, hat sich selber ins Abseits gestellt.»

Damit erklärt sich wohl auch, warum «Les Welsches» ebenso jassen wie Bündner, Appenzeller und Luzerner – wenn auch mit unterschiedlichen Karten. Und warum des Schweizers liebstes Spiel am Ende, trotz seines Ursprungs im Ausland, doch so helvetisch wie das «Goldvreneli» ist: Denn wer den «Kantönligeist» derart spielerisch überwindet, hat sich zweifellos aufs Beste integriert.