Jubiläum am CERN: Das «Labor für die Welt» wird 60

Am CERN werden am kleinstmöglichen Gegenstand die grösstmöglichen Fragen der Menschheit untersucht. Ursprünglich geschaffen, um Europas «Brain Drain» zu stoppen, wurde das Projekt zum Innovationsmotor der internationalen Forschung.

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60 Jahre CERN

2:15 min, aus Tagesschau am Mittag vom 29.9.2014

Warum gibt es uns und unsere Welt? Wie wird sich das Universum entwickeln? Seit sechs Jahrzehnten suchen Wissenschaftler am Europäischen Kernforschungszentrum bei Genf nach Antworten auf die grundlegendsten aller Fragen.

Zu diesem Zweck zerteilen Wissenschaftler Materie in ihre Bestandteile. Dabei hilft ihnen ein technologisches Ungetüm, das auch dem nüchternsten Naturwissenschaftler ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert: Der 27 Kilometer lange Large Hadron Collider (LHC) – die komplexeste Maschine der Welt.

Europas Kampf gegen den «Brain Drain»

Heute ist das weltumspannende Wissenschafts-Netzwerk ein «Labor für die ganze Welt», wie es Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer ausdrückt. Gegründet wurde es aber mit einem «egoistischen», europäischen Ziel: Die Forschung des «Alten Kontinents» sollte wieder zur international führenden Kraft werden. Europa drohe den Anschluss an die Vereinigten Staaten zu verlieren – so die Warnung von Initianten wie dem dänischen Physik-Nobelpreisträger Nils Bohr.

Dem Beispiel internationaler Organisationen folgend unterzeichneten 1952 zwölf europäische Staaten, darunter auch die Schweiz, die Gründungsurkunde. Die Absicht: Das Wissen sollte gebündelt, die Kosten geteilt werden. Seit dem 29. September 1954 wird seither am CERN physikalische Grundlagenforschung betrieben.

Friedensprojekt und Innovationsschmiede

Das Projekt entstand dabei zu ausdrücklich friedlichen Zwecken: So sind dem CERN waffenfähige Forschungen untersagt – keine Selbstverständlichkeit, legten doch eine Dekade zuvor europäische «Exil-Wissenschaftler» wie Albert Einstein in den USA die Grundlagen zum Bau der Atombombe. Ähnliche Ziele verfolgte das CERN nie – auch wenn manch einer im Teilchenbeschleuniger die grösste Massenvernichtungswaffe der Welt erkannte. Doch die Ängste, durch die Kollision von Protonen würde ein alles-verspeisendes «Schwarzes Loch» geschaffen, bestätigten sich nicht.

Neben abstrakten Welterklärungs- und -Untergangstheorien förderte das CERN aber auch Praxistaugliches zu Tage: Etwa moderne nuklearmedizinische Diagnostik basiert auf der Teilchenbeschleuniger-Technologie; sie machte Therapieformen möglich, die zur Krebsbekämpfung eingesetzt werden. Auch das World Wide Web war einst eine Art Nebenprodukt der Arbeit von CERN-Wissenschaftlern.

Das «Gottesteilchen» sorgt für Furore

Seinen bedeutendsten Erfolg feierte das CERN aber erst kürzlich: 2012 gelang der Nachweis des Higgs-Bosons, dessen Existenz knapp ein halbes Jahrhundert zuvor der Brite Peter Higgs und der Belgier François Englert vorausgesagt hatten. Sie erhielten 2013 dafür den Physik-Nobelpreis.

«Sie und ich würden ohne dieses Teilchen nicht hier sitzen, es gäbe uns gar nicht», erklärt Generaldirektor Heuer. Es sei jener Grundbaustein der Materie, der anderen Elementarteilchen überhaupt erst Masse verleiht – das «Gottesteilchen», wie es medienwirksam getauft wurde.

Auch mit 60 noch Avantgarde der Forschung

Trotz des historischen Durchbruchs: Der mehrfach modernisierte Ringbeschleuniger wird bald an Grenzen stossen. «Wir wissen nur etwas über einen kleinen Teil unseres Universums, ungefähr fünf Prozent», sagt Heuer. «Der Rest ist weitgehend rätselhaft, dunkle Materie, dunkle Energie – darüber wollen wir mehr erfahren.»

Deshalb wird bereits ein beinahe vier Mal grösser Teilchenbeschleuniger geplant, der in zehn Jahren den Betrieb aufnehmen könnte. Das CERN dürfte also auch im gehobenen Alter nicht zum «alten Eisen» gehören.

Sendungen zu diesem Artikel

  • Video «CERN – Film von Nikolaus Geyrhalter» abspielen
    SRF 1 28.09.2014 23:25

    Sternstunde Kunst
    CERN – Film von Nikolaus Geyrhalter

    28.09.2014 23:25

    Das Forschungszentrum CERN ist eine in sich geschlossene, autarke Zone im Grenzgebiet der Schweiz mit Frankreich. Hier wird versucht, den Urknall so weit wie technisch möglich zu reinszenieren. Im Film wird der immensen Infrastruktur des CERN nachgegangen – und den Menschen, die hier arbeiten.

  • Video «Der Ring – Dokumentarfilm zu 60 Jahre CERN» abspielen
    SRF 1 28.09.2014 11:55

    Sternstunde Kunst
    Der Ring – Dokumentarfilm zu 60 Jahre CERN

    28.09.2014 11:55

    Vor 30 Jahren haben Wissenschaftler am CERN bei Genf den grössten Teilchenbeschleuniger der Welt gebaut. Dieser Hadronen-Speicherring ist 27 Kilometer lang und quert in 100 Metern Tiefe die Schweiz und Frankreich. Ziel ist es, durch Beschleunigung dem Ursprung der Welt auf die Spur zu kommen.

  • SRF 1 28.09.2014 11:00

    Sternstunde Philosophie
    60 Jahre CERN – Harald Lesch über die Rätsel der Physik

    28.09.2014 11:00

    Das Forschungszentrum CERN feiert am 29. September sein 60-jähriges Bestehen. Anlässlich des Jubiläums spricht Juri Steiner mit dem deutschen Physiker, Philosophen und preisgekrönten Fernsehmoderator Harald Lesch über die Welt - und was sie im Innersten zusammenhält.