Streit in Griechenland Kein Segen für die Einäscherung

Wenn jemand stirbt, wird er beerdigt – oder eingeäschert. So ist es nicht nur in der Schweiz üblich. In Griechenland aber ist die Feuerbestattung ein Tabu. Sie ist zwar erlaubt, doch es gibt kein einziges Krematorium. Zu gross ist der Widerstand der Kirche.

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Einäscherung ist nur im Ausland möglich

Konstantina Alexiou sitzt in ihrem Wohnzimmer im Athener Vorort Kifisia und zeigt alte Urlaubsfotos ihres Vaters Anastasios. Kurz bevor ihr Vater verstarb, bat er seine Tochter, ihn einäschern zu lassen, erzählt die heute 43-Jährige.

Mit der Urne im Handgepäck zurück nach Hause

Weil es in Griechenland kein Krematorium gibt, war sein letzter Wunsch, zur Feuerbestattung nach Deutschland überführt zu werden. «Wir mussten ein Bestattungsinstitut finden, das diesen Wunsch erfüllen konnte», erinnert sich Alexiou. «Wir mussten in ein Land, dessen Sprache wir nicht sprachen. Und am Ende bin ich mit der Asche meines Vaters im Handgepäck zurückgereist.»

Eine psyschische Belastung sei das gewesen, sagt Alexiou. Und eine finanzielle dazu: «Ohne Flug und Übernachtung haben wir 6000 bis 7000 Euro bezahlt.» Eine Summe, die sich die wenigsten Griechen leisten können. Deshalb finden die meisten Feuerbestattungen im benachbarten Bulgarien statt. Dort seien sie weitaus preisgünstiger, erzählt Antonis Alakiotis von der griechischen «Gemeinschaft für Kremation». Die gemeinnützige Organisation kämpft inzwischen seit 20 Jahren für das Recht auf Einäscherung.

Eine Kirche auf der Insel Kastelorizo: Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Kirche auf der Insel Kastelorizo: Der Widerstand gegen Feuerbestattungen kommt vor allem aus der orthodoxen Kirche. Reuters

Finanzielle Gründe

Durchschnittlich 2000 Euro müsse man derzeit für den Transport des Leichnams nach Bulgarien, die Einäscherung und den Rücktransport der Asche zahlen. Eine Beerdigung in Griechenland ist deutlich teurer, wenn man alle Friedhofskosten zusammenzählt, die oft über Jahre auflaufen. Deshalb hat der Entscheid, einen Angehörigen einäschern zu lassen, für viele auch finanzielle Gründe.

Dass es in Griechenland bis heute kein einziges Krematorien gibt, liegt vor allem am Widerstand der orthodoxen Kirche, sagt Antonis Alakiotis. Denn gesetzlich erlaubt ist die Feuerbestattung seit 2006. Zuständig für den Bau von Krematorien sind demnach ausschliesslich die Städte und Gemeinden. Genau das sei das Problem, schildert Alakiotis. «Viele Bürgermeister haben den Bau von Krematorien angekündigt, doch solange sich die örtlichen Bischöfe dagegen stemmen, bleibt es bei den Ankündigungen.» So seien alle zufriedengestellt: Befürworter denken, das Krematorium sei in die Wege geleitet. Die Gegner seien zufrieden, weil es bei den Versprechen bleibe, aber nichts in die Tat umgesetzt werde.

«  Der Mensch besteht aus Körper und Seele und nach unserem Glauben werden wir eines Tages auferstehen. Deshalb kommt für die orthodoxen Christen nur die Beerdigung in Frage. »

Oberbischof Ignatios
Sprecher der griechisch-orthodoxen Kirche

Wie feindselig die Kirche reagieren kann, wenn ein Bau tatsächlich bevorsteht, hat Kremationsbefürworter Alakiotis mit eigenen Augen erlebt, als 2012 der Stadtrat von Markopoulo – einer Gemeinde vierzig Kilomenter von Athen entfernt – einstimmig für den Bau eines Krematoriums stimmte. Die Kirche sammelte Unterschriften und forderte eine zweite Sitzung, in der gegen das Krematorium entschieden wurde. «Der Sitzungssaal verwandelte sich in eine Arena von Fanatikern», erinnert sich Alakiotis. «500 Menschen, die den Bürgermeister und seine Kinder verfluchten, uns als Befürworter der Feuerbestattung beschimpften und bedrohten.» Ein Verhalten, das nichts mit den Werten des Christentum zu tun habe.

Auch wenn alle anderen christlichen Kirchen die Einäscherung schon längst anerkannt haben – die orthodoxe Kirche Griechenlands will von der Feuerbestattung immer noch nichts wissen. Oberbischof Ignatios, Pressesprecher der Kirche, beruft sich auf den christlichen Glauben. «Der Mensch besteht aus Körper und Seele und nach unserem Glauben werden wir eines Tages auferstehen. Deshalb kommt für die orthodoxen Christen nur die Beerdigung in Frage.» Wer sich für eine Feuerbestattung entscheide, werde nicht von der Kirche begleitet. «Es gibt keine christliche Beerdigungszeremonie.»

«  Wir mussten den Pfarrer anlügen, damit er den Gottesdienst hält. »

Konstantina Alexiou

Konstantina Alexiou, die ihren Vater kremieren liess, hat dafür überhaupt kein Verständnis. «Wir mussten den Pfarrer anlügen, dass wir den Leichnam meines Vaters ins Dorf überführen werden, damit er den Gottesdienst hält», erzählt sie. «Ich verstehe es nicht: Die Kirche hält den Gottesdienst für Mörder, weigert sich aber, wenn es um Menschen geht, die sich einäschern lassen wollen – auch wenn sie ein christliches Leben geführt haben.»

Trotz des Widerstands der orthodoxen Kirche werden Feuerbestattungen immer beliebter. Nach Angaben der Vereinigung griechischer Bestattungsunternehmen fanden 2016 allein in Bulgarien 4000 Feuerbestattungen griechischer Bürger statt – ein Anstieg von 40 Prozent im Vergleich zu früheren Jahren.

Jetzt reagiert die Regierung

Inzwischen hat sich auch die linke Syriza-Regierung eingeschaltet. Sie will den Kremationstourismus beenden oder zumindest eindämmen. Dafür will sie auch Privatpersonen das Recht geben, in Griechenland Krematorien zu errichten.

Der Gesetzentwurf dazu werde bald ins Parlament kommen, so der zuständige Innenminister Panos Skourletis. Für Kremationsbefürworter Antonis Alakiotis ein Hoffnungsschimmer. Denn die privaten Unternehmen könne die Kirche nicht so leicht unter Druck setzen, sagt er. Und ausländische Firmen mit dem nötigen Know-How gebe es jetzt schon.