Krise bei den Paparazzi

Die Stars und Sternchen versammeln sich zu der glamourösen Oscar-Verleihung. Draussen warten jene, die mit den Fotos der Reichen und Schönen ihr Geld machen: die Papparazzi. Sie verdienen aber weniger Geld als früher, ihr Business ist in den letzten Jahren schwieriger geworden.

Zwei Paparazzi sitzen im Gras, die Kamera im Anschlag Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Paparazzi fotografieren den britischen Sänger Seal, der sich ein Fussballspiel seiner Kinder anschaut. SRF

Ein Fussballfeld in Santa Monica. Die Kinder des Sängers Seal und des Models Heidi Klum spielen hier Fussball. Fünf Papparazzi stehen zur Seite und schauen zu. Luis Pablo Estrada ist einer davon. Er ist enttäuscht. Heidi Klum ist nicht da, nur ihr Ex-Mann Seal. Für ein Bild von ihm alleine gibt es wenig Geld. Fünfzig Dollar, wenn er Glück habe, sagt Luis. Nicht so wie früher.

«Als ich vor zehn Jahren anfing, da gab es Geld. Jetzt ist es nur Überleben. Und hoffen, das teure Foto zu schiessen, nochmals». Estrada hat vor nur einem Jahr ein Bild für 50'000 verkaufen können. Es war das erste von den Schauspielern Jennifer Lawrence und Nicholas Hoult, als sie neu wieder zusammenkamen. «Das Geld ist weg. Jetzt arbeiten manche Paparazzi als Zügelmänner. Wie ist das möglich?»

Das Fussballspiel ist zu Ende. Die Paparazzi fotografieren Seal, wie er seine Kinder in Empfang nimmt. Anschliessend steigen sie in ihre Autos und fahren davon.

Jeder und jede ein Paparazzo

Giles Harrison war auch dort. Er ist seit zwanzig Jahren im Geschäft mit den Promi-Fotos und besitzt die Firma London Entertainment Group, für die rund 25 Fotographen als freie Mitarbeiter tätig sind. Seine Bilder verkauft er in den USA, aber auch international: an britische Tabloids, die Bunte in Deutschland, Paris Match.

«  Ich versuche Bilder zu schiessen, ohne dass man mich sieht. Sie sollen erst merken, dass ich da war, wenn sie das Klatschheft auftun. »

Giles Harrison
Paparazzo

Den grössten Teil des Tages verbringt er damit, in seinem Cadillac herumzufahren, dort vorbei, wo Russel Crowe gerne Kaffee trinkt oder wo Reese Witherspoon ihr Fitnessprogramm absolviert. «Ich versuche Bilder zu schiessen, ohne dass man mich sieht. Sie sollen erst merken, dass ich da war, wenn sie das Klatschheft auftun». Das sei alte Schule. «Es ist ein wenig hinterlistig und unheimlich, es macht aber das Leben einfacher.»

Er bekomme Tipps von Limousinenfahrern, Flughafenpersonal und Hotelangestellten, das helfe. Manchmal meldeten sich sogar die Publizisten der Promis. Es sei ein Geben und Nehmen. Ein paar Mal habe er Bilder für hundert tausende von Dollars verkauft. Er will aber nicht sagen, welche das waren.

Ein Mann sitzt hinter dem Steuer eines PW und beobachtet die Gegend. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Giles Harrison auf Pirsch: Er sucht die Stars und Sternchen. Ein Bild kann mehrere hundert Tausend Dollar einbringen. SRF

Seltener sei das sowieso: Mit dem Aufkommen der digitalen Kameras kann jeder und jede ein Paparazzo sein und ein paar Dollar verdienen. Heute gibt es eine regelrechte Flut von Bildern, was die Preise in die Tiefe stürzen liess. «Mein Geschäft ist viel schwieriger geworden, viel kompetitiver, viel überlaufener.»

Das Internet drückt die Preise

Das Internet habe dem Geschäft der Paparazzi einen weiteren Schlag versetzt: Online-Publikationen zahlten weniger für die Prominentenbilder. Darunter leiden auch die grossen Agenturen: Der Markt wird von den Firmen Corbis und Getty Images beherrscht. Sie haben seit Jahren keinen Gewinn mehr geschrieben und suchen nach neuen Geschäftsmodellen. Die Klatsch-Presse steht vor ähnlichen Herausforderungen wie die Printmedien generell.

Die Flaute ist auch im Büro von Brandy Navarre sichtbar: kahle Wände, spärlich möblierte Zimmer, draussen an der Tür hängt ein «zu vermieten»-Schild. Sie ist Ko-Chefin von X17, noch vor einigen Jahren die grösste Prominenten-Fotoagentur in Los Angeles. Früher beschäftigten sie 70 Paparazzi, nun sind es noch rund fünfzehn. «Das Einkommen aus Online-Publikationen nimmt Jahr für Jahr zu. Aber die Online-Welt ist schwierig.» Die grosse Mehrheit der Prominenten-Bilder, die im Internet zirkulierten, sei gestohlen. Es lohne sich fast nicht, sich gegen die ursprüngliche Piraterie zu wehren, zu schnell verbreiteten sich die Fotos weiter.

Ein Paparazzo hält die Kamera im Anschlag Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Paparazzi warten oft lange, bis ihnen ein Promi vor die Linse läuft. Doch für ein langweiliges Bild gibt es kein Geld. SRF

Sie schwärmt noch von dem einen Bild, das ihrer Agentur am meisten Geld einbrachte: «Wenn das Foto eine neue Geschichte erzählt, dann ist es wertvoll: Britney Spears, die ihre Haare abrasiert. Unbezahlbar. Ich verkaufe es noch heute, fast täglich.» Über die Jahre habe dieses eine Bild hunderte von tausend Dollar eingebracht.

Eine Fantasie verkaufen

Adriane Schwartz sitzt in einem Café in Santa Monica. Sie leitet das Westküsten-Büro verschiedener Boulevard-Blätter. «Auf jeden Fall verdienen die Paparazzi weniger», sagt sie «jetzt kann jeder und jede ein Foto schiessen mit seinem Telefon, wenn er oder sie etwas sieht». Sie kaufe oft Bilder von Nichtpaparazzi. Sie seien sogar oft intimer: Der Schauspieler, der sich an einer privaten Party eine Linie Kokain reinzieht. Dort sei meistens kein Paparazzo zugegen.

Einmal habe sie Fotos einer neuen Freundin eines Stars gebraucht. Schwartz habe es von den Freundinnen der Frau abgekauft, insgesamt für dreissig tausend Dollar. Sie kommt aus dem Nachrichtenjournalismus, ist aber ins Boulevard-Business gewechselt. «Es macht mehr Spass und ich kriege einen höheren Lohn», sagt Adriane Schwartz.

«  Die Leute haben langweilige Leben. Sie wollen sehen, dass andere ein irgendwie besseres Leben haben. Sie wollen davon träumen, dass es erreichbar ist (...). »

Giles Harrison
Paparazzo

Denn die Nachfrage nach Bildern der Stars ist nach wie vor da: Millionen von Menschen kaufen die Klatschhefte, die sie abdrucken. Promi-Fotos generieren im Internet extrem viele Klicks. Die Gesellschaft sei regelrecht besessen von Hollywood und Glamour, sagt Paparazzo Giles Harrison – sonst hätte er ja keinen Job. Wie erklärt er sich das? «Die Leute haben langweilige Leben. Sie wollen sehen, dass andere ein irgendwie besseres Leben haben. Sie wollen davon träumen, dass es erreichbar ist. Sie leben ihr Leben durch jenes der Reichen und Schönen. Es ist eine Fantasie.»

Harrison fährt weiter und späht aufmerksam aus dem Fenster, seinen Fotoapparat griffbereit auf seinem Schoss. Für den nächsten sekundenschnellen Moment, der ihm Geld einbringen wird.

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