Ärger mit Ticketbörse Manege frei für Tickethai: Wie Viagogo Zirkus-Fans abzockt

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Manege frei für Tickethai: Wie Viagogo Zirkus-Fans abzockt

6:09 min, aus Kassensturz vom 9.5.2017

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Ticketplattform Viagogo sorgt einmal mehr für Ärger. Dieses Mal ist auch der Zirkus Knie betroffen.
  • Die Ticketbörse erweckt den Eindruck, eine offizielle Verkaufsstelle für Events zu sein, verlangt jedoch völlig überteuerte Preise und Gebühren.
  • So bezahlte ein Familienvater für vier Tickets 342 Franken. An einer offiziellen Verkaufsstelle hätten die Tickets lediglich 83 Franken gekostet.
  • Ende April beschwerten sich bereits mehr als 40 Kunden pro Woche beim Zirkus Knie. Dieser will nun rechtliche Schritte einleiten.
  • Viagogo schweigt zu den Vorwürfen.

In der Abendvorstellung des Zirkus Knie in St. Gallen sitzen hunderte begeisterte Zuschauer. Davon, dass sich einige davon im Vorfeld über völlig überrissene Ticketpreise ärgern mussten, ist nichts mehr zu sehen. Beim Anblick der Artisten ist der Groll verflogen. Nicht aber bei Zirkus-Direktor Fredy Knie jun.: «Mich ärgert, dass unser Kunden über den Tisch gezogen werden. Bei uns ist der Kunde König, das war seit eh und je so.»

Die Rede ist – wieder einmal – von der Ticketbörse Viagogo. Wie schamlos diese Firma Kunden über den Tisch zieht, zeigt das Beispiel der Familie Lutz.

Horrende Fantasie-Gebühren

Vater Beni Lutz suchte im Internet nach Knie-Tickets und stiess auf die Plattform von Viagogo. Die Seite macht einen seriösen Eindruck. Ihm fällt deshalb auch nicht auf, dass es sich nicht um eine offizielle Verkaufsstelle handelt. Und der Ticketpreis schien günstig. Doch wie immer bei Viagogo: Auf den Billett-Preis schlägt die Ticketbörse horrende Gebühren. Auch bei Beni Lutz:

Ticketpreis für Zirkus Knie

Ticketpreis (4 Stück à 63.98 CHF)
255.92 CHF
Buchungsgebühr73.65 CHF
Bearbeitungsgebühr
6.46 CHF
MwSt 5.89 CHF
Total Ticketkosten auf Viagogo
341.92 CHF
Preis für dieselben Tickets an einer offiziellen Verkaufsstelle
83.20 CHF

Von diesen extrem hohen Gebühren erfahren die Viagogo-Kunden aber erst ganz am Schluss der Buchung. Ein auffälliger Hinweis, dass nur noch wenige Tickets verfügbar seien, erzeugt Druck, die Bestellung trotzdem abzuschliessen.

Auch Beni Lutz fand das extrem teuer. Doch er wollte seiner Familie eine Freude bereiten. Als ihm die Tickets dann per Post zugeschickt wurden, staunte er nicht schlecht: Aufgedruckt war ein Billett-Preis von 20 Franken. Und tatsächlich: Hätte der Familienvater die Tickets für den günstigsten Sektor E an einer offiziellen Verkaufsstelle bezogen, hätte er lediglich 83.20 Franken bezahlt, inklusive Mehrwertsteuer und Gebühren.

Massenhaft Beschwerden an der Knie-Kasse

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Dieses Geschäftsgebaren ist für den Zirkus Knie ein Problem. Ende April beschwerten sich bereits mehr als 40 Kunden pro Woche bei Melanie Bünzli, Leiterin der Knie-Kasse. Alle haben über Viagogo überteuerte Tickets erstanden. Wenn möglich kommt sie ihnen entgegen und tauscht die Plätze gegen eine bessere Kategorie um. Doch der Ärger nimmt kein Ende: «Mittlerweile haben wir die nächste Stufe erreicht. Eine Kundin bezahlte Viagogo 420 Franken, bekam aber keine Tickets zugeschickt», so Melanie Bünzli. Knie schenkte der geprellten Kundin vier Plätze.

Angeblich ausverkaufte Vorstellungen hätten noch Plätze frei

Für sie ist klar: Da steckt System dahinter. Viagogo gibt sich fälschlicherweise den Anstrich einer offiziellen Verkaufsstelle des Zirkus. Zwar fehlt ein Sitzplan der Vorstellungen, doch das fällt den meisten Kunden nicht auf. Und besonders dreist: Ende April bezeichnete Viagogo drei Knie-Vorstellungen als ausverkauft, obschon noch Plätze frei waren. «Viagogo bereichert sich an unserem Publikum und schädigt auch uns», ärgert sich Melanie Bünzli.

Kaufen Strohmänner die Tickets?

Was vielen Käufern nicht bewusst ist: Viagogo ist kein offizieller Ticketanbieter, sondern eine Ticketbörse. Auch wenn die Internetseite offensichtlich einen anderen Eindruck erwecken möchte. «Kassensturz» wie auch «Espresso» haben schon mehrfach über die Praktiken von Viagogo berichtet.

Im Falle von Familie Lutz zeigt die auf dem Ticket aufgedruckte Adresse des ursprünglichen Käufers: Dieser wohnt in Berlin. Und noch auffälliger: Er kaufte die Tickets erst kurz vor dem Versand bei Ticketcorner. In mehreren anderen Fällen, die «Kassensturz» vorliegen, leben die Käufer in Tschechien und Litauen. Und auch dort wurden die Tickets von den ursprünglichen Käufern erst nach Eingang der Bestellung bei Viagogo gekauft. Es drängt sich ein böser Verdacht auf: Kaufen Strohmänner im Auftrag von Viagogo Tickets und verkaufen sie dann überteuert weiter?

Viagogo schweigt zu den Vorwürfen

«Kassensturz» hat bei Viagogo Schweiz mit Sitz in Genf sowie auch bei Viagogo England mehrmals um eine Stellungnahme zu den vorliegenden Fällen gebeten. Die Firma reagiert auf die Fragen, insbesondere zum Vorwurf der Strohmänner, allerdings nur mit Schweigen.

Ticketcorner sperrt ausländische Käufer

Bei Ticketcorner, dem offiziellen Verkaufspartner des Zirkus Knie, ist der Ticketärger bekannt. Marketingleiter Urs Wyss erklärt: «Wenn wir die Adresse kennen und wenn die Tickets über Internet bei uns gekauft wurden, schreiben wir die Betroffenen an und weisen sie darauf hin, dass sie gegen unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen verstossen. Diese verbieten den kommerziellen Wiederkauf von Tickets. Ausserdem haben wir die Möglichkeit, IP-Adressen und Kreditkartennummern zu sperren, um künftige Käufe und Aktivitäten zu verhindern.» Im Fall des Zirkus Knie habe Ticketcorner mehr als ein Dutzend ausländische Käufer gesperrt.

Seco über Viagogo:

Das Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco schreibt «Kassensturz» auf Anfrage, dass es die Viagogo-Plattform schon früher unter die Lupe genommen und Anpassungen auf der Webseite gefordert habe. So verlangte das Seco, dass Viagogo den tatsächlich zu bezahlenden Preis bzw. den Endpreis der Tickets auf der Website klar bekanntzugeben habe und dass Viagogo angebe, dass es sich um eine Plattform für den Weiterverkauf von Tickets handle.
Wegen der Verletzung der Preisbekanntgabeverordnung (PBV) hat das SECO die Firma Viagogo, mit Hauptsitz in Genf, bei der zuständigen Stelle des Kantons verzeigt. Der «Service des contraventions» des Kantons Genf hat Viagogo deswegen gebüsst. Konkrete Beschwerden von Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten zu www.viagogo.ch können an das Seco geschickt werden.
Zum Seco-Beschwerdeformular

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