Warum wir träumen Mehr als Hirngespinste – Was uns Träume lehren

Träume einfach als Hirngespinste abzutun, ist eine Möglichkeit. Wer sich aber mit ihnen beschäftigt, könne durchaus aus ihnen lernen, sagt Schlafexperte Remo Sigrist.

Hände an einer Türscheibe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Szenario eines Albtraums: eingesperrt sein. Colourbox

Jeder träumt – nur erinnert sich nicht jeder an die nächtlichen Abenteuer. Meist bleiben vor allem die schlechten Träume im Gedächtnis. Laut Schätzungen suchen jeden Zwanzigsten mindestens einmal pro Woche Albträume heim. Nehmen sie überhand, gibt es Techniken, sie wieder in die Schranken weisen, erklärt Remo Sigrist.

SRF: Warum träumen wir überhaupt?

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Schlafwandeln

Etwa zwei Prozent der Erwachsenen gehen nachts auf Wanderschaft. Für einen Teil von ihnen kann das Schlafwandeln ein deutlicher Hinweis auf eine Hirnerkrankung sein, Parkinson oder Demenz beispielsweise.

Remo Sigrist: Dazu gibt es keine sicheres Wissen, nur Theorien und Hypothesen – beispielsweise Träume als eine Art mentale Fortsetzung vom Tagesgeschehen, oder Träume als Reifungs- oder auch Reinigungsprozess des Gehirns, als Kompensation dafür, was tagsüber zu kurz gekommen oder unterdrückt worden ist. Es gibt aber auch die Annahme vom Traum als Hüter des Schlafs: Wenn in der Umgebung ein Knall ertönt, wird dieser in den Traum eingewoben, so dass man nicht aufwacht. Und es könnte auch sein, dass kein Zusammenhang zwischen dem Geschehen tagsüber und dem Traum besteht, dass Träume nur ein Nebenprodukt von dem sind, was zufällig im Hirn während des Schlafs passiert. Keine der Theorien ist aber alleingültig.

Die Theorien sind schwer belegbar, wenn der Untersuchungsgegenstand, der Mensch, nicht wach ist, wenn es für die Forschung spannend wird.

Für die Traumforschung war es ein Durchbruch, dass mittels EEG die Hirnaktivität des Schlafs in den verschiedenen Abschnitten untersucht werden konnte. Eine andere Möglichkeit ist, über die Berichte der Träumenden den Traum zu erforschen. Da stellt sich aber das Problem, was im Traum wirklich passiert ist, was und wieviel erinnert wird – und auch, was der Träumer überhaupt erzählen will. Das macht die Traumforschung sehr schwierig.

Viele berichten davon, Tagesgeschehen mit in den Schlaf zu nehmen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Ja. Es zeigt sich in Analysen von Träumenden, dass das oft der Fall ist. Es ist meistens so, dass Erlebtes im Traum eher metaphorisch dargestellt ist – die zum Ausdruck gebrachte Emotion in Bezug auf das Tagesgeschehen. Ein Beispiel sind Flutwellenträume: Oft liegen ihnen überwältigende Gefühle am Tag zugrunde.

Gibt es also tatsächlich so etwas wie bestimmte Traumbilder, die alle Menschen gemeinsam haben?

Für solche Theorien, wie sie zum Beispiel in der Archetypenlehre der analytischen Psychologie von C.G. Jung zum Ausdruck kommen, gibt es wenig empirische Belege. Trauminhalte sind sehr individuell und gleichzeitig auch stark kulturell geprägt. Aber man kann im Rahmen einer Psychotherapie sehr gut mit Trauminhalten arbeiten, indem man sich mit dem Patienten den Traum anschaut und ihn hinsichtlich der Emotionen untersucht.

«  Traumerinnerung und Traum sind zwei Paar Schuhe. »

Remo Sigrist

Manche Träume verfolgen einen auch tagsüber noch, andere sind schnell vergessen. Sind erstere die aussagekräftigeren?

Grundsätzlich sind Traumerinnerung und Traum zwei Paar Schuhe. Denn die Traumerinnerung kann auch beeinflusst werden. Achtet jemand sehr auf seine Träume oder führt sogar ein Traumtagebuch, nimmt das Erinnerungsvermögen sicher zu. Und andersherum kommt ein Traum, an den man sich tagsüber immer und immer wieder erinnert, dann mit grösserer Wahrscheinlichkeit auch nachts wieder vor.

Daneben ist wichtig, wann man aufgewacht ist. Das Gehirn ist auch im Schlaf immer aktiv, aber der Schlaf ist in verschiedene Abschnitte unterteilt. Wird jemand in der Tiefschlafphase geweckt, kann diese Person meistens mentale Eindrücke nennen, wenn sie danach gefragt wird, aber das ist in dieser Phase nicht unbedingt eine Traum-Geschichte. In der REM-Phase dagegen ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er konkret einen ganzen Traum berichten kann. Die erste REM-Phase beginnt ungefähr nach 90 Minuten.

Es scheint, Kinder träumen intensiver und oft auch schlechter. Trügt dieser Eindruck?

Daran wird immer noch geforscht. Physiologisch gesehen ist es so, dass die Hirnaktivität im Schlaf bei Kindern anders verläuft und die Schlafstadien anders verteilt sind. Es gibt mehr Tiefschlaf- und REM-Phasen. Auch deswegen beispielsweise schlafwandeln Kinder mehr als Erwachsene: Das Schlafwandeln passiert durch ein teilweises Aufwachen aus dem Tiefschlaf heraus, und davon gibt es ja bei Kindern mehr.

Verändert sich die Art der Träume über das Leben hinweg?

Wenn man der Kontinuitätshypothese folgt, dann findet das den Weg in die Träume, was tagsüber aktuell im Vordergrund steht und im wachen Zustand wichtig ist. Für Kinder ist es in einem bestimmten Alter normal, viele Albträume zu haben – aber man muss auch bedenken, dass sie ihre Träume erst ab einem Alter von vier, fünf oder sechs Jahren überhaupt erzählen können. Der Grund für die vermehrten Albträume kann sein, dass Kindern in diesem Alter auch im Alltag langsam bewusst wird, dass sie in einer Welt leben, wo nicht alles supergut ist und wo sie von Wesen umgeben sind, die mächtig und gefährlich sein können und sie auch Gefühle von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein entwickeln. Für Erwachsene ergeben sich dann je nach Lebenssituation andere Themen.

«  Männer und Frauen träumen von anderen Themen. »

Remo Sigrist

Träumen Männer anders als Frauen?

Da ist eher die Frage: Wer redet mehr darüber und mit wem? Tatsächlich scheint es aber schon unterschiedliche Inhalte zu geben, das wird seit den 1960er-Jahren immer wieder bestätigt. Möglich ist, dass Männer und Frauen von anderen Themen träumen, weil sie sich den Tag über mit unterschiedlichen Themen befassen. Männer träumen offenbar häufiger vom Aufenthalt im Freien, von Waffen oder körperlicher Aggression. Aber wie stark hier Geschlechtsstereotype durchschlagen oder das, was sie berichten wollen, ist schwierig zu sagen.

Haben in Ihrem beruflichen Alltag die Träume überhaupt einen Stellenwert oder sind sie eher nebensächlich?

Träume sind für uns tatsächlich eher ein Nebenschauplatz, werden aber dennoch immer wieder Thema. Und zwar immer dann, wenn sie zur Belastung werden, weil sie den Schlaf negativ beeinflussen oder Menschen sogar tagsüber nachgehen.

Es gibt die Albträume, die symptomatisch mit anderen Schlafstörungen wie dem Schlafapnoe-Syndrom auftreten und die, die eigenständig als Albtraumstörung bezeichnet werden. Letzteres ist gar nicht so selten. Oft liegt dem ein Trauma oder eine posttraumatische Belastungsstörung zugrunde. Manchmal stehen auch die psychischen Probleme gar nicht mehr im Vordergrund und nur die Albträume sind davon noch übriggeblieben.

Die Mechanismen sind schwierig aufzudecken. Es gibt die Hypothese, dass diese Albträume dann richtiggehend erlernt sind, sozusagen antrainiert. Es gibt auch die Annahme, dass unser Imaginationssystem, unsere Vorstellungskraft, die ja auch am Tag eine Rolle spielt, aus dem Gleichgewicht geraten ist und sich dies dann nachts durch Albträume ausdrückt.

Kann man dem wieder Herr werden?

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Zur Person

Porträt des Interviewpartners

KSM

Remo Sigrist ist Fachpsychologe für Psychotherapie und Leitender Psychologe der Klinik für Schlafmedizin KSM in Luzern.

Solche Albträume können wirklich eine anhaltende Problematik sein. Man kann sie aber mit Therapieformen wie der kognitiven Verhaltenstherapie wieder umtrainieren. Man nimmt dabei an, dass Träume als Funktion eines mentalen Imaginationssystems verstanden werden können, genau wie Tagträume oder eben Vorstellungen. Man beobachtet also im ersten Schritt zum Beispiel mit einem Traumtagebuch, um welche Trauminhalte es sich handelt, daraus entwickelt man dann neue Bilder, die man vor seinem inneren Auge ablaufen lässt und baut dadurch eine Brücke zum Trauminhalt.

Man überlagert die Traumbilder also sozusagen mit neuen Bildern – oder anders gesagt: Man schreibt das Skript um.

So könnte man das sagen. Das ist nicht einmal so aufwändig. Wichtig ist einfach, dass man auch eine schlafmedizinisch gute Differentialdiagnostik macht und sicherstellt, dass man keine psychiatrischen oder organischen Ursachen verpasst, z. B. eine posttraumatische Belastungsstörung, ein Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom oder auch medikamentöse Ursachen.

Wenn die Träume belasten, ist dieser Schritt sehr wichtig. Denn es kann ein regelrechter Teufelskreis entstehen: Wer jede Nacht schlecht träumt, ist auch tagsüber gestresst. Und die Anspannung vom Tag entlädt sich dann wiederum nachts.

Das Gespräch führte Helwi Braunmiller