Ein Brandverletzter erzählt «Mein Arm war aufgeplatzt wie ein Cervelat»

Philipp Bosshard erlitt bei einem Arbeitsunfall schwerste Verletzungen: Über 80 Prozent seiner Haut sind verbrannt. Träumen hat ihm geholfen, sich von Suizidgedanken zu befreien.

Ein am ganzen Körper bandagierter Mann liegt in einem Krankenbett. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Am ganzen Körper bandagiert wachte Philipp Bosshard aus dem Koma auf. Keystone/Symbolbild

Der Tag, der für Philipp Bosshard alles veränderte, begann wie jeder andere. Er ging wie üblich zur Arbeit im Spezialtiefbau, es mussten in einer Röhre in zehn Metern Tiefe Schweissarbeiten verrichtet werden. Dabei kam es zum Unglück: Das Gasgemisch entzündete sich. Im Bruchteil von Sekunden stand die Röhre in Flammen – Philipp Bosshard mitten darin. Es gelang ihm zwar, sich nach oben zu retten, doch als er aus der Röhre kletterte, war seine komplette Kleidung weg – verbrannt, wie auch 88 Prozent seiner Haut.

SRF: Es ist unvorstellbar, wie es ist, zu brennen. Haben Sie überhaupt verstanden, was da mit Ihnen gerade passiert?

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Philipp Bosshard

Porträt von Philipp Bosshard

SRF

Philipp Bosshard ist heute 30 Jahre alt. Nach seinem Brandunfall vor drei Jahren waren 88 Prozent seiner Haut verbrannt, seine Überlebenschancen standen 1:10. Mehrmals war er danach dem Tode nah: Er hatte mehrere Blutvergiftungen, seine Organe standen kurz vor dem Versagen. Heute fühlt er sich gut – und steht sogar schon wieder auf dem Snowboard.

Philipp Bosshard: Ich habe realisiert, dass etwas extrem Schlimmes passiert ist – mein T-Shirt hat sich in Flammen aufgelöst, als ich das letzte Mal an mir heruntergeschaut habe. Ich habe meinen rechten Arm gesehen, der war aufgeplatzt wie ein Cervelat. Später ist mir dann die Haut vom Kopf wie über die Augen heruntergelaufen. Dann hat auch der Schmerz eingesetzt. Mein Arbeitskollege hat direkt versucht, mich zu löschen. Für mich sind gefühlte Stunden vergangen, bis der Krankenwagen gekommen ist und ich Medikamente bekommen habe. Danach weiss ich nichts mehr. Aber mir war eigentlich direkt klar, dass sich jetzt das Leben um 180 Grad gekehrt hat oder dass es jetzt auch fertig sein könnte. Das realisiert man irgendwie.

Ihre letzte Erinnerung ist der Krankenwagen. Und Ihre erste, als Sie wieder zu sich gekommen sind?

Das ist das erste bewusste Erwachen auf der Intensivstation nach acht Wochen künstlichem Koma. Dort habe ich zuerst einmal die Umgebung realisiert, dieses spezielle Zimmer, der Verband am ganzen Körper. Es sind megaviele Ärzte vor mir gestanden und haben mich mit grossen Augen angeschaut – ich sie wahrscheinlich auch, es war ja das Einzige, was man von mir gesehen hat, weil ansonsten alles von mir eingepackt war.

Was haben Sie gedacht?

Meine erste Frage an den Arzt war, ob ich jemals wieder werde Sport machen können. Ich habe das alles gar nicht so schlimm eingestuft und gedacht, ich könnte dann schon bald wieder heimgehen. Aber der Lauf hat dann eigentlich erst begonnen.

Ihr «Lauf» allein auf der Intensivstation hat ein ganzes Jahr gedauert. Dabei – und auch jetzt noch – wurden zahllose Hauttransplantationen mit gezüchteter Eigenhaut und Operationen durchgeführt. Sie sehen heute nicht mehr aus wie vor dem Unfall. Was ist für Sie die grösste Veränderung?

Mein Gesicht. Es ist von unten bis oben mit Narbenhaut bedeckt und hat auch keinen einheitlichen Hautton mehr wie vorher. Mir fehlt das rechte Ohr. Die Narbenhaut zieht von den Backen her meine unteren Augenlider herunter, dadurch schliessen meine Augen nicht mehr komplett zu 100 Prozent und die Lider sind gerötet.

Die Lippen und Mundwinkel verzieht es auch durch die Narbenhaut. Die Augenbrauen fehlen mir. Ich habe nicht mehr überall Haare auf dem Kopf – ein bisschen wie eine Schneise, wo halt auch Narbenhaut ist. Die Nase ist kürzlich rekonstruiert worden. Mir hat die Nasenspitze grossflächig gefehlt, ich hatte sehr grosse Nasenöffnungen und jetzt wieder eine funktionstüchtige Nase, die auch optisch nach eine Nase aussieht.

«  Wenn es gerade gut gelaufen ist, kam auch schon wieder der nächste Schlag. »

Philipp Bosshard

Sie wirken sehr im Reinen mit sich, auch sehr optimistisch. Haben Sie schon im Krankenhaus beschlossen: Das packe ich?

Die Zeit im Krankenhaus war für mich eine sehr dunkle Zeit, mit sehr viel Schmerz verbunden, wo ich für mich selber nicht wusste, wie ich hier rauskomme. Man sieht auch keinen Horizont, man kann nicht sagen, nach drei, vier Wochen kann ich hier wieder rauslaufen – oder nach zehn Monaten. Wenn es gerade gut gelaufen ist, kam auch schon wieder der nächste Schlag und ich bin wieder psychisch und körperlich in das nächste Loch gefallen. Das hat extrem Angst gemacht, weil ich nicht gewusst habe: Schaffe ich es überhaupt? Wenn ich jetzt im Spital bin, wirkt alles auf mich extrem freundlich. Auch wenn es jetzt komisch klingt: Es ist immer wieder schön, dorthin zurückzukommen. Das zeigt mir jedes Mal wieder, wie weit ich schon gekommen bin.

Wie sah denn Ihr Alltag im Spital aus, Sie konnten sich ja kaum bewegen? Können Sie sich daran überhaupt erinnern?

Es gab manchmal täglich Narkosen, wenn ich wieder mit neuer Haut bedeckt worden bin. Dann waren wieder fünf Tage Bettruhe, in der man gar nichts bewegen durfte. Zusätzlich die Verbandswechsel, die täglich oder jeden fünften Tag stattgefunden haben, die bei mir am Anfang fast einen ganzen Tag beansprucht haben. Das waren Tage, wo ich morgens nach dem Aufstehen schon direkt wieder Narkosemittel bekommen habe und erst am Nachmittag um zwei, drei wieder zu mir gekommen bin. Man ist auch immer ein bisschen neben den Schuhen und bekommt das schon mit, aber ich glaube, das hat es bei mir einfach nicht so gespeichert, was auf eine Art auch gut ist.

«  Ich war irgendwann so abhängig, dass ich nach diesen Schmerzmitteln förmlich geschrien habe.  »

Philipp Bosshard

Das ist ja aber nur mit extrem starken Schmerzmitteln zu überstehen – und die sind auf Dauer auch nicht gesund.

Philipp Bosshard: 88 Prozent der Haut verbrannt

31 min, aus Menschen und Horizonte vom 20.01.2017

Sobald man Schmerzmittel bekommt, lindert es natürlich einerseits den Schmerz da, wo man ihn hat – also bei mir eigentlich am ganzen Körper, rundherum. Andererseits versetzt es einen in ein gemütlicheres Gefühl: Es tut einem gut – und das ist auch das Gefährliche. Ich war irgendwann extrem abhängig, so dass ich nach diesen Schmerzmitteln förmlich geschrien habe. Es ist dann so weit gekommen, dass man gesagt hat: Jedes weitere Geben wäre eigentlich wie ein Totspritzen. Es geht nicht mehr. Andererseits verschiebt es einem völlig die Wahrnehmung. Es wurde einem zwar immer gesagt, dass man gerade halluziniert, bis man das aber selber merkt, vergeht sehr viel Zeit. Irgendwann kommt dann das Abwägen: Man weiss, man halluziniert und man bekommt Angstzustände, wenn man das aber dem Arzt sagt, werden die Schmerzmittel reduziert, und das heisst, der Schmerz kommt wieder mehr. Dann kommt die Frage: Was verkraftet man besser – den Schmerz oder das Halluzinieren mit Angstzuständen?

Ständiges Liegen, Schmerzen, Angstzustände – das muss einem doch irgendwann zu viel werden.

Die Suizidgedanken in dem ganzen Jahr haben eher eine kurze Zeit eingenommen, aber ich glaube, es war die Zeit, die am meisten geprägt hat. Klar, wenn man nonstop Suizidgedanken hat und einfach nicht mehr leben will, ist das glaube ich das Schlimmste, auch fürs Umfeld. Ich habe das auch immer offen ausgesprochen. Das war schon der tiefste Punkt, den ich je erreicht habe und den ich auch nie wieder erreichen möchte.

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Hautersatz aus dem Labor

Grafische Darstellung der Entnahme eines Hautstücks.

SRF

Am Unispital Zürich können Mediziner brandverletzte Patienten mit aus eigenen Hautzellen gezüchtetem Hautersatz versorgen. Das verringert die Gefahr von Abstossungen wie bei Fremdhaut drastisch. Die Infografik erklärt den Ablauf.

Wie haben Sie sich aus dem Tief befreit?

Ich habe angefangen, von Sachen zu träumen und sie mir vorzustellen. Ich bin beispielsweise gedanklich die Skipiste heruntergefahren. Das hat geholfen, für kurze Zeit aus der Qual zu fliehen ohne Schmerzmittel und hat mir sehr viel Lebensfreude zurückgegeben, weil ich gewusst habe, dass das Leben schön ist und nicht nur von dieser Qual und diesem Schmerz bestimmt wird und dass das temporär ist.

Sie leben jetzt wieder allein, ein riesiger Schritt. Was sind Ihre weiteren Ziele?

Ich trainiere wieder auf normale Sachen hin – wie wieder eine Wanderung von drei bis vier Stunden machen zu können beispielsweise. Dafür mache ich Ausdauersport, um meine Lungen wieder zu verbessern. Das andere ist der Kraftaufbau. Ich habe vor dem Unfall gut 72 Kilo gewogen, danach nur noch 48, und natürlich Muskeln verloren. Ich trainiere, dass mir der Alltag wieder besser gelingt, dass ich auch wieder etwas selbständig anpacken kann ohne dass ich jemanden anrufen muss. Was für mich auch Sport ist, ist die Haut in Bewegung zu halten: Je länger ich nichts mache, desto mehr zieht sich die Haut wieder zusammen und meine Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Das begleitet mich täglich: vom Augenaufschlag beim Aufwachen bis abends, wenn ich ins Bett gehe.

Das Gespräch führte Brigitte Wenger, Bearbeitung: Helwi Braunmiller