#Neuland: «Merkel wird nun eine Weile lang stärker beobachtet»

«Das Internet ist für uns alle Neuland.» Die Äusserung der deutschen Kanzlerin sorgt für Furore. Innerhalb kurzer Zeit ergoss sich im Internet Häme, Spott und heftige Kritik über Angela Merkel. Wie funktionieren solche Ausbrüche? Die Medienwissenschaftlerin Caja Thimm gab Auskunft.

SRF News Online: «Das Internet ist für uns alle Neuland.» Die Äusserung der deutschen Bundeskanzlerin hat es gestern innert kürzester Zeit zum wichtigsten Thema im deutschsprachigen Twitter geschafft. Sie haben den Häme-Sturm gestern verfolgt. Was haben Sie erlebt?

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Zur Person

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Caja Thimm ist Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität an der Universität Bonn in Deutschland. Sie forscht zu Onlinemedien – vor allem zu Fragen von Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter, zu Mobilkommunikation und zur Digitalen Demokratie.

Caja Thimm: Aus den ersten Tweets sprach vor allem Überraschung und Konsternation. Schon kurz danach entwickelten sich die Äusserungen aber in zwei Richtungen: Die eine ging – sehr typisch für Twitter – spielerisch und kreativ mit dem Thema um. Da wurden ständig neue Begriffe gefunden und Bilder geschaffen. Die andere war die politische Richtung. Dort wurde die Äusserung im Umfeld des Obama-Besuches verstanden, aber auch als eine Art Warnsignal: ‹Seht her, da ist eine Kanzlerin, die mit diesem Thema bisher nichts zu tun hat.›

Sie forschen zum Phänomen der so genannten Candy- und Shitstorms – untersuchen also die Regeln und Formen, nach denen sie ausbrechen. Wie typisch war das Beispiel gestern? 

Absolut typisch. Oft ist es eine eher leichtfertige Äusserung eines Politikers oder einer Politikerin – entweder zu einem gesellschaftlich sensiblen oder aber zu einem Netzthema. Diese Äusserung wird aufgegriffen – manchmal interessanterweise mit einer gewissen Zeitverzögerung, manchmal unmittelbar. Im aktuellen Fall erlebten wir letzteres: Der Satz fiel auf einer Pressekonferenz und noch während die Kanzlerin sprach, erfolgte auf Twitter der Ausbruch. Es gibt aber auch Beispiele, bei denen ein Thema zunächst einmal eine langsame Runde dreht. Dann gibt es in solchen Fällen einen so genannten Hub – einen Prominenten oder einen Twitter-Nutzer mit einer sehr grossen Zahl von Followern – und plötzlich erfolgt der Ausbruch explosionsartig. Manchmal verebbt ein Thema dann sehr schnell wieder. Im Neuland-Fall könnte ich mir vorstellen, dass es eine Weile anhalten wird. Und Merkel wird beim Thema Internet in der nächsten Zeit sehr viel stärker beobachtet werden. Das ist klar.

Gehen wir noch einmal zurück zum eigentlichen Neuland-Satz. Man kann nur spekulieren, ob es sich dabei um eine unbeholfene Äusserung handelt oder ob sich dahinter auch die Stossrichtung konservativer Netzpolitik verbirgt – mit engeren Grenzen und mehr Einfluss des Gesetzgebers. Was denken Sie? 

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Merkel stiehlt Obama die Show

Merkel stiehlt Obama die Show

Keystone

Eigentlich warteten in Berlin heute alle gespannt auf den Auftritt des amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Würde er den Deutschen einen ähnlich historischen Satz mit auf den Weg geben wie einige seiner Vorgänger? Doch noch bevor Obama redete, gab die Kanzlerin Überraschendes von sich. Mehr.

Ich glaube, sie hat das ernst gemeint und genau deshalb halte ich die Äusserung für gefährlich. Ich vermute aber,  für Merkel ist das Internet wirklich Neuland und kein Thema, das oben auf ihrer Agenda steht – trotz der aktuellen Diskussion um Spähprogramme, Cyberangriffe oder Leaking-Affären. Und wenn Sie einen Toppolitiker haben, der ein Thema als Nichtthema oder eben als Neuland bezeichnet, dann halte ich das für gefährlich. Ich hätte lieber eine kompetente Kanzlerin, die klare Entscheidungen trifft, über die man sich streiten kann.

Sie untersuchen die Folgen solcher Ausbrüche auf Twitter. Haben sie denn wirklich Auswirkungen oder versandet die Aufregung auch schnell wieder? 

Es gab in der jüngeren Vergangenheit zwei Beispiele, an denen sich die Folgen solcher Erregungskampagnen zeigen. Das eine stammt aus der Sendung «Wetten, dass…». Nach der letzten Sendung gab es einen kleinen Vorfall auf Youtube. Dort kursierte eine kurze Szene, in der der Moderator Markus Lanz während der Sommersendung auf Mallorca Limbo tanzte. Auf Youtube sorgte dieser Clip schnell für eine massive Welle negativer Kommentare – mit der Konsequenz, dass das ZDF nur zwei Tage später verkündete, dass es künftig keine solchen Sommersendungen mehr geben wird. Nun kann man natürlich sagen, dass die Sendung ohnehin schlecht war. Hier wurde aber der Moderator beschädigt – und daran kann das ZDF kein Interesse haben.

Beim zweiten Fall handelt es sich um das Beispiel des deutschen FDP-Politikers Rainer Brüderle, der mit einer Äusserung gegenüber einer Journalistin vor kurzem die #Aufschrei-Debatte losgetreten hatte. Ich bin überzeugt, dass die Debatte und der Umgang der Konservativen damit Brüderle massiv geschadet haben. Hier wurden sicher viele weibliche Wähler verprellt. Beides sind Beispiele, die früher möglicherweise folgenlos geblieben wären.

Die Zahl der aktiven Twitternutzer ist nach wie vor eher klein. Dennoch schafft es diese Gruppe immer wieder, so laut zu sein, dass ihre Themen auch in den Rest der Gesellschaft schwappen. Wie ist das möglich? 

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Wie SRF 3 die Sache sieht

Die deutsche Bundeskanzlerin ist die Prophetin unserer digitalen Zukunft. Dies bewies sie beim Besuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin. Der Trailer zum Sommerblockbuster. Mehr.

Eine wichtige Rolle spielen sicher die Journalisten, die überdurchschnittlich stark auf Twitter vertreten sind. Auf diese Weise finden die Themen häufig ihren Weg zunächst auf die grossen Onlineseiten und von dort aus in die traditionellen Medien.

Schauen wir uns nochmal den gestrigen Tag an: Viele Äusserungen, die dort gemacht wurden, waren einfach unanständig und in der Offline-Welt undenkbar. Ist das auch ein Ausdruck von Neuland, dass online keine wirklichen Regeln für den gegenseitigen Umgang existieren?

Es ist richtig, dass online oft ein Ton vorherrscht, der nicht akzeptabel ist. Wir wissen inzwischen auch, dass sich Frauen deshalb häufig nicht an solchen Debatten beteiligen. Mir persönlich wird der Ton dort auch häufig schnell zu dümmlich. Inzwischen versuchen wichtige Online-Meinungsmacher dort mässigend einzugreifen – bisher allerdings ohne nennenswerten Erfolg.