Polizist: «An Weihnachten kochen die Gefühle hoch»

Weihnachten – das bedeutet, zuhause im Warmen zu sitzen und Geschenke auszupacken. Doch nicht für alle. Ein Busfahrer, ein Polizist, eine Concierge, ein OP-Assistent und ein Freiwilliger der Dargebotenen Hand erzählen, wie es ist, an Weihnachten zu arbeiten.

Pascal Blunier, Buschauffeur bei den St. Galler Verkehrsbetrieben

Busfahrer Pascal Blunier Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pascal Blunier: «Man spürt, dass die Menschen in Gedanken beim Fest sind.» zvg

«Ich arbeite eigentlich ganz gerne an Weihnachten. So kann ich den Weihnachtstrubel etwas hinter mir lassen und habe Zeit, um nachzudenken. Mir gefällt, dass die ganze Stadt beleuchtet ist. Auch die Passagiere sind an Heiligabend viel entspannter als sonst. Keiner stört sich daran, wenn der Bus einmal nicht ganz pünktlich ist. Die Leute sind in Gedanken beim Fest. Besonders bei den älteren Menschen spürt man, dass ihnen Weihnachten wichtig ist. Einige suchen das Gespräch, um der Einsamkeit etwas zu entkommen. Andere wünschen einem schöne Festtage oder geben etwas Trinkgeld. Darüber freue ich mich natürlich.»

Christian Spaltenstein, Polizist in Zürich

Polizist Christian Spaltenstein Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Christian Spaltenstein: «Oft müssen wir wegen Familienstreitigkeiten ausrücken.» zvg

«An Weihnachten zu arbeiten, ist schon speziell. Irgendwie schweisst es das ganze Team zusammen. Dieses Jahr essen wir zusammen Fondue Chinoise. Natürlich kann es vorkommen, dass man wegen eines Einsatzes mitten im Essen aufstehen muss. Besonders oft müssen wir wegen Familienstreitigkeiten und häuslicher Gewalt ausrücken: Die Gefühle kochen hoch, es kommt zu Spannungen. Manchmal gibt es aber auch ein schönes Ende. So waren wir einmal wegen eines Familienstreits ausgerückt – es war so laut geworden, dass die Nachbarn uns angerufen hatten. Nach einer Weile schafften wir es, die aufgebrachten Familienmitglieder zu beruhigen. Daraufhin luden sie uns ein, zum Essen zu bleiben: Auf dem Tisch war eine aufgeschnittene Weihnachtsgans und weitere Köstlichkeiten. Leider konnten wir nicht bleiben, wir mussten weiter. Oft kommt es an Weihnachten auch vor, dass die Leute uns anrufen, weil sie einsam sind. Sie sagen dann etwa, ‹Kommen Sie schnell, ich brauche Hilfe›. Sobald man aber vor Ort ist, merkt man: Es ist einfach eine ältere Person, die reden will. Wenn es der Dienst zulässt, bleiben wir gerne einen Moment.»

Joanna Kvale, Concierge im Hotel Schweizerhof in Bern

Concierge Joanna Kvale Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Joanna Kvale: «Zu Weihnachten machen wir den Stammgästen kleine Geschenke.» zvg

«Ich mag die Stimmung an Weihnachten. Das Hotel ist wunderschön geschmückt und vor dem Eingang steht der Berner Weihnachtsbaum. Zudem ist alles weniger hektisch, jeder ist friedlich unterwegs. An Heiligabend zu arbeiten, macht mir nichts aus – das bringt der Beruf in der Hotelbranche nun einmal mit sich. Zu Weihnachten machen wir den Stammgästen kleine Geschenke, darüber freuen sie sich. Schön ist es natürlich auch, wenn man etwas zurückbekommt. So hat mir eine Frau, die immer wieder bei uns zu Gast ist, eine Karte überreicht mit lauter bunten Fenstern. Dazu hat sie geschrieben, sie wünsche mir ein buntes 2016. Darüber habe ich mich sehr gefreut.»

Oliver Pareth, angehender OP-Assistent im Inselspital in Bern

OP-Assistent Oliver Pareth Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Oliver Pareth: «Die grünweissen Samichlaushauben sorgen für etwas Weihnachtsstimmung.» Pascal Gugler, Insel Gruppe

«Weihnachten ist mir nicht so wichtig – ich bin nicht religiös. Daher arbeite ich lieber über die Festtage und habe dafür an Neujahr frei. Dennoch spürt man auch im OP-Saal, dass Weihnachten ist. Viele Chirurgen sind entspannt und gut gelaunt. Sonst ist die Stimmung im OP-Saal ja eher rau: Zeit ist Geld, darum bleibt normalerweise nicht viel Raum für Smalltalk. Es gibt allerdings auch das andere Extrem: Jenes OP-Personal, das gestresst ist, weil sie zuhause noch so viel erledigen müssen. Das überträgt sich dann auch auf die anderen Mitarbeiter. Für etwas Weihnachtstimmung sorgen dafür die Samichlaus-Operationshauben. Sie sind grünweiss statt rot – natürlich darf man sie nur ausserhalb des OP tragen. Ansonsten aber ist es ein Arbeitstag wie jeder andere auch. Ein schönes Erlebnis, das mir geblieben ist? Mir kommt gerade nur ein trauriges in den Sinn: Vor einem Jahr wurde am 24. Dezember um 7 Uhr morgens ein Patient eingeliefert, den wir reanimierten – leider ist er dann trotzdem gestorben.»

Daniel Huber (Name geändert), Freiwilliger bei der Dargebotenen Hand, Zürich

Ein Mann sitzt am Tisch und telefoniert Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Daniel Huber (Name geändert): «Für Menschen in einer seelischen Krise ist Weihnachten eine schwierige Zeit.» zvg

«Ich arbeite gerne an Weihnachten. An diesen Tagen ist mein Dienst fast noch wertvoller als während dem Rest des Jahres. Denn für viele Menschen in einer seelischen Krise ist es eine schwierige Zeit. Sie haben Bammel vor jenen Tagen, an denen alles geschlossen ist: der Laden, die Beiz, das Café. Tage, an denen sie alleine in ihrer Wohnung sind. Unter den Anrufern sind viele Menschen, die niemanden mehr haben. Weil sie Pech hatten im Leben, weil sie Alkoholiker sind, ihre Arbeit verloren haben. Nicht nur ältere Leute melden sich. Gerade an Weihnachten geht es oft um zerstrittene Familienverhältnisse und zerrüttete Beziehungen. Jene, die Heiligabend nicht alleine verbringen wollen, verweisen wir an die Hilfswerke, die Weihnachtsfeste organisieren. Ob sie dann wirklich hingehen, weiss ich natürlich nicht. Es gibt aber auch immer wieder schöne Momente. Wenn sich jemand am Ende eines Gespräches bedankt und sagt: ‹Es ist schön, dass es euch gibt.› Dann weiss ich, ich bin im richtigen Job.»

Sendebezug: SRF 4 News, 10:03 Uhr.