«Raumfahrt wird nie Routine sein»

Zwei Abstürze von Raumfähren innerhalb weniger Tage – und beides Mal stecken private Anbieter dahinter. Arbeiten diese weniger sicher als staatliche Organisationen? Nein, sagt Raumfahrtspezialist Men Jon Schmidt.

Wrackteile der abgestürzten Raumfähre SpaceShipTwo Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hilfssheriffe schauen sich in Cantil, Kalifornien, die Wrackteile der Raumfähre «SpaceShipTwo» an. Reuters

«Sicherheit ist die grösste Herausforderung»

5:30 min, aus SRF 4 News aktuell vom 01.11.2014

Radio SRF: Der Absturz des Raumschiffs «SpaceShipTwo» ist schon das zweite Unglück der privaten Raumfahrtindustrie in dieser Woche. Erst am Dienstag war eine private Versorgungsrakete für die Raumstation ISS explodiert. Ist das Zufall?

Men Jon Schmidt: Das hat insofern nichts miteinander zu tun, als dass dies zwei völlig unterschiedliche Systeme sind. Das eine war eine Mischung zwischen Rakete und Flugzeug, das bemannt in Weltraum starten sollte, das andere war eine kommerzielle Trägerrakete, die Nutzlast zur internationalen Raumstation hätte transportieren sollen. Unglücklicherweise sind die beiden Abstürze nahe beieinander aufgetreten.

In beiden Fällen handelt es sich um private Unternehmer. Gehen diese möglicherweise mehr Risiken ein, weil sie Geld verdienen wollen und darum Tempo machen?

Das Risiko ist nicht grösser als bei einer nationalen Raumfahrtorganisation. Die Firmen können sich das auch gar nicht leisten – schon gar nicht in den USA, wo eine solche Firma dank Sammelklagen ruiniert wäre, wenn man nachweisen könnte, dass sie fahrlässig gehandelt hätte.

Es war die Nasa selber und die staatlichen Organisationen, die den Wettbewerb angeregt haben. Die Nasa hat der privaten Raumfahrtindustrie vor etwa zehn Jahren gesagt: Wir geben euch Geld, wenn ihr euch bemüht, eigene Systeme zu entwickeln, um in den Weltraum zu gelangen. Damit wollte die Nasa auch einen Konkurrenzkampf ankurbeln, um zu sehen, was da für neue Ideen herauskommen – und sich dann die Rosinen für die eigenen Programme herauspicken.

Was ist die grösste Herausforderung für die private Raumfahrt?

Das bleibt die Sicherheit. Raumfahrt ist keine Routine und wird auch nie Routine sein. Man kann versuchen, das Risiko so zu minimieren, dass es überschaubar wird. In dieser Hinsicht ist der Unfall ein Rückschlag, gerade weil man ein Todesopfer zu beklagen hat. Aber man muss aus diesen Fehlern lernen. So ist es in der Raumfahrt immer gewesen; leider müssen Unglücke passieren, damit man es in Zukunft besser macht. Ich denke, auch dieses Unglück wird helfen, dass Virigin ein gutes Raumschiff entwickeln wird und in wenigen Jahren wirklich Touristen in den Weltraum transportieren kann.

In Russland ist die ganze Raumfahrt staatlich kontrolliert. Ist dies das sicherere Modell?

Überhaupt nicht. Weil es staatlich kontrolliert wird, sind auch die Mittel sehr unzuverlässig vorhanden. In den letzten 20 Jahren hat man nichts mehr oder sehr wenig für die Raumfahrt ausgegeben, weil man andere Prioritäten setzten musste. Raumfahrt war ja kein Prestigeprojekt mehr. Es ist so, dass die Russen sehr gutes Raumfahrt-Knowhow zur Verfügung haben, aber wenn es nicht finanziert wird, liegt es brach.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Was die Explosion der NASA-Rakete für die Raumfahrt bedeutet

    Aus 10vor10 vom 29.10.2014

    Der Raumfrachter Antares sollte für die NASA vom Weltraumbahnhof an der amerikanischen Atlantikküste zur der Internationalen Raumstation (ISS) aufsteigen. Die Reise war nach wenigen Sekunden zu Ende: Die Rakete geriet vom Kurs und wurde gesprengt. Ein Rückschlag für die private Raumfahrt.

  • Raketenexplosion ist Rückschlag für Raumfahrt

    Aus Tagesschau vom 29.10.2014

    Wenige Sekunden nach dem Start ist der unbemannte Raumfrachter "Sygnus" explodiert, er war im Auftrag der Nasa unterwegs. Die Rakete sollte Material zur Internationalen Raumstation ISS bringen. Den Schaden beziffert die Nasa auf etwa 200 Millionen Dollar - ein herber Rückschlag für die Raumfahrt.

  • Schweizer Space Shuttle: Raumfahrt für alle

    Aus Einstein vom 30.1.2014

    Die Schweiz will den Weg ins Weltall demokratisieren: Eine junge Firma in der Westschweiz will ein Space Shuttle entwickeln, mit dem man Kleinsatelliten auf eine Erdumlaufbahn bringen kann und zwar für viermal weniger Geld als bisher. Damit sollen sich auch Länder und Forschungsinstitute den Zugang zum All leisten können, deren Mittel bislang nicht ausreichten, um einen eigenen Satelliten zu starten.