Knochen, Tücher und Nägel Rom hält an seinen Reliquien fest

Gebeine oder Objekte von Heiligen spielten früher eine wichtige Rolle. Sie wurden als Reliquien verehrt. Um sie zu sehen und zu berühren, legten Gläubige weite Strecken zurück. Vielerorts sind sie in Vergessenheit geraten. Nicht aber in Rom.

San Giovanni in Laterano ist neben dem Petersdom die wichtigste und am meisten besuchte Kirche Roms. Während Jahrhunderten lebten die Päpste hier und nicht im Vatikan.

Die Wichtigkeit dieser Kirche zeigt sich auch an ihrer Reliquien-Sammlung, sagt Historiker Sandro Barbagallo und zeigt auf zwei Schreine über dem Altar.

Sie enthalten die Schädel der Heiligen Peter und Paul. Während sich andere, weniger wichtige Kirchen mit Splittern zufrieden geben müssen, habe man hier die ganzen Schädel, erklärt Barbagallo.

Darunter befindet sich eine andere, nicht minder beeindruckende Reliquie: «Es ist ein Stück jenes Tisches, an dem das Letzte Abendmahl stattfand», sagt der Kurator der Reliquien von San Giovanni.

Sättel der Heiligen Drei Könige erzählen Geschichte

Sein Schatz beherbergt aber auch Weihnachtliches: «Hier sind die Sättel der Heiligen Drei Könige, und da sind die Tücher, in die man Jesus wickelte.» So lautet auf jeden Fall die Tradition.

«  Diese Reliquien sind nicht zertifiziert, wir wissen nicht, ob sie authentisch sind. »

Sandro Barbagallo
Kurator der Reliquien von San Giovanni

Klar sei aber, dass sich mit solchen Gegenständen die gesamte Heilsgeschichte erzählen lasse.

«In früheren Jahrhunderten gab es weder Fotos noch Filme, nur wenige Leute konnten lesen. Solche Gegenstände und Fragmente stimulierten damals die Fantasie der Gläubigen ungemein.» Zu den Reliquien hatten viele eine innige Beziehung, so Barbagallo weiter.

«Man konnte Reliquien sogar küssen, das war wichtig.» Die Reformatoren aber bezeichneten die Reliquien als Götzen. Sie räumten ihre Kirchen leer und warfen die alten Knochen hinaus auf die Strasse.

Kreuzigungs-Nägel vermehren sich durch Berührung

Nicht aber in Italien, denn hier «vermehrte» man die Reliquien. Würde man zum Beispiel alle verehrten Nägel des Kreuzes Jesu zusammentragen, man könnte damit hunderte Holzkreuze zusammennageln, erklärt Barbagallo.

Es sei gang und gäbe gewesen, mit einem vermeintlich echten Nagel andere Nägel zu berühren, die Kraft der Reliquie zu übertragen. Da steckte natürlich auch ein kommerzielles Interesse dahinter. Mit Reliquien liessen sich Pilger scharenweise anlocken.

Eingangshalle der Kirche San Giovanni in Laterano. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Vorhalle der Basilika San Giovanni in Laterano, dem Sitz des Bischofs von Rom. Imago

Es gab viel Geld zu verdienen. Bei krassem Missbrauch habe die Obrigkeit zuweilen interveniert, sagt Historiker Barbagallo. Wenn etwa Gläubige Tropfen der Muttermilch Mariens oder das Messer der Beschneidung Christi verehrten.

Der Gebrauch gewisser Reliquien wurde untersagt, gewisse Reliquien verschwanden und neue kommen hinzu.

Brad Pitt – die moderne Version des Heiligenschädels

Heute werde die Reliquienverehrung oft belächelt, sagt Kurator Barbagallo. Doch das Phänomen gebe es auch in modernen Versionen: Etwa wenn ein Fan seinen Star unbedingt mit der eigenen Hand berühren wolle.

«Ich wasche mir die Hand nicht mehr, denn ich habe mit ihr Brad Pitt berührt», sei das heutige Pendant dazu. Oder wenn Leute für teures Geld Gegenstände von Prominenten kauften, zum Beispiel ein Kleid von Marilyn Monroe, so Barbagallo.

Textilien gibt es übrigens auch in der Kirche San Giovanni. Seit kurzem gehört ein Sari, ein Gewand der Heiligen Mutter Theresa aus Kalkutta, zur Reliquiensammlung.