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Panorama Venedig treibt seinen Untergang voran

Venedig versinkt langsam, und schuld sind die Behörden. Zu diesem Schluss kommt die Vereinigung zum Schutz Europäischer Kulturgüter «Europa Nostra». Auch der Verein für die Zukunft Venedigs und der Venezianer geht mit der Verwaltung hart ins Gericht.

Der weitläufige Strand der Insel Pellestrina in der Lagune von Venedig ist mit Muscheln übersät. Martina Rähr hat gerade Pause. Wenn die Naturkundeführerin und Reiseleiterin mit einer Gruppe durch die Lagune schippert, dann tut sie das langsam, oft sehr langsam, während sich viele andere nicht einmal an die offiziellen Geschwindigkeitsbegrenzungen halten.

Die Bausubstanz an den Ufern der Kanäle leidet unter dem Wellenschlag der Motorboote. Je schneller sie fahren, desto mehr Schaden richten sie an. Die Zahl der Motorboote ist in den vergangenen 20 Jahren rasant gestiegen, so rasant wie die Zahl der Touristen. «Andererseits lebt Venedig vom Tourismus, aber es kann nicht das Ziel sein, immer noch mehr Leute reinzubringen, das ist schon diese traurige Wendung», sagt Martina Rähr.

Kreuzfahrtschiffe belasten Fundamente

Am Horizont taucht ein Schiff auf. Weiss, mit mehreren Stockwerken, ein Koloss. Er kommt aus der Lagune. «Der fährt jetzt gerade raus. Die griechische Fähre fährt ja täglich rein und raus, und das ist natürlich auch eine Belastung für die Stadt, durch den Druck für die Fundamente. Die fahren an San Marco vorbei.»

Wir verscherbeln unsere Stadt an den Meistbietenden.
Autor: Marco VidalPräsident des Vereins für die Zukunft Venedigs

Mehr noch als die Fähren stehen die riesigen Kreuzfahrtschiffe, die in Venedig für einen Tagesausflug anlegen, in der Kritik von Umweltschützern. Sie bringen viel Schmutz und viele Menschen, die hastig durch die Stadt eilen und vor allem Müll hinterlassen. Die Stadtverwaltung kassiere die Anlegesteuer, ohne sich um die schädlichen Folgen dieser Form von Tourismus zu kümmern, klagt Marco Vidal, der in Venedig aufgewachsen ist. «Wir verscherbeln unsere Stadt an den Meistbietenden, betreiben einen Ausverkauf ihrer Schönheit. Venedig ist eine Art Disneyland geworden.»

Ausverkauf der Wohnungen an Ausländer

Der Mittdreissiger sitzt einem Verein vor, der sich um die Zukunft Venedigs und der Venezianer sorgt. Die Einwohnerstruktur hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Kinder und junge Erwachsene sind unterrepräsentiert im Vergleich zum Landesdurchschnitt. Ältere und Ausländer sind dagegen überproportional vertreten. Auf den Klingelschildern der historischen Palazzi stehen häufig deutsche, englische oder japanische Namen.

Ein Wohnsitz in Venedig ist schick, solange man ihn sich leisten kann. Junge Venezianer ohne ererbten Immobilienbesitz können das oft nicht. «Venedigs grösstes Problem ist der Exodus der angestammten Bevölkerung. Und es wird nichts dagegen getan. Es gibt kein Projekt, das die Venezianer in den Mittelpunkt stellt.»

Reichtum auf Kosten der Stadt

Marco Vidal wohnt im Quartier Santa Croce und ist auf dem Weg zu einem Treffen des Vereins. Er kommt an vielen, kleinen Läden vorbei. In den Auslagen: Modeschmuck, Plastikgondeln, Karnevalsmasken. Alles «made in China». Hier sei früher ein Friseurgeschäft gewesen, aber das habe inzwischen geschlossen und dabei sei man hier nicht einmal in einer der touristischsten Gegenden von Venedig, sagt Vidal. «Hier gibt es einige, die sich an den Touristen eine goldene Nase verdienen. Und weil sie keine Rechnungen ausstellen, können sie ihre Gewinne vor dem Fiskus verbergen und zahlen so noch nicht einmal Steuern. Ihren Reichtum haben sie auf dem Rücken der Stadt und der anderen Bürger gemacht.»

Die Provokation von ‹Europa Nostra› zwingt die Stadtbehörden hoffentlich zum Handeln.
Autor: Marco VidalPräsident des Vereins für die Zukunft Venedigs

Dass seine Stadt nun auf der Liste der am meisten gefährdeten Kulturstätten Europas steht, schmerzt Venezianer wie Marco Vidal. Er hofft aber auch, dass der Stadtrat durch die Provokation der europaweiten Vereinigung «Europa Nostra», zum Handeln gezwungen wird. «Ich hänge an dieser Stadt und werde bis zum letzten Atemzug hier bleiben. Niemals möchte ich in einer anderen Stadt leben als Venedig.» Er habe Glück, weil er eine Arbeit und eine Wohnung habe, aber viele seiner Freunde seien nicht so privilegiert und für die müsste die Stadt mehr tun.

5 Kommentare

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  • Kommentar von Bernhard Bizer (Avidya)
    ....siehe auch das Stoffel-Projekt in Vals. Ganz nach dem Duktus: "zu Wasser, zu Lande und in der Luft!"
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  • Kommentar von Bernhard Bizer (Avidya)
    "Venedig sehen und sterben!" Diesen Spruch könnte man auch so deuten, dass die vielen Tagestouristen der Kreuzfahrtschiffe, der Stadt nun endgültig den Todesstoss versetzen. Die Mega-Cruiser werden generell mehr und mehr zu einem ökologischen Problem für unsere Meere und den Lebewesen die dort ihre Heimat beanspruchen. Aber was solls! Hauptsache die Menschen haben Ihr kurzfristiges Vergnügen.
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  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Der Wellenschlag der Ozeanriesen und jener der unzähligen Motorboote unterhöhlen die Fundamente der Stadt und unterspülen die Ufer. Anscheinend hat das Venedig immer noch nicht begriffen, dass sie sich selber schaden. Schade um die schöne Stadt. Die Gier nach noch mehr Geld ist nicht neu. Die Umwelt, die Menschen und das Meer nimmt dabei grosse Schäden. Venedig wach auf und rette noch was zu retten ist. Keine Ozeanriesen mehr in die Nähe lassen.
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