Vom Messenger zur Plattform: Willkommen in meinem Gärtchen

Mit «Allo» ergänzt Google den bereits bestehenden Messenger-Reigen um eine weitere Kommunikationsmöglichkeit. Doch Allo und andere Messenger sind mehr als nur eine Plaudermöglichkeit – zur Freude der Unternehmen, zum Ärger derjenigen, die sich ein offenes Internet wünschen.

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Bildlegende: Eine Auswahl von Messengern, hübsch voneinander getrennt. Collage SRF Digital

Sie alle haben als Kommunkations-App angefangen, als Alternative zur herkömmlichen SMS: iMessage von Apple, Whatsapp, der Facebook-Messenger und nun Allo von Google. Doch diese Apps sind längst nicht mehr nur für Gruppenchats und «Was willst du heute Abend essen?»-Fragen da. Heutige Messenger entwickeln sich zu ausgereiften Plattformen, über die Nutzerinnen und Nutzer alle ihre sozialen Interaktionen abwickeln.

WeChat: (Fast) das chinesische Internet

Was das genau bedeutet, lässt sich wohl am besten an WeChat (chin. weixin) demonstrieren, der chinesischen Alternative zu Facebook, Whatsapp und Twitter. Denn die App WeChat bietet derart viele Funktionen, dass sie sich kaum auf eine herunterbrechen lässt – sie ist eine riesige Plattform:

  • Sprachnachrichten verschicken, per Text chatten
  • Auf einer Timeline Inhalte ansehen, ähnlich zu Facebook
  • QR-Code-Scanner, um in Geschäften oder bei Strassenhändlern Produkte zu bezahlen
  • Offiziellen Accounts und Produkten folgen, ähnlich zu Twitter
  • Services bestellen und bezahlen (Taxidienste, Lotterielose, Spenden, Lieferdienste etc.)
  • Geldbeträge an Freunde senden
  • Spiele und andere Apps innerhalb der WeChat-App aufrufen

Für viele Chinesinnen und Chinesen ist WeChat deshalb gleichbedeutend mit «dem Internet» geworden, was sich auch an hohen Marktanteilen von WeChat zeigt. Je nach Herkunft der Statistik und Berechnungsweise sind es 84 Prozent oder 65 Prozent. WeChat ist sozusagen das chinesische Internet.

Westliche Messenger ziehen nach

In eine ähnliche Richtung ziehen nun auch andere Messenger. Neustes Beispiel ist Allo von Google. Die App will nicht nur Messenger sein, sondern eine Art personalisierte Google-Suche: Die App integriert einen Assistenten, der auf jede Frage eine Antwort hat und sich auch in andere Diskussionen einklinken kann. Das funktioniert in der Praxis noch nicht so gut, und Allo macht bislang vor allem wegen des Datenschutzes von sich reden.

Aber Google ist mit seiner Strategie nicht allein: Der Facebook-Messenger will es künftig Geschäften erleichtern, direkt mit uns Kundinnen und Kunden in Kontakt zu treten. Whatsapp, das Facebook gehört, plant Ähnliches. In Apples iMessage können Apps von Dritten installiert werden, etwa, um Spiele zu spielen.

Willkommen in meinem Gärtchen

Ein Messenger, der nicht nur zum Plaudern taugt, sondern zum Zentrum jedweder Interaktion wird: Eine solche Entwicklung passt in das mobile Zeitalter, in der wir primär in unsere Smarpthone-Bildschirme statt in die unserer Computer starren.

Die Kommunikation mit Kundinnen und Kunden via Messenger bietet Unternehmen noch weitere Vorteile: Wir nutzen Messenger in einem privaten, persönlichen Umfeld. Bleiben wir in diesem Kontext, um etwa Essen zu bestellen oder einen Flug zu buchen, kann das vertrauenserweckend wirken.

Ein weiterer Vorteil ist die Sicherheit: Whatsapp und iMessage integrieren beispielsweise die so genannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung direkt. Damit ist die Kommunikation zwischen uns und der Zielperson – oder dem Unternehmen – von Anfang an verschlüsselt. Das ist ein grosser Schritt. Um hingegen den Internetverkehr zwischen meinem Computer und einer Internetseite zu verschlüsseln, sind immer noch aufwändige und fehleranfällige Massnahmen nötig.

Apps als Feudalstaaten

Der Messenger als Plattform für alles, als Einstiegspunkt ins Internet: Das hat auch seinen Preis. Der grösste ist wohl, dass der Messenger uns sofort und immer identifizierbar macht. Sei es über die Telefonnummer, die an den Messenger gekoppelt ist, oder die Facebook-Plattform, die dahinter steckt – die Verschleierung unserer Identität ist um einiges geringer, als wenn wir im Browser eine Webseite aufrufen.

Kritische Stimmen sehen mit den Messengern – und, in grösserem Rahmen, mit den mobilen Apps – das offene Internet gefährdet. Das Internet entwickle sich zu einer Ansammlung von Feudalstaaten, schrieb der Sicherheitsexperte Bruce Schneier schon 2012: Wir begäben uns in das «Gärtchen» eines Unternehmens und müssten ihm vorbehaltslos vertrauen.

Messenger sind in dieser Hinsicht ein weiterer Schritt dieser Feudalisierung: Ein Messenger, der für uns und alle unsere Freunde «das Internet» ist, mit dem wir unseren Alltag organisieren. Wer sich nicht auf diese eine App einlässt, bleibt aussen vor.

Browser und Apps: Parallele Existenz

Dass wir einmal unser ganzes Leben nur über Apps abwickeln werden, ist hingegen unwahrscheinlich: Viel mehr ist anzunehmen, dass Browser und Apps weiterhin parallel nebeneinander existieren. Es gibt immer noch Tätigkeiten, die sich besser in einem Browser erledigen lassen, als über einen kleinen Smartphone-Bildschirm – und umgekehrt.