«Warum sollen ausschliesslich Kreuze auf Gipfeln stehen?»

In Südbayern hat ein Unbekannter mit einer Axt mehrere Gipfelkreuze gefällt, auf einem Appenzeller Gipfel hat ein Künstler einen grossen Halbmond installiert. Die Reaktionen sind sehr emotional und heftig – wieso bloss?

Gipfelkreuz und Nebelmeer bei aufgehender Sonne in der Ferne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Diskussion um Gipfelkreuze ist entbrannt. Keystone

In den Alpen steht auf praktisch jedem von Berggängern oder -steigern bezwungenen Berg ein Gipfelkreuz. Bislang sorgten die religiösen Symbole kaum für Diskussionen. Doch das hat sich geändert, seit in Südbayern ein Unbekannter drei Gipfelkreuze mit einer Axt zerstört hat und eines von ihnen in der Folge offenbar von Rechtsextremen ersetzt wurde.

Zusatzinhalt überspringen

Gipfel-Halbmond

Gipfel-Halbmond

Der Appenzeller Gipfel-Halbmond steht auf dem Gipfel der «Freiheit» im Alpstein. Der Schweizer Künstler Christian Meier liess ihn per Helikopter hinauffliegen. Der 38-Jährige Appenzeller lebt meist in Peking und ist bekennender Atheist. Mit seinem Werk protestiert er gegen den Missbrauch religiöser Symbole – und will damit provozieren.

Auch in der Schweiz sorgt ein religiöses Symbol auf einem Appenzeller Alpengipfel für Aufsehen: Ein Schweizer Künstler hat einen fast drei Meter grossen Halbmond auf einem 2140 Meter hohen Gipfel aufstellen lassen. Das überdimensionale islamische Zeichen leuchtet in der Nacht. Wanderer sind entsetzt, die Appenzeller Regierung verlangte umgehend die Entfernung der Installation.

Wieso das Thema die Gemüter derart erregt, weiss Claudia Paganini. Sie ist Theologin und Philosophin am Institut für Christliche Philosophie an der Universität Innsbruck und Autorin eines Buches über Gipfelkreuze.

SRF News: Weshalb hat das Gipfelkreuz eine solch starke Symbolkraft?

Claudia Paganini: Religiöse Symbole haben ganz allgemein eine starke Wirkung. Religiöse Gefühle und Überzeugungen sind etwas sehr Privates, das den Menschen sehr nahe geht. Es sind die Erklärungsversuche, mit denen wir uns in der Welt orientieren und die uns im Leben Sinn und Richtung verleihen. Wenn nun Gipfelkreuze beschädigt oder für politische Zwecke missbraucht werden, reagieren die Menschen sehr emotional – weil sie dadurch ihre persönlichen Überzeugungen und ihren Glauben angegriffen sehen und sich verunsichert fühlen. Es ist eine Infragestellung des eigenen Glaubens, wenn man feststellt, dass andere Menschen diesen so nicht teilen. Hinzu kommt, dass Vandalismus immer ein unschöner Akt ist.

Auch im Fall des Halbmonds auf einem Appenzeller Gipfel gehen die Emotionen hoch. Was denken Sie darüber?

Hier spielen noch viel mehr Probleme mit hinein, wie die Auseinandersetzung mit einer anderen Kultur und anderen religiösen Überzeugungen. Wieso allerdings auf Gipfeln ausschliesslich Kreuze stehen sollten, ist für mich nicht unbedingt nachvollziehbar. Wir Westler müssen eingestehen, dass wir dafür nicht wirklich gute Argumente finden. Das Aufstellen der Gipfelkreuze ist aus einer Tradition entstanden und hat insofern auch seine Berechtigung. Doch heute, da wir in Ländern leben, in denen unterschiedliche Religionen praktiziert werden und Menschen unterschiedlichen Glaubens in die Berge gehen, ist nicht einzusehen, warum ausschliesslich Kreuze auf den Bergen stehen dürfen.

«Gipfelkreuze haben eine grosse Symbolkraft»

4:13 min, aus SRF 4 News aktuell vom 09.09.2016

Sollte man es gar so radikal sehen wie der Bergsteiger Reinhold Messner? Er sagt, eigentlich gehören überhaupt keine religiösen Symbole in die Natur?

Es ist eine Sache, wenn ich im eigenen Garten eine Hauskapelle baue. Etwas anderes aber ist es, wenn ich das auf einem Berggipfel in der freien Natur tue, wo jede und jeder quasi gezwungen ist, dies wahrzunehmen. In seiner Tradition hat das Gipfelkreuz nicht nur eine religiöse Bedeutung. Es ging auch um die Machtergreifung über den Berg durch die Alpinisten und über eine Art, sich bei Gott dafür zu entschuldigen, dass man den «göttlichen» Gipfel eingenommen und Gott dadurch gekränkt hat. Das Gipfelkreuz steht also nicht nur in romantischer Tradition, es gibt auch einige durchaus fragwürdige Facetten.

Das Gespräch führte Remo Vitelli.