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Die drei Toten von Grenchen
Aus Schweiz aktuell vom 16.08.2018.
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100 Jahre Landesstreik Die drei Toten von Grenchen

Im November 1918 streikten 250'000 Arbeiter im ganzen Land. In Grenchen endete der Generalstreik blutig. Drei Arbeiter verloren ihr Leben. Sie wurden vom Militär erschossen.

Sie waren alle drei Uhrmacher, Arbeiter und sie streikten in Grenchen, wie man es in der ganzen Schweiz tat. Sie kämpften für eine sozialere Schweiz, forderten unter anderem eine 48-Stunden Woche, eine AHV, das Frauenstimmrecht und mehr Mitsprache für die Arbeiterschaft in der Politik. Der Generalstreik endete für sie tödlich.

Mann steht an einer Strasse.
Legende: Unglücksort: «Stinkgässli» Grenchen. Hier wurden die drei Uhrmacher erschossen. Zentralbibliothek Solothurn

«Für eine gerechtere Welt starben sie am 14. November 1918 – im Gewehrfeuer der Ordnungstruppen», steht auf der Gedenktafel in Grenchen, einem der wenigen Orte, die an dieses Kapitel Schweizer Geschichte erinnert.

Tragische Wende

Wie konnte es soweit kommen? Historikerin Edith Hiltbrunner hat die Ereignisse in Grenchen erforscht. In der Uhrmacherhochburg Grenchen habe die Arbeiterschaft geschlossen gestreikt. Die kleine Truppe mit Soldaten aus der Region sei nicht eingeschritten. Sie habe sogar für ein Foto mit den Streikenden posiert.

Mehrere Männer stehen an einem Bahnhof
Legende: Bahnhof Grenchen Süd, Barrikaden. Soldaten posieren mit Streikenden. Stadtarchiv Grenchen

Kommunikationsprobleme

Am dritten Streiktag kapitulierte die nationale Streikleitung in Bern. Bedingungslos, aus Angst vor einem Bürgerkrieg. In Grenchen aber, streikte man weiter. Die Kommunikationsmittel waren unterbrochen, die oberste Streikleitung konnte die Grenchner nicht informieren. Als das Gerücht die Runde gemacht habe, der Streik sei abgebrochen, glaubten die Arbeiter dies seien «Fake News», sagt Hiltbrunner.

Die Streikenden in Grenchen wussten nichts von der Kapitulation.
Autor: Edith HiltbrunnerHistorikerin

Die Stimmung sei explosiv gewesen. Und just zu dieser Zeit seien Truppenverstärkungen in Grenchen eingetroffen, welche die Regierung und die Industriellen bestellt hätten: Soldaten aus Bern und dem Waadtland. Diese hätten keine Zeit gehabt, die Lage zu beurteilen. Es sei unklar gewesen, wer das Kommando habe.

Kinder protestieren und gehen auf die Strasse.
Legende: Kinder begleiten den Protestzug durch Grenchen. Stadtarchiv Grenchen

Die Truppen trieben die Streikenden durch die Stadt. Diese wiederum beschimpften die französischsprachigen Soldaten. Da erteilte ein Major seinen Füsilieren den Schiessbefehl – im sogenannten «Stinkgässli».

Sie wurden alle von hinten erschossen. Sie wollten fliehen, doch dass ging nicht. Sie waren gefangen in der Gasse.
Autor: Edith HiltbrunnerHistorikerin

Klassenjustiz

Die Militärjustiz untersuchte die blutigen Ereignisse. Edith Hiltbrunner kennt den Bericht. Objektiv sei dieser nicht. Die Schuld an den Ereignissen sei alleinig den Streikenden zugewiesen worden. Dies mache den Eindruck einer Klassenjustiz, so Hilthbrunner.

Männer mit Maschinengewehren in Grenchen auf einem öffentlichen Platz.
Legende: Maschienengewehre am Postplatz in Grenchen. Stadtarchiv Grenchen

Mehrere Arbeiter wurden verhaftet. Dem Grenchner Streikführer entzog man gar das Bürgerrecht. Die Opferfamilien forderten vom Bundesrat eine Entschädigung. Dieser habe abgelehnt. Sein Argument: Die Opfer seien selbst schuld.

Tabu brechen

Für Grenchen und seine Bewohner sei es schwierig gewesen, mit diesen Ereignissen umzugehen. Die Opfer, ihre Arbeiter, seien zu Tätern gemacht worden. Dies habe dazu geführt, dass man lange nicht darüber sprach. Die drei Toten von Grenchen seien tabuisiert worden. Auch seien die Akten jahrzehntelang unter Verschluss gewesen. Nun aber sei das Thema wissenschaftlich aufgearbeitet. Man spreche wieder darüber. «Wir sind dran, dass Tabu zu brechen», sagt Historikerin Hiltbrunner.

Sendebezug: Schweiz Aktuell, 19:00 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Dupond  (Egalite)
    Waehrend in China umfallende Reissaecke sofort scharf kampagniert werden, wagen sich die Schweizer SystemMassenMedien erst nach vielen Jahrzehnten oder gar einem Jahrhundert an die Skandale im eigenen Hinterhof. Die Misshandlung der Wehrpflichtigen im Neutralitaetsschutzdienst von 1939 bis 1945 durch Politik und Militaerjuxtiz sowie deren Befehlnotstaender wartet jedoch immer noch auf Aktenfreigabe und Aufarbeitung....
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Was sind "Schweizer SystemMassenMedien"?
  • Kommentar von Lucas Kunz  (L'art pour l'art)
    Man erinnere sich an die erste Arenasendung zur Beschaffung des Grippen: Da argumentierte tatsächlich Blocher, man brauche die Flieger gegen mögliche Revolten im Lande ... so wie eben man damals das Sturmgewehr brauchte ...
    1. Antwort von Lucas Kunz  (L'art pour l'art)
      Werte Ablehner, was lehnt Ihr eigentlich ab, dass er das gesagt hat, oder dass Ihr an diese Peinlichkeit CBs erinnert werdet?
    2. Antwort von Lukas Gubser  (Mastplast)
      Desswegen sind die Sturmgewehre in der Schweiz ja im Privatbesitz dass sie eben nicht vom Staat missbraucht werden können. Bei einem Berufsheer sieht es dann eben anders aus.
    3. Antwort von Luzian Wasescha  (Oberländer)
      Da sieht man wieder wie wenig sie von der Materie verstehen. Damals gab es noch keine Sturmgewehre.
  • Kommentar von Simon Weber  (Weberson)
    Ein Stück Schweizergeschichte, dass man so schnell nicht vergessen darf, auch wenn Blocher dazu natürlich auch noch seine Märchen erfinden musste.. Haupschuldiger für den blutigen Ausgang (und nach mancher Auffassung sogar des Provozierens für den Ausbruch) dieses Bürgerkrieges war nach meiner Meinung klar der damalige General Ulrich Wille. Der hätte sich am liebsten auch noch mit Adolf Hitler und den Nazis zusammen getan während dem zweiten Weltkrieg...