Als eine Solothurner Stromleitung europaweit für Furore sorgte

Es war eine Sensation. Vor 130 Jahren ging die Stromleitung Kriegstetten-Solothurn in Betrieb. Die Leitung war acht Kilometer lang. Das war Rekord und der Beweis: Strom kann über längere Distanzen transportiert werden. Dank dieser Meisterleistung in Solothurn kam ein «ächter Schweizer» gross heraus.

Neben dem Kinderheim in Kriegstetten erinnert fast nichts mehr daran, dass hier im Jahre 1886 Geschichte geschrieben wurde. Neben dem kanalisierten Oeschbach weist lediglich eine Informationstafel darauf hin, dass an dieser Stelle vor 130 Jahren ein technisches Wunderwerk seinen Anfang nahm.

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Technisches

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Symbolbild: Keystone

In Kriegstetten wurde Gleichstrom produziert. Die Übertragung erfolgte mit 2000 Volt über 2 Kupferdrähte von 6 Millimeter Durchmesser. Ein 3. Draht diente als Reserve. Die Drähte wurden über Ölisolatoren geführt, die an Holzmasten aufgehängt waren. Der Abstand der Masten betrug ca. 40 Meter. Der Wirkungsgrad betrug damals sensationelle 75 Prozent.

Von einem kleinen Wasserkraftwerk an der Oesch führte eine Stromleitung über eine Distanz von acht Kilometer in die Stadt Solothurn und lieferte Elektrizität für eine Schraubenfabrik. Die Fabrik gehörte dem Gewerbler Josef Müller. Eigentlich war er Müller, wie der Name sagt, und mahlte in der Solothurner Schanzmühle Getreide. Doch darin sah er keine Zukunft mehr.

Strom für präzise Uhrenteile

Müller setzte lieber auf die anziehende Uhrenindustrie und wollte diese mit Schrauben beliefern. Um die dafür nötigen Maschinen anzutreiben, reichte das Wasserrad im kleinen Stadtbach neben der Schanzmühle aber nicht aus. Die Energie floss zu wenig zuverlässig für die Herstellung von präzisen Uhrenbestandteilen. Auch die Dampfmaschine genügte den Anforderungen nicht. Die steten Kolbenstösse eigneten sich zum Antrieb der kleinen Automaten schlecht. Zudem wurde die Kohle immer teurer.

Eine neue Lösung musste her: Elekrizität aus Kriegstetten! Josef Müller kaufte das bereits bestehende Kraftwerk an der Oesch mit ca. 30 bis 40 PS und liess eine lange Stromleitung bauen. So etwas wurde vorher noch nicht versucht. Bislang mussten Fabriken immer in der Nähe von Bächen oder Flüssen gebaut werden, wollten sie die Wasserkraft nutzen.

Und sowieso war Elekrizität 1886 nach wie vor etwas Neues. Als Müller seine Stromleitung baute, war es noch dunkel auf der Welt. Erst 1880 war die Glühbirne auf den Markt gekommen. Und erst 1896 brannte in Solothurn die erste elektrische Bogenlampe, noch bevor Basel eine solche hatte.

Kupferdraht an 180 Telegraphenstangen

Die Technik der Stromübertragung über lange Distanzen war neu und unbekannt. Trotzdem erhielt Müller von der Solothurner Regierung die Erlaubnis «für die elektrische Uebertragung seiner Wasserkraft in Kriegstetten». Die Regierung knüpfte ihre Zustimmung allerdings an Bedingungen, wie in der Baubewilligung nachzulesen ist:

  • Die Leitungsstangen sind neben der Strasse derart aufzustellen, dass der Verkehr in keiner Weise gehemmt wird.
  • Da wo die Leitung die Kantonsstrasse kreuzt, darf dies nur in einer Höhe von wenigstens 6 Meter über die Fahrbahn stattfinden.
  • Der Konzessionär ist für allfällig aus seiner Anlage entstehenden Schaden irgendwelcher Art haftbar.

Den Auftrag zum Bau der Leitung erhielten die Maschinenfabrik Oerlikon und ihr damals erst 23-jährige Ingenieur Charles Brown. Noch kannte man ihn nicht, noch hatte er sein Können nicht unter Beweis stellen können. Was konnte man also 1886 über Charles Brown sagen? Das Solothurner Tagblatt stellte ihn wie folgt vor:

«  Trotz des englisch klingenden Namens ein ächter Schweizer.  »

über Charles Brown
Solothurner Tagblatt (1886)

Dank der erfolgreichen Umsetzung der Stromleitung Kriegstetten-Solothurn wurde Brown bekannter. Seine technische Meisterleistung sprach sich herum.

Experten reisten nach Solothurn

«Das war eine absolute Sensation», sagt Erich Weber, Leiter des Museums Blumenstein, des historischen Museums der Stadt Solothurn. «Es kamen Leute aus der halben Welt nach Solothurn und schauten sich diese Stromleitung an. Amerikanische, deutsche, französische Delegationen kamen und staunten, dass das möglich ist».

Mann mit Brille und kariertem Hemd vor einem Gestell mit ganz vielen Büchern Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: ABB-Historiker Tobias Wildi vergleicht die Stromleitung Kriegstetten-Solothurn mit dem neuen Gotthardtunnel. SRF / Marco Jaggi

Brown konnte nach seinem Erfolg in Solothurn weitere, immer längere Stromleitungen bauen. Vor allem in Deutschland wurde man auf ihn aufmerksam. 1891 stieg Brown aus der Maschinenfabrik Oerlikon aus und gründete zusammen mit Walter Boveri die Firma BBC Brown Boveri in Baden, der heutigen ABB.

Die Anfänge der ABB

Wurde mit der Stromleitung Kriegstetten-Solothurn also der Grundstein gelegt für den späteren Erfolg des Weltkonzerns ABB? «Das kann man ganz sicher so sagen», meint Historiker Tobias Wildi, der das historische Archiv der ABB betreut.

Was Charles Brown 1886 in Solothurn verwirklichte, ziehe sich durch die ganze 125-jährige Geschichte der ABB hindurch: Immer wieder habe man mit Referenzanlagen bewiesen, dass das technisch Machbare hinausgeschoben werden könne, sagt Wildi. Die Stromleitung Kriegstetten-Solothurn sei die erste solche Anlage gewesen, die neuste sei der Gotthard-Basistunnel.

«  ABB hat im Gotthard-Basistunnel wieder sehr viel Technologie verbaut, die zuvor noch niemand verbaut hat. Genau gleich wie vor 130 Jahren in Kriegstetten und Solothurn.  »

Tobias Wildi
ABB-Historiker

Maschine Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine der Dynamo-Maschinen aus Kriegstetten kann im Deutschen Museum in München bewundert werden. zvg / Deutsches Museum München

Mit der Stromleitung Kriegstetten-Solothurn bewies Charles Brown, dass sich Elektrizität über eine längere Distanz transportieren lässt. Fabriken mussten also nicht mehr zwingend neben einem Bach oder Fluss gebaut werden – das war die eigentliche Sensation, welche die Schweiz nach 1886 veränderte, wie sie der Gotthard-Basistunnel vielleicht bald verändern wird.

Strom fürs Vaterland

«Unser Vaterland ist arm an Steinkohlen, reich dagegen an Wassergefällen», erklärte das Solothurner Tagblatt seinen Lesern das «Epochemachende» der neuen Erfindung. Wenn es nun gelinge, die im Wasser gespeicherte enorme Kraft über längere Distanzen nutzbar zu machen, «so kann die Schweiz, welche jährlich viele Millionen Zentner Steinkohlen einführen muss, nicht nur gewaltige Summen ersparen, sondern ist dem Auslande gegenüber viel weniger abhängig.»

Dass die Stromleitung Kriegstetten-Solothurn am Anfang stand von tiefgreifenden Veränderungen in der europäischen Wirtschaft, ging in der Region grösstenteils vergessen. Gewürdigt wird die Erfindung hingegen in München. Im Deutschen Museum ist eine der beiden Dynamo-Maschinen ausgestellt, die 1886 in Kriegstetten installiert wurden. Daneben erinnert eine Büste an den Erfinder Charles Brown.

(Regionaljournal Aargau Solothurn, 12.03 Uhr)