Elisabeth Marrer: «Wer herablassend war, den mied ich»

1973 geschah Historisches im Kanton Soloturn. Sechs Frauen wurden in den Kantonsrat gewählt, der zuvor nur männliche Mitglieder kannte. Elisabeth Marrer war eine dieser Pionierinnen. Sie erhielt positive Reaktionen. Viele Kantonsräte mussten sich aber zuerst an die Frauen gewöhnen.

1973 ist das Jahr der ersten Ölkrise, das Jahr des Militärputsches in Chile, und das Jahr in dem die britische Rockband Pink Floyd das legendäre Album «The Dark Side of the Moon» veröffentlichte. Und 1973 ist auch das Jahr, in dem die ersten sechs Frauen in den Solothurner Kantonsrat einziehen. Zwei Jahre nachdem die Schweiz das Frauenstimmrecht einführt hat.

Eine dieser mutigen Frauen war Elisabeth Marrer. Für den Landesring der Unabhängigen (LdU) liess sie sich aufstellen, und wurde zu ihrer eigenen Überraschung gewählt. «Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Mir wurde dann aber auch schnell bewusst, was für eine verantwortungsvolle Aufgabe nun auf mich zukommt.»

«  Ich war die letzte Mohikanerin. Ein bisschen alleine fühlte ich mich manchmal schon. »

Denn Marrer war eine Quereinsteigerin, hatte keine Erfahrungen mit dem politischen Betrieb, und ausserdem war sie die Einzige ihrer Partei, die die Wahl schaffte. Deshalb konnte sie auch nicht auf viel Unterstützung zählen. «Es war manchmal schon etwas schwierig. Ich war etwas einsam. Die letzte Mohikanerin. Ein Greenhorn. Eine Einzelmaske.»

Elisabeth Marrer ist in einer politischen Familie aufgewachsen, engagierte sich im Konsumentinnenforum Olte, und sprach sich gegen den Bau des AKW Gösgen aus. «Nicht, weil ich der Technik nicht vertraute, sondern weil ich mich schon damals fragte, was später mit den radioaktiven Abfällen geschehen soll. Eine Frage, die ja immer noch nicht geklärt ist.»

«  Wir Frauen waren bei Weitem nicht nur stille Zuschauerinnen. »
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Zur Person

Elisabeth Marrer wohnt mit ihrem Mann und ihrer Katze in Däniken. Sie ist heute 72 Jahre alt. Nach ihrer politischen Karriere gründeten ihr Mann und sie ein Unternehmen, ausserdem arbeitete sie als Gymnastiklehrerin. Auch heute hat sie allerhand zu tun. Sie hütet ihre Enkelkinder, singt in einem Chor und pflegt ihren Garten.

Die heute 72-jährige mag sich noch gut daran erinnern, wie die männlichen Kollegen im Kantonsrat sie und die anderen Frauen aufnahmen. Viele seien ihnen gegenüber positiv gestimmt gewesen, viele, aber eben nicht alle. «Wir erlebten Arroganz und Herablassung.» Wer sie nicht anständig behandelte, den habe sie links liegen gelassen. Auf Konfrontation sei sie nicht aus gewesen.

Elisabeth Marrer hat auch einige Anekdoten aus dieser Zeit auf Lager. Lachend erzählt sie von einer Kantonsratskollegin, die dem damaligen Ratspräsidenten während der Pause einen Knopf annähen musste. Marrer und ihre Kolleginnen amüsierten sich damals darüber, und sie tut es noch heute. «Man muss solche Dinge mit Humor nehmen.»

Ausserdem sei es bei Weitem nicht so gewesen, dass die Frauen im Kantonsrat nur als stille Zuschauerinnen geduldet gewesen seien. Sie habe aktiv mitpolitisiert, und Vorstösse eingereicht zusammen mit anderen Ratsmitgliedern. Trotz vieler guten Erinnerungen war nach nur vier Jahren aber Schluss mit dem Kantonsrat.

«  Es braucht mehr Frauen in der Wirtschaft. Aber wer will schon eine Quotenfrau sein? »

Elisabeth Marrer bekam Familienzuwachs, und als LdU-Einzelmaske hatte sie es – wie gesagt – nicht leicht. Deshalb verzichtete sie darauf, nochmals zu kandidieren. Fortan spielt sie keine aktive Rolle mehr in der Politik, verfolgt das Weltgeschehen und die Entwicklung der Frau in der Gesellschaft aber weiter mit grossem Interesse mit.

Sie erlebte, wie Elisabeth Kopp als erste Frau in den Bundesrat gewählt wird. «Grossartig!» Sie erlebte, wie Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde. Und wie Hillary Clinton zum ersten und nun auch zum zweiten Mal US-Präsidentin werden möchte. Ereignisse, die sie stolz machen.

Die Gleichstellung von Mann und Frau sei aber immer noch verbesserungswürdig, so die 72-jährige. Sie kritisiert, dass in der Wirtschaft immer noch zu wenig Frauen in Kaderpositionen vertreten seien. Dennoch spricht sie sich gegen eine Frauenquote aus. «Wer will schon eine Quotenfrau sein? Leistungen und Qualifikationen müssen zählen, nicht das Geschlecht.»