Fledermäuse und Senioren unter einen Dachstock bringen

In Wegenstetten im Fricktal entsteht ein ganz spezielles Architekturprojekt. Die Christkatholische Kirchgemeinde Wegenstetten, Hellikon, Zuzgen und Zeinigen will ein geerbtes Haus in Alterswohnungen umbauen, muss dabei aber Rücksicht nehmen auf Fledermäuse.

Haus Dorfstr. 72 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wegenstetten, Dorfstrasse 72: Der ganze Dachstock des 200 Jahre alten Hauses soll für Fledermäuse reserviert bleiben. Kanton Aargau/Andres Beck

Das Haus an der Dorfstrasse 72 ging vor einigen Jahren in den Besitz der Christkatholischen Kirchgemeinde über. Das Gebäude ist 200 Jahre alt, zum Teil ist es noch im Originalzustand erhalten, so hat es zum Beispiel eine Küche, die man gleich ins Museum stellen könnte.

Fledermäuse im Dachstock. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dachstock des Hauses: Die Grossen Hufeisennasen hängen an der Heizung. Kanton Aargau/Andres Beck

Im Ist-Zustand kann man das Haus weder bewohnen noch sonstwie nutzen. Für die Christkatholiken ist klar: Sie wollen das Haus umbauen. «Etwas Soziales soll es sein», sagt Urs Schlienger, Präsident der Christkatholischen Kirchgemeinde gegenüber dem Regionaljournal Aargau Solothurn von Radio SRF. «Wir stellen uns Seniorenwohnungen vor oder so etwas ähnliches.»

Das Problem: Im Dachstock des Hauses leben seit vielen Jahren Fledermäuse, genauer gesagt Grosse Hufeisennasen. Diese sind extrem selten, in der Schweiz gibt es sie nur gerade noch an drei Standorten, darunter eben Wegenstetten.

Die Tiere sind vom Aussterben bedroht und durch das eidgenössische Natur- und Heimatschutzgesetz geschützt. Dieses schreibt vor, dass Lebensräume geschützer Tiere nicht zerstört werden dürfen. Es sagt aber auch, dass es für Liegenschaftsbesitzer Entschädigungen gibt, sollten sie ihre Immobilien oder Grundstücke nicht «normal» nutzen können.

Alle Interessen unter einen Hut bringen

An diesen Paragrafen klammert sich Urs Schlienger. Er hat Freude an den Fledermäusen, will ihren Lebensraum erhalten. Aber gleichzeitig muss er auch dafür sorgen, dass die Finanzen des Kirchgemeinde im Lot bleiben.

Die grosse Hufeisennase ist in der Schweiz eine stark bedrohte Art, da ihr natürlicher Lebensraum schwindet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Grosse Hufeisennase ist in der Schweiz eine stark bedrohte Art, da ihr natürlicher Lebensraum schwindet. Wikicommons: Prof. emeritus Hans Schneider

Deshalb bietet er nur Hand für den Schutz der Tiere, wenn es dafür Geld gibt. Involviert in die Diskussionen sind Bund, Kanton, Pro Natura, Jurapark Aargau und der Heimatschutz.

Ziemlich viele Akteure mit unterschiedlichen Vorstellungen sprechen also mit bei der Lösung. Deshalb wird es noch viele Diskussionen brauchen, bis man zu einer gemeinsamen Lösung kommt. Architekt Ruedi Dietiker hat eine knifflige Aufgabe vor sich. Er arbeitet ein Vorschlag aus, der Fledermäuse, Senioren und Finanzen unter einen Hut bringen soll.

In Wegenstetten geht es den Fledermäusen gut

Vorläufig sind die Fledermäuse nicht gefährdet. In Wegenstetten haben die Grossen Hufeisennasen ihre Wochenstube. Immer im April ziehen sieben bis zehn Weibchen ein und ziehen dann insgesamt maximal fünf Junge auf. Im September verlassen alle Tiere den Dachstock und überwintern in Höhlen der Umgebung.

Betreut werden die Tiere von Andres Beck, dem Fledermaus- und Biber-Spezialisten des Kantons Aargau. Er hat eine Kamera im Dachstock installiert und kann so kontrollieren, wie es den Tieren geht. Im Dachstock hängt auch eine Heizung. Die Tiere lieben die Wärme und vermehren sich mit der zusätzlichen Heizung besser.