Franzoseneinfall 1798 Gab es das Grenchner Wiiberheer tatsächlich?

«Weiber! Wir ziehen zusammen zur Grube hinauf und versperren dort den Franzosen den Weg. Wir werden Grenchen retten!», ruft der Seuzejoggeli einem Haufen verängstigter Frauen zu. Dann verteilt er Sand. Den sollen die Weiber den Franzosen in die Augen streuen.

Die Freilichtspiele Grenchen widmen ihr neustes Stück einer Episode der Stadtgeschichte, die sich am 2. März 1798 abgespielt haben soll. Als die Franzosen von Biel nach Solothurn marschierten, sollen sich im damaligen Bauerndorf Grenchen die Frauen gewehrt haben, erzählt man sich. Allen voran Maria Schürer und Elisabeth Frei werden in alten Geschichtsbüchern und auf Zeichnungen als Heldinnen verehrt.

Zeichnung: Frau mit Heugabel kämpft gegen Reiter Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Zeichnung von 1857 zeigt Anna Maria Schürer im Kampf mit zwei französischen Dragonern am 2. März 1798. Wikimedia Commons/Chriusha

Zum Lachen und Nachdenken

«Wiiberheer» ist das achte Freilichtspiel, das in Grenchen seit 2003 aufgeführt wird. Es steht wie seither immer unter der Federführung von Iris Minder, welche das Stück geschrieben hat und Regie führt. Fast 40 Schauspieler, Musiker und Techniker bringen das «Wiiberheer» auf die Bühne, die meisten von ihnen sind Amateure. Zum einen bietet es amüsantes Volkstheater...

...zum anderen soll das Stück den Zuschauer zum Nachdenken bringen. Bühne und Kostüme sind deshalb bei den Grenchner Freilichtspielen bewusst schlicht gehalten. Das Publikum soll sich auf den Inhalt konzentrieren: Auf die Schicksale der Menschen und die schwierigen Fragen rund um Revolution, Unterdrückung, Krieg und Flucht.

Theaterszene Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Theaterstück kommen auch die Solothurner vor. Die Stadt Solothurn hat 1798 das Bauerndorf Grenchen unterdrückt. SRF

Historiker entzaubert die Heldinnen

Gab es das «Wiiberheer» tatsächlich? Haben sich die Grenchner Frauen gegen die Franzosen gewehrt? Dieser Frage geht parallel zum Theater eine kleine Ausstellung im Kultur-Historischen-Museum von Grenchen nach. Zur Eröffnung sprach Historiker Martin Illi. In seinem Vortrag hat er die Heldinnen von Grenchen arg entzaubert.

Maria Schürer und Elisabeth Frei habe es zwar tatsächlich gegeben, sagt Historiker Martin Illi. Und sie seien am 2. März 1798 tatsächlich umgekommen, als die Franzosen in Grenchen einmarschierten. Insgesamt 48 Zivilisten fielen dem Franzoseneinfall in Grenchen zum Opfer.

Zeichnung: Frauen und Greise mit Waffen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ursprünglich kritisierte die Karikatur von 1825 vom «Landsturm bei Solothurn» die fehlende Kampfmoral der Soldaten. Wikimedia Commons/Zentralbibliothek Solothurn

«Wiiberheer» war keine Kampftruppe

Ausser ihrem Alter wisse man aber rein gar nichts über Maria Schürer und Elisabeth Frei, stellt Illi klar. Und auch das «Wiiberheer» sei nicht das gewesen, als das es in alten Geschichtsbüchern gerne dargestellt wird.

In Wirklichkeit war das «Wiiberheer» ein Demonstrationszug. Einige Tage vor dem Franzoseneinfall haben Frauen mit Heugabeln und Sensen gegen die Franzosen demonstriert, berichtet Illi.

Ende Jahr soll eine neue Grenchner Stadtgeschichte erscheinen. Historiker Martin Illi ist Mitautor des Werks. Es wird einige Vorstellungen über die Grenchner Geschichte von 1792 in eine anderes Licht rücken. Ob sich die Grenchner damals wirklich gegen die Franzosen gewehrt haben, wie sie gerne erzählen? Bewiesen ist dies nicht.