«In Heinrich Zschokke zeigt sich die ganze Zeit»

Historiker Werner Ort beschäftigt sich seit über 20 Jahren nur mit einer Person: Mit dem Volksaufklärer Heinrich Zschokke. Nun erscheint seine grosse Biografie des Volksaufklärers aus dem Aargau. Das Buch zeigt: Heinrich Zschokkes Leben wirkt bis heute nach.

Portrait von Werner Ort, der vor der Statue von Heinrich Zschokke posiert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Historiker Werner Ort vor der Zschokke-Statue im Aarauer Stadtpark: Ein Leben für den Volksaufklärer. SRF

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«Volksaufklärer» Zschokke

Portrait von Heinrich Zschokke (Statue im Stadtpark)

Heinrich Zschokke im Aarauer Stadtpark. SRF

Heinrich Zschokke wird 1771 in Magdeburg (D) geboren. Er ist zuerst Schriftsteller und studiert Philosophie und Theologie. 1796 zieht er ins Bündnerland und wird pädagogisch tätig. 1798 kommt er in den Aargau, hier wird er Beamter der neuen Helvetischen Regierung, Politiker und Verleger. 1805 heiratet er Nanny Nüsperli. Er stirbt 1848 in Aarau.

Zwei Jahrzehnte seiner Historiker-Tätigkeit hat Werner Ort in Heinrich Zschokke investiert. Zehn Jahre davon schrieb er an einer umfassenden Biografie über den Aargauer Staatsmann und Verleger. Langeweile kommt bei Werner Ort trotzdem nicht auf: Heinrich Zschokkes Leben und Wirken war ausserordentlich vielfältig. Und es spiegelt eine bewegte Zeit der Schweizer Geschichte. Werner Ort sagt: «In Heinrich Zschokke zeigt sich die ganze Zeit.»

Zschokke stammt eigentlich aus Deutschland, wird 1771 in Magdeburg geboren und wächst dort auf. Er will zuerst Künstler sein, schreibt Theaterstücke und Bücher. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts landet Zschokke in der Schweiz. Hier bleibt er den Rest seines Lebens und prägt als Einwanderer die politische Entwicklung der Helvetischen Republik wie kaum ein anderer.

Aargauer Wälder zeugen vom Werk Zschokkes

1798 kommt Heinrich Zschokke aus dem Bündnerland nach Aarau. Hier tritt er in den Dienst der Behörden. 1804 zum Beispiel ernennt ihn die Aargauer Regierung zum Oberforst- und Bergrat. Noch heute sei in den Aargauer Wäldern das Wirken von Zschokke zu sehen, erklärt Biograf Werner Ort. «Wenn Sie heute reine Tannenbaum-Wälder sehen, dann wissen Sie, dass Heinrich Zschokke nachwirkt. Er hatte zur besseren Bewirtschaftung der Wälder solche Monokulturen anlegen lassen.»

Zschokke prägt aber vor allem die politische Entwicklung der jungen Schweiz. Ebenfalls 1804 wird er Verleger und gründet er die erste regelmässig im ganzen Land erscheinende Wochenzeitung «Der Schweizerbote». In diesen Zeiten soll auch der Ausdruck «Hans Dampf in allen Gassen» erfunden worden sein, erklärt Historiker Ort.

Der «Hans Dampf in allen Gassen» war ein Aargauer

«Heinrich Zschokke unterlag mit seiner Zeitung und seinen Texten der Zensur. Also musste er seine Kritik in Geschichten verpacken. Als Vorlage für den 'Hans Dampf in allen Gassen' diente offenbar ein Aargauer Politiker, der wahnsinnig betriebsam gewesen war und trotzdem nichts zustande brachte.»

Heinrich Zschokke war Schriftsteller, Journalist, Verleger und gleichzeitig auch Politiker. Als Liberaler forderte er früh eine echte Demokratie und die politische Bildung des Volkes. Damit wurde er zu einer wichtigen Figur in der frühen Entwicklung der Schweiz.

430 Bundesordner auf 700 Seiten

Die Biografie «Heinrich Zschokke» von Werner Ort umfasst über 700 Seiten. Und doch hätte Ort noch mehr schreiben können. «Zschokke war unglaublich vielfältig und gibt unglaublich viel Material über Zschokke, so dass ich unmöglich alles im Buch unterbringen konnte.»

Mit Hilfe der im Jahr 2000 gegründeten Heinrich-Zschokke-Gesellschaft und eines Nationalfonds-Projektes sammelte der Historiker intensiv Originaldokumente und wertete diese aus. Unter anderem reisten die Forscher durch die ganze Welt, um Briefe von Heinrich Zschokke an seine Bekannten in den Archiven verschiedener Städte zu finden. «Wir haben 430 Bundesordner gefüllt. Meine Aufgabe war es, diese Dokumente zum Leben zu erwecken.»

Werner Ort hält aber auch seine nun vorliegende Biografie noch nicht für abgeschlossen. Er wird weiter am Leben von Heinrich Zschokke forschen, in den nächsten beiden Jahren will er mehr über sein Wirken im Bündnerland erfahren. Zschokke fasziniert den Historiker also auch nach über 20 Jahren noch. Als Person allerdings hätte er ihn wohl kaum gemocht, gibt Werner Ort zu.

«Zschokke würde als Person nicht in die heutige Zeit passen. Er war ein Patriarch, der den anderen Menschen auch gerne sagte, wie es läuft.»

Eine Lesung aus der neuen Zschokke-Biografie findet am Samstag, 20. April um 16 Uhr im Forum Schlossplatz in Aarau statt.