«Jedem Patienten das Gefühl geben, dass man sich Zeit nimmt»

1975 eröffnete Hausarzt Walter Hess in Baden seine Praxis. Jetzt, als 76-Jähriger, hört er auf. Oder fast. Ein Rückblick auf 41 Jahre in einem Job, den heute kaum mehr jemand machen will.

«Akten abholen ist noch möglich bis am 18. Mai» steht an der Türe von Walter Hess' Arztpraxis in Baden. Der Hausarzt hört auf, nach 41 Jahren. Eigentlich hat er bereits aufgehört. Die Praxis ist seit Ende April zu. «Aber Aufhören ist wie Anfangen, also mit viel Aufwand verbunden.» Und auch mit Trauer.

Gerne hätte Walter Hess seine Praxis einem jungen Hausarzt übergeben. Doch daraus wurde nichts. Interessenten gab es sehr wohl, doch keiner sei bereit gewesen, die Praxis im Sinne des 76-Jährigen weiterzuführen. «Wer das hier übernimmt, soll den Patienten nahe sein – und nicht in erster Linie Geld verdienen wollen», sagt Hess und versucht, seine Enttäuschung etwas zu verbergen.

Abschied tut weh

Und so wird ein Gerät nach dem anderen weggeworfen oder verkauft. Ein Röntgenapparat, der 2009 noch 80'000 Franken kostete, kann jetzt noch für 1000 Franken verkauft werden. Ja, das tut schon weh, sagt Otilie Hess. Sie war stets an seiner Seite – als Frau und als Praxisangestellte.

Dank ihr sei ihm das Abschalten nach einem strengen Arbeitstag jeweils einfacher gefallen, erklärt Walter Hess im Interview mit dem Regionaljournal. Die beiden hatten dazu ein Ritual: «Nach Arbeitsschluss setzten wir uns manchmal an den grossen Tisch in der Praxis und tranken je ein Glas Wein.»

Berufswunsch: Kabarettist

Was hat sich in 41 Jahren für einen Hausarzt alles verändert? Nicht so viel, wie man meinen könnte, wenn man Humor hat und seinen Job liebt. So lautet die Antwort des 76-Jährigen, der eigentlich gerne Kabarettist geworden wäre. Aber der Vater wollte eine «richtige» Arbeit für seinen Sohn.

Sicher, die Patienten haben sich verändert. «Sie sind anspruchsvoller geworden – und besser informiert dank dem Internet», sagt der Hausarzt. Immer wieder mal sei ein Patient oder eine Patientin mit einem Bild oder einem Text aus dem Internet in der Sprechstunde aufgetaucht, und erklärte gar, er habe mit der Behandlung schon begonnen.

Falsche Diagnosen aus dem Internet

«Nach einer Gesundheitssendung im Fernsehen zu einem bestimmten Thema hatte ich am Folgetag nicht selten jemanden mit genau dem Problem bei mir.» Zumindest glaubte die Person, dass sie genau dieses Gebrechen hatte. «Meistens stimmte die Diagnose nicht», fügt Hess hinzu.

Ob die Patienten heute auch zufriedener sind, dank den neuen Möglichkeiten in der Medizin? Das könne er so nicht beantworten, meint Hess. Schliesslich sei es ja seine Aufgabe als Hausarzt, die Patienten gesund und eben auch zufrieden zu machen.

Ja, er habe sich viel Zeit genommen für seine Patienten. Das Ziel sei es gewesen, dass «jeder Patient das Gefühl hat, dass man sich Zeit genommen hat», sagt der bald Pensionierte. Auch wenn er diese Zeit nicht immer hatte. Dafür will er auch jetzt noch Zeit haben, auch nach der Praxisaufgabe. Zeit, wenn jemand aus seinem Umfeld ihn brauche. «Dort werde ich weiterhin ein bisschen ‹dökterlen›.»

Regionaljournal Aargau Solothurn, 17:30 Uhr