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Minderjährige Asylsuchende Kanton Aargau verfügt Platzierungsstopp in Pflegefamilien

Franziska Roth, die neue Regierungsrätin der SVP, ist unter Druck. Sie muss Erfolge vorweisen. Darum steht sie nun im Gesundheits- und Sozialdepartement auf die Sparbremse. Eine neue Massnahme dafür: Alleinreisende Flüchtlingskinder werden nicht mehr bei Pflegefamilien untergebracht.

Legende: Video Platzierungsstopp in Pflegefamilien abspielen. Laufzeit 4:03 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 18.04.2017.

Ihr Projekt war schon weit gediehen: Eine Aargauer Familie wollte unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) bei sich aufnehmen. Mutter wie auch Vater arbeiten beruflich im Sozialbereich. Von den eigenen fünf Kindern wohnen nicht mehr alle zu Hause.

Junge Flüchtlinge in einem Schulzimmer vor einer Wandtafel.
Legende: Kinderflüchtlinge ohne Familie werden im Aargau nicht mehr in Pflegefamilien platziert. Keystone

Im grossen Haus sind nun drei Zimmer frei. Die Familie freute sich darauf, bald Zuzug zu erhalten von drei sehr jungen Eritreern, die ohne Angehörige in die Schweiz gekommen sind.

Die Familie hatte beim Kanton ein Konzept für die Betreuung der UMA eingegeben und mit dem zuständigen Departement schon einige Gespräche geführt. Auch mit der Schule im Dorf war die Platzierung der drei Flüchtlingskinder besprochen worden. Und das Haus ist so umgebaut worden, dass es genug Platz hat für die jungen Flüchtlinge. Diese kennt die Familie bereits: Ihr wurden drei junge Eritreer vorgestellt, die voraussichtlich bei ihr platziert würden.

Integration dank Familienanschluss

Die Familie will UMA aufnehmen, weil dies ihrer Meinung nach die beste Möglichkeit zur Integration ist. Junge Flüchtlinge im Aargau müssen, wie alle anderen Kinder im gleichen Alter, zur Schule gehen. Das ist gesetzlich vorgeschrieben.

Doch wenn UMA in kantonalen Unterkünften bleiben, ist es für sie praktisch unmöglich, Deutsch zu lernen. In einer Pflegefamilie funktioniert der Spracherwerb besser. Und so steigen die Chancen, dass die Kinderflüchtlinge die reguläre Schule besuchen und sich integrieren können. Schaffen sie das nicht, werden sie schon früh von der Sozialhilfe abhängig und können sich später kaum mehr aus dieser Abhängigkeit befreien.

Kurz vor Ostern erhielt die angehende Pflegefamilie aber einen überraschenden Bescheid. Der Kanton habe einen Platzierungsstopp verfügt. Es würden keine UMA mehr in Pflegefamilien untergebracht. Der Grund: Pflegefamilien seien teuer.

Die Unterbringung und Betreuung von UMA in Pflegefamilien ist kostspielig.
Autor: Kanton AargauDepartement Gesundheit und Soziales

Die Aargauer (Pflege)Familie weiss nun nicht, wie es weitergeht. Sie befürchtet, dass ihr Aufwand vergebens war. Sie kennt auch andere Familien, die in der gleichen Situation sind.

Das kantonale Defizit drückt

Auf Anfrage bestätigt das Departement Gesundheit und Soziales (DGS) die Darstellung der Familie. Sprecherin Anja Kopetz schreibt: «Die Unterbringung und Betreuung von UMA in Pflegefamilien ist kostspielig. Das Defizit von über 100 Millionen Franken stellt die kantonale Verwaltung in den kommenden Jahren vor grosse Herausforderungen. Die Departemente und ihre Abteilungen wurden angehalten, die finanziellen Aufwendungen zu überprüfen und mögliche Sparmöglichkeiten aufzuzeigen. Dies betrifft auch das Asylwesen und dabei ebenfalls die Unterbringung und Betreuung der UMA.»

Das DGS erklärt weiter, dass momentan die Zahl der UMA nicht mehr so hoch sei wie auch schon. Der Kantonale Sozialdienst erachte es «als verhältnismässig, die Platzierung von UMA in Pflegefamilien zurückhaltend vorzunehmen». Ausnahmen von diesem Platzierungsstopp würden aber gemacht bei jungen Flüchtlingen mit «besonderen Indikationen». Diese würden «adäquat» betreut, z. B. in Institutionen, Pflegefamilien, Time Outs.

Regierungsrätin Franziska Roth betont im Gespräch mit Radio SRF, dass sie im Budget für das Jahr 2018 rund 12 Millionen Franken sparen müsse. Es gehe beim Platzierungsstopp aber nicht allein darum, Geld zu sparen, sondern auch um das grundsätzliche Problem der Integration.

Flüchtlinge, egal ob minderjährig oder erwachsen, hätten Anrecht auf Schutz in der Schweiz. Aber sie hätten kein Anrecht darauf, definitiv aufgenommen zu werden. Zu viel Integration würde es erschweren, die Flüchtlinge in ihre Länder zurückzuschicken, wenn sich die Situation dort verbessern würde.

Regierungsrätin Franziska Roth

Franziska Roth, SVP, leitet das Gesundheits- und Sozialdepartement und somit auch den Asylbereich seit Anfang 2017. In ihrem Departement steigen die Kosten viel schneller als in anderen Departementen. Der Druck auf Roth, diese Entwicklung zu bremsen, ist gross, vor allem auch aus ihrer eigenen Partei.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
    Man macht hier wieder denselben Denkfehler wie beim EWR-Nein. Anstatt über beispielhaftes Verhalten undadäquate Ausbildung der nächsten Generation ein Land mit vielen Migranten aktiv mitzugestalten, sagt man aufgrund einer zweifelhaften und unvollständigen Rechnung Nein zu einer aussichtsreichen Möglichkeit. Damit bleibt garantiert, dass man sich die nächsten Jahre wieder schön beklagen kann. - Wann endlich greift der Gedanke, dass langfristige Lösungen Vorlaufzeit und - Aktivität erfordern?
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  • Kommentar von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
    Diesem Entscheid fehlt der langfristige Blick. Und Rechnen scheint auch Glücksache zu sein. Auch wenn diese Leute zurückgeführt werden, haben sie hier in einer entscheidenden Phase des Lebens so viel punkto Alternativen im Zusammenleben und allenfalls Ausbildung gelernt, was sie im Herkunftsland gewinnbringend für dieses und kostensparend für Europa und damit auch die CH einbringen können. Eine Investition in die nachwachsende Generation würde sich deshalb langfristig erst recht lohnen.
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  • Kommentar von Josephk Ernstk (Joseph ernst)
    Lobenswert wenn man minderj. Asylsuch. betreuen will. Nur die Frage nach einer Kostentransparenz ist richtig. Eritreer sind bei weitem die wichtigsten Sozialbezüger. Viele dieser Leute können unbeh. zwecks Ferien und Familienanl. in ihr Land, das sie verfolgt, ein- und wieder ausreisen. Das Justizdep. weigert sich, dazu Stellung zu nehmen. Der, von zust. Botschaftern in Frage gest. UNO- Bericht scheint dessen Leitlinie zu sein. Nun sind Kant. u Gem. aufgef. die finanz. Aufwend. zu überprüfen !!
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