Knochensäge und Kräuter: 2000 Jahre Aargauer Heilkunst

Bereits zum zweiten Mal stehen die Aargauer Schlösser für ein Jahr unter einem gemeinsamen Motto: Nach dem Frauenjahr 2012 gibt es nun das Gesundheitsjahr 2014. Die Trägerorganisation Museum Aargau präsentierte am Montag ihr Jahresprogramm. Eine Zeitreise vom Aderlass bis zum Kneipp-Bad.

Medicus mit Knochensäge Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Brachiale Methoden: Der römische Medicus präsentiert im nachgebauten Feldlazarett im Legionärspfad seine Knochensäge. SRF

Legionärslager Vindonissa, 50 nach Christus: In einem Feldlazarett liegen schwer verletzte römische Soldaten auf den Strohbetten. Auf Holzschemeln liegen chirurgische Werkzeuge bereit, Skalpelle und Knochensägen. Schmerzensschreie zerreissen die Stille. Der Medicus amputiert Beine, näht und brennt Wunden aus. Die Patienten sind dabei nur mangelhaft mit Opium und Rotwein betäubt.

Solche Szenen dürften sich im antiken Windisch hundertfach abgespielt haben. Das römische Legionärslager Vindonissa beherbergte wohl das erste Spital auf Aargauer Boden: 60 Krankenzimmer für etwa 300 kranke und verletzte Legionäre, so haben es Ausgrabungen gezeigt.

Blutige Wunden in Vindonissa, Pestbeulen auf der Habsburg

Nun lässt das Museum Aargau die antike Medizin wieder aufleben: In einem nachgebauten Feldlazarett kann man die römischen Medici bei ihrer Arbeit beobachten und erfährt, wie viel Wissen die antiken Mediziner bereits hatten. «Natürlich liefen Operationen anders ab als heute», sagt der leitende Kurator von Museum Aargau Thomas Rorato. «Doch wenn man zum Beispiel die chirurgischen Instrumente anschaut, dann unterscheiden sich die modernen Geräte kaum von denen, die in Windisch ausgegraben wurden.»

Mit dem Untergang des römischen Reiches ging auch viel medizinisches Wissen verloren. Erst mit dem Vormarsch der arabischen Kulturen im Mittelalter kamen viele heilkundliche Erkenntnisse zurück nach Europa. Diesen Weg zeigt eine Ausstellung auf Schloss Lenzburg. Auf Schloss Habsburg hingegen wird das dunkle Kapitel der Pest-Seuchen thematisiert: Ein Pest-Sarg aus Magden ist das Herzstück der Sonderausstellung. Dieser Sarg wurde mehrmals verwendet, um Opfer der Pest-Epidemie zu begraben.

Neben mehr oder weniger brachialen Methoden in der Chirurgie oder völlig unnützen Handlungen wie dem Aderlass setzte die Medizin im Mittelalter vor allem auf Kräuterkraft. Im Kloster Königsfelden zeigt das Museum Aargau heilende Rezepturen in der Kräuterapotheke. Derweil kann man sich im Wasserschloss Hallwyl über die zum Teil eher unappetitlichen hygienischen Verhältnisse in der Ritterzeit informieren: Es gibt spezielle Führungen und Aktionen zum Thema «stilles Örtchen».

Ein Programm für mehrere Ausflüge

Museum Aargau setzt mit dem Motto «Achtung ansteckend!» nach 2012 zum zweiten Mal auf ein gemeinsames Thema für alle Standorte. 2012 thematisierten die Kuratoren der Aargauer Schlösser verschiedene zentrale Frauenfiguren, nun setzen sie also auf das Oberthema Heilkunde. «Die Medizin als Thema ist mit allen unseren Orten auf spezielle Art verbunden. Wir versuchen, einzelne Geschichten aus einzelnen Epochen an diesen Orten festzumachen», erklärt Kurator Rorato das Konzept im Gespräch mit Radio SRF.

Schlösser, Kloster und Legionärspfad öffnen ihre Tore am 1. April. Die Sonderausstellungen zur Heilkunde werden zum Teil mit speziellen Anlässen zu einem späteren Zeitpunkt eröffnet. So oder so gilt: Wer sich intensiv mit der gesamten 2000-jährigen Medizingeschichte des Kantons befassen will, der sollte mehrere Tage einplanen.

«Sie können an jedem Standort gut zwei bis drei Stunden verbringen», lacht Kurator Thomas Rorato. «Deshalb haben Sie ja auch sieben Monate Zeit, bis wir die Ausstellungen wieder schliessen.»