Mit «Melnitz» kommt das Aargauer Judentum ins Kurtheater Baden

Charles Lewinskys Erfolgsroman «Melnitz» kommt ins Kurtheater Baden. Nicht ohne Grund ist der Spielort Baden: Die Stadt und die nahe gelegenen Dörfer Endingen und Lengnau sind Dreh- und Angelpunkt der jüdischen Geschichte in der Schweiz, sagen die Freitagsgäste Walter Küng und Bruno Meier.

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Melnitz und der Aargau

2:33 min, aus Tagesschau vom 19.10.2013

Mit dem Roman «Melnitz» erzielte der jüdische Autor Charles Lewinsky einen Grosserfolg. Seine Chronologie einer jüdischen Familie in der Schweiz stand monatelang auf den Bestsellerlisten im In- und Ausland.

Reinhold Moritz spielt Melnitz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Schauspieler verkörpern verschiedene Rollen. Hier Reinhold Moritz als Melnitz. zvg/Emanuel Freudiger

Nun kommt diese Geschichte auf die Bühne des Kurtheaters in Baden. Dass die Uraufführung ausgerechnet hier stattfindet, macht durchaus Sinn. Baden liegt unweit der beiden Judendörfer Endingen und Lengnau im Surbtal, wo die Saga der Familie Meijer ihren Anfang nimmt.

Es ist aber nicht nur die Familiengeschichte, die den Schauspieler und Initianten des Projekts, Walter Küng, interessiert. «Melnitz» sei nämlich äusserst zeitgemäss. «Es geht um die Art und Weise, wie Mehr- und Minderheiten miteinander umgehen. Wo passt man sich an, wo soll man Kompromisse machen?»

Der Anfang der Saga

Der Viehhändler Samuel Meijer lebt mit Frau, Tochter und Ziehtochter in Endingen. 1871 steht unerwartet ein entfernter Verwandter vor der Tür. Der aus dem Elsass stammende Janki Meijer kommt und bleibt und nimmt einen Platz ein in der Familie und im Dorf. Er gründet bald einen Stoffhandel, später ein Kaufhaus in Baden und heiratet Salomons aufgenommene Tochter Chanele.

In dieser Familiengeschichte spiegelt sich das politische Bild Europas am Beispiel dieser Familie aus Endingen, die exemplarisch über vier Generationen hinweg porträtiert wird: Antisemitismus, der durchaus auch in der Region vorkommt, die Abstimmung zum Schächtverbot, Nationalsozialismus und Holocaust – Lewinsky beschreibt anhand der Familie Meijer die Geschichte des Schweizer Judentums ab den 1870er-Jahren bis nach dem 2. Weltkrieg.

Antisemitismus und Emanzipation

Schauspieler in jüdischen Kostümen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Ensemble in einer Szene am Anfang von «Melnitz»: Familie Meijer mit dem Neuzugang Janki (Florian Steiner, mit Hemd). zvg/Judith Schlosser

Lewinskys Roman hat auch die Emanzipation der Juden in Endingen zum Thema, die später nach Baden und von dort aus weiter nach Zürich und dann in die ganze Schweiz ziehen. Die Familie der ehemaligen Bundesrätin Ruth Dreifuss ist so ein Beispiel oder diejenige der Künstlerin Mereth Oppenheim – beide Familien stammen ursprünglich aus dem Surbtal.

Für den Historiker Bruno Meier aus Baden ist «Melnitz» eine gute Gelegenheit, «die jüdische Kultur für einmal abseits des Holocausts kennenzulernen». Eine Kultur, die kaum einer kennt, obwohl Nichtjuden und Juden jahrzehntelang praktisch Tür an Tür lebten.

«In Baden haben sich die jüdischen Familien recht gut integriert», weiss Bruno Meier, «die Juden prägten das Stadtleben von Baden jahrzehntelang mit.» Für ihn ist die jüdische Geschichte trotz allen negativen Erscheinungen durchaus eine positive.

Wie macht man aus 800 Buchseiten ein Theater?

Ursprünglich plante Walter Küng, den Roman auf drei Theaterabende aufzuteilen, «Melnitz» wie eine Fortsetzungsgeschichte zu erzählen. Geblieben ist nicht zuletzt aus Kostengründen ein gegen dreistündiges Stück, das vor allem den Weg der Familie Meijer von Endingen nach Baden und Zürich zeigt. Historische Nebenlinien wie der Holocaust oder der erste Zionistenkongress in Basel kommen nicht oder nur am Rande vor.

Jüdische Regisseurin

Als Regisseurin wurde die Deutsche Adriana Altaras verpflichtet, eine urprünglich aus Kroatien stammende Jüdin. Dies sei eine ideale Besetzung, sagt Walter Küng dem Regionaljournal AG SO von Radio SRF: «Als Jüdin kann Adriana Altaras völlig unbefangen an das Thema herangehen. Ich hätte immer wieder Angst, in die Antisemitismus-Falle zu treten.»

Entstanden ist ein Volkstheater. Gezeigt wird kein Schwank, sondern das wirkliche Leben, durchaus handfest. «Wenn jemand während des Theaters sagt, das wusste ich nicht oder warum wusste ich dies nicht, dann haben wir ein wichtiges Ziel erreicht.» Am schönsten wäre für Walter Küng aber die Erkenntnis, dass unsere Kultur eigentlich in der gleiche Kultur fusst wie die jüdische.