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Aargau Solothurn Unbekanntes Überschwemmungsrisiko im Aargau

Die Überschwemmungen nach den jüngsten Regenfällen im Aargau zeigen einen neuen wunden Punkt im Hochwasserschutz. Gefahr geht nicht mehr nur von Flüssen aus, sondern vermehrt auch von Bächen, die unterirdisch fliessen. Der Kanton verlangt mehr Zugeständnisse von den Bauern. Diese winken jedoch ab.

Im Aargau gibt es rund 3000 Kilometer Bachläufe. Etwa ein Drittel davon, um die 1000 Kilometer, verlaufen unterirdisch. Diese Bäche wurden eingedolt, damit man die Fläche darüber besser nutzen kann, sei es für die Landwirtschaft oder um darauf bauen zu können.

Wasser aus Rohr fliesst in Fluss.
Legende: Dem Kanton sind eingedolte Bäche in Dorn im Aug. Die Bauern wollen daran nichts ändern. Keystone (Symbolbild)

Nun können solche eingedolten Bäche aber zum Problem werden, wenn es wie in den letzten Tagen punktuell sehr stark regnet, sagt der Wasserbau-Experte des Kantons Aargau, Markus Zumsteg: «Das Wasser kann nicht in einen Bach, es fliesst darum einfach auf der Oberfläche ab, auf Strassen und ins Siedlungsgebiet.»

Man habe das in der Region unteres Freiamt und rund um Lenzburg gesehen. Aus den Feldern liefen ganze Bäche via Strassen ins Dorf.

Natürlich komme es nicht allzu oft vor, gibt auch Zumsteg zu. «Das sind ein schlafende Probleme, man merkt lange nichts und dann sind alle überrascht.» Dann zeige sich aber der Handlungsbedarf deutlich.

Interessenkonflikt zwischen Bauern und Hochwasserschutz

Der Kanton möchte eingedolte Bäche unter anderem auch deshalb wieder zurück holen an die Oberfläche. Durch eine solche Revitalisierung lasse sich einerseits der Lebensraum Wasser zurückgewinnen, ein Gewinn für viele Tiere und Pflanzen. Andererseits mindere man auch das Überschwemmungsrisiko.

Gegen Ausdolungen von Bächen stellen sich die Landwirte. Wenn auf ihren Feldern ein Bach plötzlich über- statt unterirdisch fliesst, dann bedeute das einen beträchtlichen Kulturlandverlust, sagt Ralf Bucher, der Geschäftsführer des Aargauischen Bauernverbandes: «Es gibt Probleme mit der Bewirtschaftung und auch mit der Erschliessung, wenn man zum Beispiel noch eine Brücke bauen muss.»

Auch beim Kanton sieht man dieses Problem. Markus Zumsteg gibt zu: «Wir haben hier einen Interessenkonflikt, Landbewirtschafter wehren sich häufig gegen Bachöffnungen.» Aber es gebe ja Entschädigungen für die Bauern, wenn sie nach einer Ausdolung weniger Land bewirtschaften können.

Vorwärts machen

Für den Bauernverband reichen diese Entschädigungen in Form von Direktzahlungen nicht aus, sagt Ralf Bucher: «Der Bauer versteht sich primär als Nahrungsmittelproduzent. Er will nicht noch mehr vom Staat abhängig sein.» Man müsse nicht zwingend alle Bäche an die Oberfläche holen, es könne auch reichen ein grösseres Rohr einzusetzen.

Bei der Sektion Gewässerbau des Kantons möchte man gar nicht allzu viele Bäche an die Oberfläche zurückholen, erklärt Markus Zumsteg. In den nächsten Jahren vielleicht 25 der 1000 Kilometer, die unterirdisch verlaufen.

Es sei ein Generationenprojekt. Wichtiger sei, dass man dort, wo man aufdolen will, das auch zügig umsetzen kann. Denn der Aargau sei im Rückstand, was die Revitalisierung von Bächen angeht.

Und dazu kommt, dass starke längere Regenfälle gemäss den Prognosen von Meteorologen in den nächsten Jahren eher häufiger auftreten dürften. Somit wäre es laut Zumsteg wohl sinnvoll, bei der Aufdolung der Bäche etwas vorwärts zu machen.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Max Blatter (maxblatter)
    "Der Bauer versteht sich ... als Nahrungsmittelproduzent, er will nicht ... vom Staat abhängig sein." Daraus spricht ein Stolz, den man verstehen kann - der aber nicht mehr zeitgemäss ist. Nahrungsmittel sind in Europa längst nicht mehr ein knappes, sondern ein im Überfluss vorhandes Gut. Dagegen ist heute das ökologische Verhalten der Bauern gefragt: im Interesse der Artenvielfalt, oder eben im Interesse des Hochwasserschutzes. Dazu braucht es andere als die marktwirtschaftlichen Mechanismen.
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