Webermühle – die Rehabilitation der Plattenbausiedlung

In den 60er-Jahren Inbegriff von Fortschritt, dann als Ghetto verschrien, heute Lernbeispiel: die Siedlungen der Ernst Göhner AG sind Thema einer Ausstellung im Historischen Museum Baden. Unter anderem am Beispiel der Siedlung Webermühle in Neuenhof entspinnt sich ein Diskurs über Stadtplanung.

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Bildlegende: Die Webermühle im Bau (Mitte der 70er-Jahre), im Hintergrund die Gemeinde Wettingen. zvg

Schön, ruhig, viel Natur – die Aussagen der Bewohner der Siedlung Webermühle in Neuenhof kontrastieren mit den Vorurteilen, die viele haben. Aussenstehende denken beim Stichwort «Webermühle» nämlich an Anonymität, Plattenbau-Siedlung und Ausländer-Ghetto.

Das alles ist die Webermühle, aber auch sehr viel mehr. Die Ausstellung «Göhner wohnen – die Plattenbausiedlungen der Ernst Göhner AG zwischen Hochkonjunktur und Ölkrise» im Historischen Museum Baden zeigt den Kontext, in dem die Siedlung entstanden ist. In den 60er-Jahren herrschte in der Schweiz Hochkonjunktur, die Wirtschaft brauchte dringend Arbeitskräfte und holte sie aus dem Ausland.

Der Schrei nach Wohnungen

Schweizer wollten mehr Platz, Zuwanderer brauchten Raum – die Nachfrage nach Wohnungen explodierte, der Immobilienmarkt war überhitzt. Sogar der Bundesrat beschäftigte sich mit der Wohnungsnot. Er trommelte die Bauwirtschaft und die Banken zusammen und suchte nach Lösungen.

In diesen Diskussionen entwickelte der Zürcher Bauunternehmer Ernst Göhner die Idee, Wohnungen in grossem Stil, sozusagen industriell zu bauen. In Volketswil errichtete er eine grosse Fabrik, die Wohnungsteile vorfabrizierte. Diese Teile, einzelne bis zu 20 Tonnen schwer, wurden dann auf die Baustellen gefahren und dort direkt verbaut.

«In den Wänden waren die Isolation und die elektrischen Leitungen schon eingebaut», sagt der Badener Historiker Fabian Furter. «Es war fast wie Lego: Auf der Baustelle fügte man die Teile zusammen. Dann musste man nur noch malen und tapezieren.»

Vom Lob zur Kritik

Die Ernst Göhner AG zog eine Grossiedlung nach der anderen hoch. Pro Tag konnten auf einer Baustelle bis zu 4 Wohnungen gebaut werden. Und diese Wohnungen gingen weg wie frisches Brot.

Die Überbauung Webermühle in Neuenhof ist die letzte Grosssiedlung, die die Ernst Göhner AG als Plattenbau-Siedlung errichtete. Der Bau begann Mitte der 70er-Jahre. Schon seit Ende der 60er-Jahre war Kritik laut geworden am System der Ernst Göhner AG.

Die Siedlungen seien Geldmaschinen, hiess es, sie seien asozial und Ausländer-Ghettos. Diese Kritik traf die Webermühle empfindlich. Die Wohnungen konnten nur schleppend vermietet werden, die weiteren Etappen wurden verschoben. Erst Mitte der 80er-Jahre war die Überbauung fertig.

Lange haftete der Webermühle ein schlechtes Image an. Der Ausländeranteil war hoch, sie war in Neuenhof ein Fremdkörper. Die Verwaltung unterhielt die Anlage mehr schlecht als recht. Die grosszügigen Aussenanlagen mit Pergolas, Sitzplätzen, Tischtennistischen und Spielgeräten verwilderten.

Die Webermühle als Vorbild

Dabei sind genau diese Aussenräume eine grosse Qualität der Göhner-Siedlungen. Auch die Anordnung der Bauten ist durchdacht. Grossen Wert legten die Planer nämlich auf Privatheit. In der Webermühle sehen die Bewohner einander nicht gegenseitig auf die Balkone, die meisten haben freie Sicht ins Grüne.

Von diesen Konzepten können heutige Planer viel lernen. Im Gegensatz zu den 80er- und 90er-Jahren ist die Diskussion um verdichtetes Bauen und um Hochhäuser wieder aktuell. Doch zum Leidwesen des Historikers Fabian Furter wollen die heutigen Architekten die Göhner-Bauten nicht zum Vorbild nehmen.

Fabian Furter: «Die Planer von damals sagten uns, sie würden staunen, wenn sie heutige Grosssiedlungen anschauen. Die heutigen Architekten hätten nichts gelernt von ihnen. Überbauungen heute sind zwar schön designt, aber man fühlt sich nicht wohl darin.»